Notstand bei den Kellerbühnen

Für die traditionsreichsten Kleintheater der Altstadt wird das Überleben immer schwieriger. Ein neuer Kredit von der Stadt könnte sie nun retten.

Eine fünfzigjährige Institution: Das Berner Puppentheater, hier mit einer Szene aus «Die Schöne und das Tier» (2008).

Eine fünfzigjährige Institution: Das Berner Puppentheater, hier mit einer Szene aus «Die Schöne und das Tier» (2008). Bild: zvg

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Es herrscht Ratlosigkeit an der Gerechtigkeitsgasse 31. «Warum?», fragt ­Karin Wirthner nur, die hier zusammen mit ihrem Mann Frank Demenga das Berner Puppentheater leitet. «Warum will die Stadt das Puppentheater sterben lassen?» Anlass zur Sorge geben Wirthner und Demenga die jüngsten kulturpolitischen Entscheide: Die städtische Kulturförderung sieht für die nächsten vier Jahre weiterhin keine feste Unterstützung des Berner Puppentheaters vor. Und dies, nachdem Wirthner und Demenga bereits zwei Jahre ohne Geld von der Stadt auskommen mussten.

Anfang 2017 hat das Paar die Kellerbühne von den Vorgängern, Monika Demenga und Hans Wirth, übernommen – und damit schon eine Schliessung abgewendet. Müsste das Lokal nun endgültig zumachen, wäre es das Ende einer Institution. Vor fünfzig Jahren von den Schauspielern Rolf Meyer und Martin Friedli gegründet, tourte das Berner Puppentheater zuerst viele Jahre als freie Gruppe durch den deutschsprachigen Raum, bevor man 1981 den Keller in der unteren Altstadt als feste Spielstätte bezog.

Auf eine ähnlich reiche Geschichte blickt das Narrenpack-Theater an der Kramgasse zurück. Um die Gruppe, die ihre feste Bühne seit 1985 betreibt, steht es finanziell ebenfalls kritisch: Ab 2019 wird sie keinen jährlichen Pauschalbetrag mehr von der Stadt bekommen. Grund dafür sei, dass man in der Theaterkommission alle freien Gruppen gleich behandeln wolle, sagt Giulia Meier, die bei Kultur Stadt Bern fürs Theater zuständig ist. Das Narrenpack war das einzige Kollektiv, das pauschal gefördert wurde.

«Unsere Petition ist
ein letzter Aufschrei.»
Karin Wirthner, Berner Puppentheater

Um zu überleben, bleibt den Traditionsbühnen also nur noch, auf Stückbeiträge zu hoffen – neben Subventionsverträgen sind diese für Kulturlokale die zweite Möglichkeit, von der Stadt unterstützt zu werden. Im Falle des Puppentheaters wurden aber auch diese Eingaben abgelehnt. Als Begründung nennt Giulia Meier die grosse Konkurrenz in der Theaterszene. Alle Gesuche müssten «denselben Anforderungen» entsprechen sowie «ihre künstlerische Absicht formulieren».

Neuer Kredit für die Kellerkultur

Stadtpräsident Alec von Graffenried bedauert die Lage der beiden Kleintheater: «Ich würde mir wünschen, dass sie als Kulturräume weiter existieren können.» Dies war laut von Graffenried der Grund, warum er einen neuen Kredit vorschlug, um die Kellerkultur in der unteren Altstadt zu fördern (wir berichteten). Während im Mai aber noch unklar war, was eine kulturelle Nutzung in Bezug auf die Lokale bedeutet und ob etwa auch Konzertveranstalter von infrastrukturellen Beiträgen profitieren könnten, spricht von Graffenried jetzt nur noch explizit von den Kleinkunstbühnen.

Auf die Lage des Puppentheaters wirft dieser Umstand ein neues Licht. Denn dort rechnete man bisher höchstens mit einem vierstelligen Betrag pro Jahr, der vom neuen Kredit möglicherweise ans Puppentheater gehen würde. Heute aber sieht die Rechnung des Stadtpräsidenten anders aus. Zwar muss sie in nächster Zeit noch vom Gemeinde- und Stadtrat abgesegnet werden – die Idee aber sei, «dass sich vielleicht drei bis fünf Lokale um einen Beitrag bewerben können», so von Graffenried. Von den 100000 Franken, die er sprechen will, könnten also sowohl die Betreiber des Puppentheaters als auch des Narrenpacks künftig je 20000 bis 30000 Franken pro Jahr bekommen. Er habe darüber hinaus die Hoffnung, dass die beiden Bühnen «stärker für Gastspiele genutzt werden können», sagt von Graffenried.

Ob die Leitung des Puppentheaters allerdings noch lange weitermacht, scheint fraglich: Zu tief steht man derzeit in den roten Zahlen. Um auf ihre Notlage aufmerksam zu machen, haben Wirthner und Demenga vor kurzem eine Petition gestartet sowie diverse Vertreter aus Politik, Behörden und Medien zu einer Sonderveranstaltung eingeladen. Man erhoffe sich dadurch, dass das Puppentheater wieder ins Gespräch komme, sagt Karin Wirth­ner. «Oder dramatisch gesagt: Es ist ein letzter ­Aufschrei.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2018, 07:43 Uhr

Kommentar: Nicht mehr als ein Trostpflaster

Es werden noch einige Monate ver­gehen, bis klar ist, wie es mit den ältesten noch existierenden Kellertheatern Berns weitergeht. Sicher ist aber schon jetzt: Der Kredit der Stadt, mit dem Stadtpräsident Alec von Graffenried jene Lokale retten will, ist eine Verlegenheitslösung. Je nach Höhe könnte er den Betreibern zwar ein vorübergehendes Überleben sichern; und womöglich öffnen sich die Bühnen auch für die Klein­kunstszene. Ein klares Bekenntnis aber sieht anders aus.

Irritierend ist vor allem die Tatsache, dass man eher einen neuen Kredit schafft, als sich der Diskussion um Qualität und Innovation im Kulturschaffen zu stellen. Dabei wäre genau das nötig: In einer Zeit, in der das kulturelle Angebot dieser Stadt so vielfältig ist wie nie und sich immer mehr Theatergruppen um Förder­beiträge bewerben, können sich die
Kellerbühnen nicht mehr leisten, ihre Existenz in erster Linie durch ihre Lage und eine langjährige Tradition zu legitimieren. Von Theatern, die sich städtische Beiträge erhoffen,
darf erwartet werden, dass sie einen inhaltlichen Dialog zulassen.

Der Entscheid der städtischen Theaterkommission, gleiche künstlerische Anforderungen an die geschichtsträchtigen Kellerbühnen zu stellen, wie sie auch für freie Gruppen gelten, ist deshalb nachvollziehbar. Die Altstadttheater müssen sich zunehmend gegen eine lebendige freie Theaterszene behaupten. Ohne eine sachliche Aus­ein­an­der­set­zung darüber, was in den Kellern gezeigt werden soll, ist der geplante Kredit aber nicht viel mehr als ein gut gemeintes Trostpflaster.

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