Lesen und Tod

Mehr als nur schöne Objekte: Berner Gestalter kümmern sich sogar um unsere sterblichen Überreste, 
wie die Ausstellung «Bestform» im Kornhausforum vor Augen führt.

Kleider für Frauen mit Haltung:  Stücke des Berner Modelabels Viento, ausgezeichnet mit dem Designpreis 2015.

Kleider für Frauen mit Haltung: Stücke des Berner Modelabels Viento, ausgezeichnet mit dem Designpreis 2015. Bild: Valérie Chételat

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Verspielt und dabei doch klassisch: Dieses Etikett klebt an den Kreationen des Berner Modelabels Viento. Und so geben sich denn auch die zwei in Viento eingekleideten Schaufensterpuppen, die im Kornhausforum als Erstes ins Auge stechen. Die Querstreifen auf dem einen Ensemble etwa, die werden im Schossbereich des Jupes zu Schrägstreifen – und das Deuxpièces, diese Uniform der Frau in der Öffentlichkeit, bekommt gleich etwas Verschmitztes.

Seit 29 Jahren schneidern Anja Boije und Andrea Hostettler Frauen Kleider auf den Leib – und beweisen dabei ein perfektes Gespür für die weibliche Anatomie, wie die auf die Wand projizierten Beispiele aus drei Dekaden Modeschaffen zeigen. Die Taille betont, die Linien klar, die Muster meist schlicht – es sind sinnliche Kleider für Frauen mit Haltung. Umso stimmiger, dass die Berner Designstiftung mit Viento zum ersten Mal Frauen und zum ersten Mal ein Werk im Bereich Mode mit dem Design­preis auszeichnet. Der mit 15'000 Franken dotierte Preis wird seit 2007 verliehen (5000 Franken davon gehen jeweils an einen Newcomer, dieses Jahr an Vera Roggli, die ein Kleid mit Latex-Einsatz und Schuhe mit gallert­artigen Latex-Sohlen zeigt); heuer, auch das ist eine Premiere, sind die Werke der Gewinner in der Ausstellung «Bestform» zu sehen, die alljährlich demonstriert, welche Berner Gestalter mit Werk- und Förderbeiträgen unterstützt wurden.

Inspiration Nagelbett

Dabei geht es oft um mehr als um die schöne Form oder die perfekte Funktionalität. Dass Gestaltung die Wahrnehmung beeinflusst, macht die Arbeit des Grafikduos Johnson/Kingston deutlich. «These ain’t no books» ist eine App und ein Buch und gleichzeitig eine Untersuchung darüber, wie Texte digital dargestellt werden. E-Books, so schreiben Ivan Weiss und Michael Kryenbühl, seien im Moment oft Imitate von gedruckten ­Büchern. Dabei würden «medienimmanente Fragestellungen» vernachlässigt, sprich: Nötig sind neue Wege in der ­Gestaltung digitaler Inhalte.

Auch Patrick Savolainen macht sich in seiner designphilosophischen Arbeit Gedanken über den Buchkörper an sich; die Rahmenveranstaltung mit dem Titel «Wovon träumt das Buch und wovon das digitale?» dürfte den nicht ganz einfach ausstellbaren Projekten weitere Konturen verleihen.

Ungewöhnliche Konturen hat auf den ersten Blick das Tagesbett des Gestalters Markus Bangerter: Eine Armada von vertikal platzierten Holzzapfen bildet die Auflagefläche – Bangerter liess sich offensichtlich von einem Nagelbett inspirieren. Fakire indes dürften enttäuscht sein: Wer auf die Liegefläche drückt, merkt, dass darunter eine Schaumgummiunterlage ist, die die Zapfen einsinken lässt und dem Gewicht und der Körperform des ­Ruhenden bereitwillig nachgibt.

«Bestform» zeigt aber nicht nur Aktuelles, sondern holt auch ältere Objekte der Sammlung angewandter Kunst aus dem Depot. Für diesen historischen Teil der Ausstellung hat Szenograf Florian Hauswirth die Vitrinen mit den Objekten auf langen Kartonröhren platziert, die den Eindruck einer Zeitachse vermitteln. Hier stehen eine Schmuckkassette aus Lindenholz von 1890 mit filigran eingeschnitzten Edelweissen ebenso wie ­Bijoux aus der Plakatsammlung oder neuere Ankäufe.

Ökologisch abbaubar

Mit einem Ankaufskredit von 7500 Franken erwirbt die Designstiftung jedes Jahr bemerkenswerte Berner Stücke. Darunter jüngst auch Objekte der Keramikerin Nathalie Heid. Es sind schlicht gerundete, weisse Gefässe, deren Funktion nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, weil sie sich von gängigen Produkten ihrer Art abheben. Es sind Urnen. Der ungebrannte Ton löst sich im Wasser innert weniger Stunden auf, in der Erde je nach Bodenbeschaffenheit. Das Material ist, nun ja, ökologisch abbaubar, die Asche des Verstorbenen geht in den Elementen auf. Es ist Produktdesign, welches das Design-Credo «form follows function» überflügelt – und nicht nur einem herkömmlichen Gegenstand eine neue, ansprechende Form gibt, sondern einem neuen Bedürfnis nachkommt: jenem nach alternativen Formen der Bestattung. Design, sogar fürs Nichtsein.

(Der Bund)

Erstellt: 25.04.2015, 11:52 Uhr

Agenda

Bis 17. Mai. Veranstaltung zur Buch­gestaltung: Donnerstag, 30. April, 19 Uhr.

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