Jeder Zeuge ein Komplize

Die Tanzcompagnie Konzert Theater Bern brilliert in der Vidmar mit zeitgenössischen Choreografien von Sharon Eyal und Jo Stromgren.

Man blickt wie durch einen Sepiafilter auf die Bühne: Szene aus «Salve regina».

Man blickt wie durch einen Sepiafilter auf die Bühne: Szene aus «Salve regina». Bild: Gregory Batardon

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Kaum geht es los, ist man mittendrin. «Lost Cause» heisst Sharon Eyals Stück. Ein Schlagzeug wettert, die Dunkelheit bricht auseinander. Im Kegel eines gleissenden Strahls beginnt eine Figur sich im Licht zu duschen. Unter dem nacktfarbenen Nichts ihres eng anliegenden Trikots (Kostüme: Mayaan Goldman) meint man jede Muskelfaser zu erkennen. Zum Beispiel eruptive Akzente im Schultergürtel, die Verbiegungen des Beckens oder der Mittelachse.

Es sieht aus, als wäre das Rückgrat bloss ein Gummistab. Und wie die Arme zu mächtigen Schwingen werden, da kommen plötzlich aus der Dunkelheit immer mehr. Die technoiden Rhythmen peitschen sie aus ihren Verstecken. Männer, Frauen, alle in diesen raffinierten Kostümen, die mehr zeigen, als sie verhüllen. Die lichten Torsi federn androgyn durcheinander. Motorisch-präzis, zackig, rasend schnell. Immer wieder Richtungswechsel, Brüche in den Bewegungslinien.

Die Tanzenden sehen aus wie Schwebende. Das liegt daran, dass ihre nackten Füsse den Boden kaum berühren. Ständig auf Dreiviertelspitze – ein Kraftakt, der hier ganz leicht aussieht. Der zu Beginn hypnotische, später etwas monotone Beat (Ori Lichtik) kennt kein Erbarmen. Doch die Körperinstrumente der Tanzenden sind gut gestimmt, die Bewegungs­melodie bleibt präzise und stets im Fluss. Faszinierend zu beobachten, wie sich sein Aggregatszustand kontinuierlich verändert.

Strukturen statt Geschichten

Erzählt wird hier nichts. Es gibt keine Geschichte. Sharon Eyal geht es beim Choreografieren von Bewegung um Strukturen, Formen, Variationen und dynamische Zeitverhältnisse. Nichts wird dem Zufall überlassen. Auch da nicht, wo auf der Bühne chaotisches Gewusel herrscht. Da lohnt sich genaues Hinsehen. In den exponierten Soli (herausragend: Marieke Monquil und Andrey Alves), in den Duetten und Kollektiven erkennt man mit der Zeit einzelne Motive. Wenn die Tänzerinnen und Tänzer ihre blaugrün gefärbten Fingerspitzen ausstrecken und mit abgeknickten Handgelenken archaische Schalen formen, dann meint man Motive aus ägyptischen Papyrusbildern zu erkennen.

Oder dort einen Tatzelwurm aus Körpern, eine Zitterwelle oder Bogenschützen. Und wenn die Tanzenden mit ihren Händen Mund oder Augen verschliessen, schmuggelt Eyal stilisierte menschliche Emotionen in die Abstraktion. Die Choreografin, die in ihrer Heimat Israel längst ein Star ist, macht den Zuschauer immer wieder zum Komplizen. Am wichtigsten aber ist dieses federnde Gehen auf Dreiviertelspitze. Es wirkt hypnotisch auf die Sinne. Überhaupt scheint aus der Dynamik des Gehens hier alles zu entstehen.

Nach der Pause wechseln Temperatur und Perspektive. Die urbane Ästhetik in Sharon Eyals Choreografie wird vom norwegischen Choreografen Jo Stromgren mit tänzerischer Theatralik neu aufgeheizt. Man nimmt den Bühnenraum fortan wie durch einen Sepiafilter wahr. Da ist viel Geheimnis im Schwange und ganz viel Weihrauch. Das passt: Etwas benebelt versteht man die menschlichen Abgründe, die sich hier auftun, umso besser.

Die musikalische Collage aus Werken der Renaissance und des Barock gibt die Folie für «Salve Regina», so der Titel des Stücks. Es erzählt in bewegten Postkartenbildern von Obsessionen, Sehnsüchten und Ängsten. Von Menschen, die Macht, Willkür und Hierarchie ausgeliefert sind, aber auch von magischen Zaubereien: So bringt der Glaube ein Marienbild zum Leuchten. Und die Furcht den Tanzboden zum Verschwinden: Während die Menschen Schutz und Geborgenheit unter dem Teppich suchen, wird er vor aller Augen verschluckt.

Brillant ins Absurde

Man fühlt sich zurückgeworfen ins 17. oder 18. Jahrhundert oder, wenn die Musikcollage ins Geräuschhafte umschlägt, auch mal in die Gegenwart. Da gibt es nebeneinander nostalgische Röcke, Hauben mit Pompons und Halskrausen (Kostüme: Bregje van Balen) sowie dämonische Herren, die sich mit abgespreizten Doppelfingern verschwörerisch an die rechte Brust greifen – also gerade nicht dahin, wo das Herz des Redlichen schlägt. Dass das der Gruss des Vulkaniers Spock aus «Star Trek» ist, kümmert hier noch niemanden.

Zu siebt stehen sie da auf offener Bühne wie nach verlorener Schlacht. Selbst die Standarte welkt. Ein Tanzmeister klopft vergeblich mit seinem Stock, als könnte er damit dem Jammer zu neuem Elan verhelfen. Ob die geistlichen Bücher Rettung bringen, die später aus einem Koffer gepackt werden? Das wird nicht klar. Dafür das: Wer hier glaubt, wird selig. Oder eines anderen belehrt: Ein Hüne (Winston Ricardo Arnon) faucht mit dem Megafon einem Ungläubigen seine Inbrunst ins Ohr. Doch die Worte gehen in den Barockklängen unter. Immer wieder unterwandert Jo Stromgren gekonnt unsere Erwartungen oder führt Motive (wie die Bewegung des Sichbekreuzigens) brillant ad absurdum. Seine wohldosierte Situationskomik funktioniert zu hohen Countertenor-Gesängen und barocken Koloraturen jedenfalls prima.

Stromgrens zeitlos poetisches Setting schafft Raum für alle möglichen Assoziationen. Dass der einstige Tänzer auch von Film und Theater viel versteht (Interview in der «Berner Woche» vom 31. Januar), glaubt man gerne. Zwar gibt es im Mittelteil von «Salve Regina» ein paar dramaturgische Längen. Doch insgesamt erhalten die sieben Tanzenden (in späteren Vorstellungen wird auch eine zweite Besetzung zum Einsatz kommen) ausgiebig Gelegenheit, ihr herausragendes tänzerisches Können unter Beweis zu stellen.

Es braucht die Überlieferung

Konzert Theater Bern leistet mit dem Doppelabend einen wichtigen Beitrag dazu, dass zwei einzigartige Werke nach der Uraufführung nicht verschwinden. Anders als im Schauspiel oder in der Musik gibt es für diese Kreationen keine Partituren oder Verschriftlichungen. Sie müssen vor Ort von Zeugen an Zeugen überliefert werden. Nur so kann eine Choreografie überhaupt weiterleben. Dass das in Bern möglich wurde, ist als Auszeichnung für die Qualität des Tanzensembles zu lesen; nicht jeder Choreograf gibt seine Stücke weiter.

Obwohl Eyal Sharon «Lost Cause» in Bern nicht selber einstudieren konnte, gab es mit Léo Lerus und Olivia Ancona Leute, die das nötige Erinnerungswissen mitbringen. Sie haben das Stück, das 2012 von der Batsheva Dance Company in Tel Aviv uraufgeführt wurde, hier produziert. Und Jo Stromgrens Stück, das seine eigene Truppe 2017 in Oslo uraufgeführt hat, wurde von Jubal Battisti und Henriette Hjamli nach Bern gebracht. Schritt für Schritt. Auch sie haben einen tollen Job gemacht. (Der Bund)

Erstellt: 03.02.2019, 15:38 Uhr

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