In jüngster Zeit häufen sich die Pannen

Ob das Kunstmuseum Bern dem Erbe Gurlitt gewachsen ist, das ist die grosse Frage. Die Leitung hat im Umgang mit Schenkungen nicht immer eine glückliche Hand.

Ist das Kunstmuseum Bern der Gurlitt-Sammlung überhaupt gewachsen?

Ist das Kunstmuseum Bern der Gurlitt-Sammlung überhaupt gewachsen? Bild: Adrian Moser

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Als Matthias Frehner, der heutige Direktor des Kunstmuseums Bern, 2002 seine Stelle antrat, war er mit einer leeren Kasse konfrontiert und einem Budget, das 90 Prozent des Etats für Personalkosten vorsah. Zu Frehners einschneidenden Sanierungsmassnahmen gehörte eine Reduktion der Kuratorenstellen. Unter den Folgen dieses Abbaus leidet das Museum noch heute. Erklärte Frehner die Betreuung der Sammlungen doch zur Chefsache, was angesichts seiner Arbeitsbelastung als Direktor erstaunte.

Die Sammlungen sind das grosse Kapital des Museums, das 1879 gebaut werden konnte, als der Architekt Gottlieb Hebler (1817–1875) der Stadt Bern sein ganzes Vermögen von 350 000 Franken vermachte. Der Sammlungshorizont war in den ersten Jahren allerdings ziemlich beschränkt, und bis Ende des Zweiten Weltkriegs war es vor allem Berner und Schweizer Kunst – Amiet, Hodler, Niklaus Manuel –, die gezeigt wurde. Nach dem Krieg wurde die Sammlungstätigkeit intensiviert, Schwerpunkt war in Bern die Klassische Moderne, dank Schenkungen von Einzelwerken und Sammlungen konnten die Bestände kontinuierlich ausgebaut werden. Hochkarätige Stiftungen (Expressionismus, Hermann und Margrit Rupf, Anne-Marie und Victor Loeb, Othmar Huber sowie Adolf Wölfli) machen einen bedeutenden Teil des Kapitals des Museums aus. Mit der Eröffnung des Zentrums Paul Klee (2005) musste das Kunstmuseum, das die Hälfte des Klee-Nachlasses geerbt hatte, aber einen seiner ganz grossen Trümpfe hergeben. Das Kunstmuseum hatte in den Siebziger- und Achtzigerjahren das Klee-Erbe so sehr vernachlässigt, dass die Erben mit einem Abzug aus dem Museum drohten.

Euphorie und Absage

Auch Matthias Frehner zeigte sich im Umgang mit Mäzenen und Gönnern nicht sehr geschickt. So verlor das Kunstmuseum 2002 zum Beispiel die Sammlung Im Obersteg, eine der bedeutendsten Schweizer Privatsammlungen der Klassischen Moderne, die es betreut hatte, an das Kunstmuseum Basel. Auch nicht zum Zug kam Bern weiter 2004 bei der Sammlung Gerlinger, die Maler der «Brücke» vereint und die Bern als Legat für fünf Jahre in Aussicht gestellt worden war. Die Museumsleitung musste nach anfänglicher Euphorie realisieren, dass der Unternehmer Gerlinger, der sich bereits mit einigen deutschen Museen überworfen hatte, nicht bereit war, verbindliche Abmachungen über die Zukunft der Sammlung zu schliessen.

International beachtet

Dank seinen Sammlungen und Beständen mit Werken von Picasso, Kirchner, Mondrian, Degas, van Gogh, Bonnard, Vallotton, Monet oder Cézanne war es dem Kunstmuseum Bern aber möglich, zahlreiche international beachtete Ausstellungen zu realisieren, die zum Teil auch von ausländischen Museen übernommen wurden. So stiess 2010 die Ausstellung zur Schweizer Kunst in der Hypo-Kunsthalle München auf grosse Resonanz. Höhepunkte waren die Ausstellungen zu Picasso (1992/2001), Amiet (1999) und Anker (2010). Schlagzeilen schrieb das Berner Kunstmuseum aber auch mit zeitgenössischer Kunst, als es 2005 die einmalige China-Sammlung von Uli Sigg zeigte. Die Ausstellung sorgte für einen Eklat, weil ein menschlicher Fötus Teil eines Kunstobjekts war. Auch hier zeigte sich die Museumsleitung wenig souverän im Umgang mit diesem heiklen Kunstwerk und der Öffentlichkeit.

Zurzeit steht das Kunstmuseum Bern vor grossen Herausforderungen, muss doch in den nächsten Jahren die vom Kanton Bern geforderte Fusion mit dem Zentrum Paul Klee vollzogen werden. Zudem soll der schon seit den 1980er-Jahren geplante Erweiterungsbau für Gegenwartskunst endlich realisiert werden. Auch dieses Unterfangen ist von zahlreichen Pannen begleitet: So zog sich der Mäzen Hansjörg Wyss, der die Mittel für den Neubau in Aussicht gestellt hatte, verärgert zurück.

Ob die aktuelle Leitung das Erbe Gurlitt stemmen kann, ist nun die ganz grosse Frage. Heute schreibt das Kunstmuseum Bern zwar schwarze Zahlen, aber der Personalbestand ist für die Bedeutung des Hauses relativ klein, und noch immer ist man mit der Aufarbeitung der Bestände in Verzug. (Der Bund)

Erstellt: 09.05.2014, 09:31 Uhr

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