Imponierender Kunst-Parcours durch die Zeit

«Feu sacré» oder 70 Jahre Berner Kunstgeschichte: Die Ausstellung im Kunstmuseum zeigt eine Auswahl von über 100 Künstlerinnen und Künstlern, die von 1942 bis 2012 das Aeschlimann-Corti-Stipendium gewannen.

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Nehmen wir die 1960er-Jahre. Ehe er mit seinen hyperrealistischen Werken international für Furore sorgte, rezipierte Franz Gertsch auch die Pop-Art, etwa in seinem Bild «Paar» aus dem Jahr 1969. Und Bendicht Fivian war selbstbewusst genug, 1968 mit einer eigenständigen Reaktion auf Andy Warhol aufzuwarten. In «Tref 1» besprayte er verschiedene Lagen von Tüllstoff und erzielte so die Illusion der Bewegung beim Betrachten des abgebildeten Paars. Gertsch und Fivian sind zwei Aeschlimann-Corti-Stipendiaten, die im Kunstmuseum Bern in einer frühen Entwicklungsphase zu entdecken sind. Oder Chantal Michel: Sie wird heute vor allem mit ihren Performances in Verbindung gebracht, zu sehen ist die Installation «Brutto, Tara, Betto» aus Keramik, Schaumstoff und Holzkisten, mit der sie 1994 das Stipendium gewann.

«Unterstützung armer, aber braver und strebsamer Talente»

Es waren zwei ledige, kinderlose Damen, die mit Legaten eines der begehrtesten Kunststipendien der Schweiz alimentierten. Die ursprüngliche Preissumme von 200 Franken, die Louise Aeschlimann «zur Verwendung für die Unterstützung armer, aber braver und strebsamer Talente» vorsah, wurde sukzessive erhöht und schliesslich 1992 dank einer Zuwendung von Margareta Corti finanziell nochmals massiv aufgewertet – und so trägt das seit 1942 von der Bernischen Kunstgesellschaft vergebene Stipendium heute die Namen der beiden kunstsinnigen Fräuleins. Das AC-Stipendium leistet seit nunmehr 70 Jahren einen bedeutenden Beitrag zur Förderung junger Talente. Zahlreiche heute renommierte und international anerkannte Berner Kunstschaffende gehören zu den Preisträgern, darunter Franz Getsch, Rolf Iseli, Bernhard Luginbühl, Markus Raetz, Balthasar Burkhard, Kotscha Reist, Franticek Klossner, Lang/Baumann oder George Steinmann.

Die zentrale Rolle der Kunsthalle

Nicht minder bekannte Namen zierten die jeweils dreiköpfige Jury, die jedes Jahr neu besetzt wird: So bekannte Persönlichkeiten wie Meret Oppenheim, Harald Szeemann oder Bice Curiger haben in der Vergangenheit über die Vergabe des AC-Stipendiums mitbestimmt. Das 200-Jahr-Jubiläum der Bernischen Kunstgesellschaft wurde nun zum Anlass genommen, dem Verein eine Ausstellung mit 104 Künstlerinnen und Künstlern zu widmen. Präsentiert werden die Gewinnerinnen und Gewinner mit jeweils einem Werk aus der Stipendiumszeit. Gastkuratorin Annick Haldemann, seit 2012 Präsidentin der AC-Jury, ging das Wagnis einer zwangsläufig heterogenen Ausstellung mit einer Vielzahl von Künstlern ein.

Knapp über die Hälfte der Werke in der chronologisch gehängten Schau – jeder Raum ist einem Jahrzehnt gewidmet – stammen aus den Beständen des Kunstmuseums, den Rest hat die Kuratorin oft in teils aufwendiger Recherchearbeit zusammen mit Künstlern während Atelierbesuchen ausfindig gemacht oder von Leihgebern erhalten. Und sie hat auch manche Trouvaillen aus den Protokollen gefunden. So «wurde 1952 kein Stipendium vergeben mit dem Hinweis auf die mangelnde Qualität der Arbeiten. Im Protokoll wurde zudem tadelnd vermerkt, das Durchschnittsalter der Bewerberinnen und Bewerber sei bereits 29 Jahre (Seit 1992 liegt die Altersgrenze bei 40 Jahren).

Jurys auf dem Prüfstand

Der Aufwand hat sich allemal gelohnt: 70 Jahre Berner Kunstgeschichte sind hier in komprimierter Form von den anfangs dominierenden Gemälden, Druckgrafiken und Zeichnungen über Skulpturen, Fotoarbeiten, Installationen und Neuen Medien vertreten. Natürlich stehen bei einer solchen Ausstellung auch die jeweiligen Jurys nachträglich auf dem Prüfstand: Haben Sie wirklich das Potenzial der wichtigsten Künstlerinnen und Künstler erkannt? Waren Sie mitunter empfänglich für Trends und Moden?

Für Kunstmuseumsdirektor Matthias Frehner ist die Antwort eindeutig: Die Jurys hätten früh die grossen Talente gefördert. Im Vergleich zu anderen Schweizer Städten zeigt die Ausstellung für Frehner auch die «überaus lebendige Kunstentwicklung» in der Bundesstadt. Und er hebt die entscheidende Rolle der in der jüngsten Zeit ins Visier von (Spar-)Politikern geratenen Kunsthalle hervor: «Die Kunsthalle hat mit Ausstellungen zur Moderne eine unschätzbare Vorreiterrolle gespielt und junge Berner Künstlerinnen und Künstler in einen überaus fruchtbaren Kontakt mit der internationalen Avantgarde gebracht.»

Der arme Künstler spielt um Geld

Nicht in allen Räumen der Ausstellung werden Klima und Spannungsfelder der jeweiligen Jahrzehnte gleich intensiv spürbar. Besonders der Einstieg in die Schau mit dem Aufbruch in die Abstraktion ist jedoch fast körperlich spürbar: Eine kleine, geballte Eisenplastik von Luginbühl und ein schier vibrierendes Bild im tachistischen Stil von Franz Fedier wirken wie ungebärdige energetische Kraftwerke, die sich unwiderstehlich von den klassischen Landschaftsbildern Max von Mühlenens – er war der erste Gewinner überhaupt, holte aber den Preis nie ab – und Emil Zbindens absetzen.

Und natürlich bleibt Platz für ein Wiedersehen mit brillanten Werken, die neben der bestechenden technischen Realisierung auch mit einer verspielten, hintersinnige Haltung überzeugen: Franticek Klossners Videoinstallation «Intervall vital» mit dem schmelzenden Selbstporträt aus Eis oder Zimouns vibrierende und dröhnende Kartons auf einem EU-Palett, in deren Inneren Gleichstrommotore Sagexbällchen herumwirbeln. Nicht zu vergessen: Heinrich Gartentors «Ich bin Pleite»-Installation aus gefundenen Kartonschachteln mit darauf aufgezeichneten Mühlespielfeldern. An der Vernissage heute wird der Künstler anwesend sein. Für 5 Franken kann man dreimal gegen ihn antreten – wer mindestens zweimal gewinnt, erhält 10 Franken. In dieser Ausstellung kann das Publikum sogar Geld verdienen.

Der Bund

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