Im Sog der Kugelzeit

Im Eröffnungskonzert zum Musikfestival reagiert der Berner Michael Wertmüller mit einer flammenden Kantate auf ein Werk des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Ein Ereignis.

Fulminante Solistin: Sopranistin Christina Daletska.

Fulminante Solistin: Sopranistin Christina Daletska. Bild: Annette Boutellier

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Der Konzertabend in der Dampfzentrale beginnt neun nach sieben, also ziemlich unzeitig. Eine Verspätung ist das aber nicht. Die schräge Anfangszeit ist Absicht. Denn «Unzeitig» lautet das Motto des diesjährigen Musikfestivals Bern. Noch bis Sonntag präsentiert es rund 50 Veranstaltungen und 34 Uraufführungen. Es sind Einladungen, bei denen man die Chance bekommt, auf Tuchfühlung mit Neuer Musik zu gehen. Man sollte sie annehmen. Da sind Könner am Werk. Bereits der über sechsstündige Eröffnungsabend (dessen erstes Konzert hier im Fokus steht) hat sich als Ereignis ins Gedächtnis eingebrannt.

Ein Denker wie Bienlein

Das Orchester ad hoc entpuppt sich als hybrider Klangkörper. Das Kollektiv besteht aus Streichern, Bläsern, Harfe, Celesta, Vib­ra- und Marimbafon. Neben einem Flügel steht aber auch ein Cembalo bereit. Derart breit aufgestellt, liesse sich durch alle Epochen und Stile spielen. So überlegt man, da platzt einer durch die Reihen. Es ist Kienberger, Jürg Kienberger.

Er trägt eine weite weisse Flatterhose, wirkt wie ein Windspiel, in dessen kranzkrausiger Haartracht die Stirnglatze wie ein Bergsee integriert ist. So stellt man sich einen vor, der Höhenflüge sucht und über Grenzen denkt; nichts Besonderes also, das tun hier viele. Ein wenig erinnert er an Professor Bienlein aus «Tim und Struppi». Er ist aber kein ungebetener Gast. Im Gegenteil. Man wird dem Komiker während des Musikfestivals («Kleiner Bund» vom 16. Juni) immer wieder begegnen – als Musiker, Moderator und Zwischenrufer. Im Bauchladen, mit dem er auftritt, trägt er Weingläser, die gefüllt sind mit Wasser. Denn Kienberger versteht sich nicht nur aufs sprachwunderliche Monologisieren (das auch der schottische Wortakrobat Graham Valentine drauf hat – welch eine Saftwurzel!). Der Tausendsassa kann auch Musik.

Humor mit Millimetermass

Bevor Kienberger mit benetzten Fingerkuppen seine Glasharfe zum Singen bringt, lässt er es vielsprachig aus dem Mundwerk sprudeln. Wörter, Reime, Gedichte, dann ein Liedchen. Musik und Wort verschwimmen. Zum Beispiel bei Joachim Ringelnatz: «Die Zeit vergeht, das Gras verwelkt, die Milch entsteht, die Kuhmagd melkt.» Bis nach vier Zeilen die Kuhmagd stirbt, die Milch verdirbt, die Wahrheit schweigt und ein Geiger geigt. Humor mit dem Millimetermass. An einer Stelle führt Kienberger das Flageolett der Weingläserharfe ins Orchester über, wo der Celesta-Spieler die irisierend hohen Zirptöne auffängt und mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers weiterführt. Dann dreht er die Sanduhr um. Man sieht, wie die Zeit verrinnt.

Man erliegt der Illusion, die Zeit­folie, die in der Musik wie ein Wetter­leuchten aufscheint, sei ein Erinnerungsgewebe voll menschlicher Spuren und Narben.

Um Zeit, Unzeit und die Kugelzeit des Bernd Alois Zimmermann dreht sich hier musikalisch alles. Lennart Dohms, der Dirigent, gibt das Zeichen. Zimmermann, dessen kompositorisches Werk und Zeitkonzepte sich wie ein roter Faden durch das Programm ziehen, ist der grosse Abwesende am Musikfestival: Seit 48 Jahren ist er tot.

Vor hundert Jahren wurde der Deutsche geboren, der als Komponist weltoffen dachte und arbeitete, als Aussenseiter, der auch Gebrauchsmusik komponierte, Jazz mit Zwölftontechnik verband, von Zeitgenossen aber belächelt wurde.

Alles hat seine Zeit

Die Kantate «Omnia tempus habent» ­(Alles hat seine Zeit) hat Zimmermann 1957 für Sopran und 17 Solo-Instrumente nach Texten der Vulgata komponiert, das war die im Mittelalter verbreitete lateinische Fassung der Bibel. Hier wird das Werk zum Glühen gebracht.

Bei Christina Daletska ist die anspruchsvolle Solo-Partie bestens aufgehoben. Die Sängerin (deren Können man bereits mehrfach am Stadttheater bewundern konnte) bringt alles mit, was es braucht, um Zimmermanns kühne Gestaltungsvorschriften umzusetzen. Ihre geschmeidige Stimme bewegt sich frei, sinnlich und gleichzeitig glasklar in höchste Lagen. Beherzt setzt die Daletska Akzente, phrasiert. Mit Kraft, Zartheit, Obsession. Die Textverständlichkeit bleibt erhalten, auch wenn das Singen ins Sprechen, Flattern oder Flüstern kippt.

Welch faszinierende fremde Musik! Das Orchester entwickelt unter Lennart Dohms inspirierender Zeichengebung einen physischen Sog. Diese Dringlichkeit kann man so nur im Live-Konzert erfahren. Alles hat seine Zeit. Auch die Splitterklänge, mit denen Zimmermann die Stille ritzt. Zuweilen erliegt man der Illusion, die Zeitfolie, die hier wie ein Wetterleuchten aufscheint, sei eigentlich ein Erinnerungsgewebe voller menschlicher Spuren und Narben.

Töne wie Vektorpfeile

Die Musikerinnen und Musiker schiessen ihre Töne wie Vektorpfeile in alle Raumrichtungen. Und so mündet der musika­lische Prozess in die Kugelform der Zeit, die Bernd Alois Zimmermann als Ideal vorgeschwebt hat.

Die Darbietung, ein flammendes Plädoyer für die Zeitlosigkeit Zimmermanns, ist eine Steilvorlage für den Thuner Jazzmusiker und Komponisten Michael Wertmüller, der sich in der Kantate «Ha_BE» für Sopran, Sprecher und Ensemble (ein Auftragswerk des Musikfestivals) auf Zimmermann bezieht. In seiner Eigenständigkeit ist Wertmüllers Werk aber mehr als bloss ein Echo.

Erstaunlich die Energie, die Wertmüller freilegt. Die in sich drehenden Motive (Kugelzeit!) winden sich ins Ohr in der Art einer Minimal Music. Wie bei Zimmermann findet man Schichtungen, Ostinati, Polyrhythmen. Und die Stimme, die schwindelfrei über dem Orchester balanciert. Entlang des Textes gerät die Musik immer wieder ins Schwanken. Fast wie in den überschäumenden Zwischenspielen von Giraloma Frescobaldi (Cembalo: Vital Julian Frey, Harfe: Vera Schnider). Der überraschende Stilmix ist raffiniert und ergibt Sinn. Mit dem Konzertende ist die Sanduhr leer.

Ein rundum stimmiger Auftakt. Und für jene, die noch Zeit haben, geht die Musik weiter bis spät in die Nacht.

Weitere Infos unter www.musikfestivalbern.ch (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.09.2018, 06:47 Uhr

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