Hohe Türme und tiefe IQs

«Wahrheit»-Kolumnistin Xymna Engel über die gravierenden Folgen des Urlaubs für den IQ.

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Xymna Engel

Als Erstes, liebe Leserinnen und Leser, muss ich Sie um etwas Nachsicht bitten. Es könnte nämlich sein, dass der folgende Text Ihren Qualitätsansprüchen an diese Zeitung nicht genügt. Warum? Ich war die letzten beiden Wochen im Urlaub. Und nach dem Urlaub sinkt der IQ – und zwar um bis zu 20 Punkte, je nach Schweregrad der Faulenzerei. Das sagt zumindest die Wissenschaft. Unser Gehirn wird quasi «in den vorzeitigen Ruhestand» gesetzt. So formuliert es die App NeuroNation, «Deutschlands führendes Fitnessstudio für den Kopf», das mit «Brainsnacks», also gezieltem Gedächtnistraining, gegen die «geistige Verödung» angehen will.

Der vorzeitige Ruhestand sah bei mir so aus: Jeden Tag am Strand liegen und mir überlegen, ob ich am Abend lieber Pizza oder Pasta essen will. Auch das Kindlein war bestens unterhalten, dafür genügte ein Sandberg, der dank ein paar motivierten Schauflern in unserer Reisegruppe Tag für Tag höher wurde. Mein einziger Brainsnack war, die Sandhügel zu zählen, die nach unserem Vorbild plötzlich überall am Strand in die Höhe wuchsen.

Zum Beispiel neben dem Liegeplatz eines Paars, das jeden Tag aufs Neue ein riesiges Strandzelt aufbaute, auch wenn es bewölkt war, inklusive einer langen Wäscheleine, an der immer drei Bikinis hingen, obwohl da nur eine Frau war. Und am Tag darauf beobachteten wir einen Muskelmann, der ohne Pause den ganzen Tag in seinem Erdloch buddelte. Der Ehrgeiz war ihm in sein verschwitztes Gesicht geschrieben.

Nach dem Urlaub sinkt der IQ – und zwar um bis zu 20 Punkte, je nach Schweregrad der Faulenzerei.

Da musste ich an San Gimignano denken. In der Kleinstadt in der Toskana erbauten einst einflussreiche Familien für Wohn- und Verteidigungszwecke sogenannte Geschlechtertürme. Und natürlich versuchte jede Familie höher zu bauen als die andere. Am Schluss standen in San Gimignano über siebzig Türme (erhalten geblieben sind dreizehn). Ihren ursprünglichen Zweck, das Wohnen, konnten die meisten von ihnen irgendwann aber gar nicht mehr erfüllen: Sie waren zu hoch.

Aber Sie sehen schon, ich schweife ab. Das muss an meinem schwächelnden IQ liegen. Überhaupt sinkt in Europa die durchschnittliche Punktzahl seit einigen Jahren. Über die Ursache ist sich die Wissenschaft noch immer uneins: Die Vermutungen reichen von schädlichen Substanzen in der Umwelt bis zur Überalterung der Gesellschaft.

Manche Experten kritisieren auch den IQ-Test an sich und fordern einen Test für emotionale Intelligenz. Hier ein Auszug aus dem Fragenkatalog: «Ich traue es mir zu, für einen einzigen Tag den Bundeskanzler zu vertreten»; «Ich habe öfter Probleme mit meinem Magen»; oder «Ich habe irgendwann in meinem Leben einmal Briefmarken gesammelt oder könnte mir vorstellen, das zu tun». Ich befürchte, dass es derzeit auch um die emotionale Intelligenz der Menschheit nicht besonders gut steht.

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