Herrn Sumsemanns verrückte Reise unters Himmelszelt

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs über Märchen auf dem Mond.

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Regula Fuchs

Dieses Jahr wird der Mond ganz gross. 50 Jahre Mondlandung! Und damit fast 50 Jahre Mond­lan­dungs­ver­schwö­rungs­­theorien! Genau: die amerikanische Flagge, die in der fehlenden Atmosphäre nicht hätte wehen dürfen; die Schatten, die in verschiedene Richtungen fielen, weil sie angeblich von Scheinwerfern stammten; die Astronauten, die bloss im Filmstudio herumgehüpft sein sollen statt auf dem Erdtrabanten.

Darum dürfte es auch kein Zufall gewesen sein, dass mir kürzlich beim Aufräumen ein altes, zerfleddertes Buch in die Hände fiel: «Peterchens Mondfahrt». Zack!, da tat sich plötzlich ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auf, und ich war wieder acht Jahre alt. Und flog zusammen mit den Geschwistern Peter und Anneliese in den Nachthimmel, um dem armen Herrn Sumsemann zu helfen, einem Mai­käfer, dessen sechstes Beinchen beim garstigen Mondmann gelandet war.

Wir ritten auf dem Grossen Bären, flogen zur Sternenwiese und über die Milchstrasse und trafen auf allerlei wunderliche Gestalten: das Sandmännchen und den Weihnachtsmann, Himmelskühe, die Windliese, die Blitzhexe, den Regenfritz, den Hagelhans oder das Taumariechen. Und natürlich auf den Mondmann, diesen Grobian, der nicht nur unseren Reiseproviant, sondern auch Annelieses Püppchen und Peterchens Hampelmann verschlang – ein schaurig schöner Himmelszauber, den sich der Schriftsteller Gerdt von Bassewitz vor über hundert Jahren ausgedacht hat.

Fantasie wie ein Sternschnuppenschauer, das haben auch heute noch manche: zum Beispiel die Urheber jener Fabel, die besagt, dass Neil Armstrong und Buzz Aldrin 1969 auf dem Mond nicht nur trockene Steine antrafen. Der Beweis? Aldrin hat vor fünf Jahren bei einer Pressekonferenz das Wort «unidentifiziert» verwendet. So wenig braucht es, und schon ist eine Begegnung mit Ausserirdischen herbeigeschustert. Was Aldrin sagte, war, dass er auf der Apollo-11-Mission durch das Fenster der Landefähre ein Licht gesehen habe, das vermutlich von einer der Blenden gekommen sei, die bei der Trennung von der Rakete abfielen und das Sonnenlicht reflektierten. Welche Blende es war, wusste Aldrin nicht. Technisch gesehen, fuhr er fort, also «unidentifiziert».

Voilà, schon rasten in den Köpfen der Mondfantasten UFOs heran, in ihrer Vorstellung schüttelten Ausserirdische den Astronauten nach der Mondlandung die Hände und befahlen ihnen gleichzeitig unter Androhung rechtlicher Konsequenzen, diese Begegnung gefälligst für sich zu behalten. Das gelang Neil Armstrong und Buzz Aldrin, zurück auf der Erde, jedoch nur mangelhaft, wie das Institute of Bioacoustic Biology behauptete, das mittels Stimmanalysen nachgewiesen haben wollte, dass die ersten Menschen auf dem Mond ihrer Begegnungen mit Ausser­irdischen völlig sicher seien.

Auch wenn sie das nie behauptet haben. Wie gross der Schraubenschlüssel war, der den Leuten vom Institute of Bioacoustic Biology auf den Kopf gefallen ist, ist nicht überliefert.

Und wie endete eigentlich «Peterchens Mondfahrt»? «Sie hatten aber auch wirklich sehr seltsame Dinge erlebt und waren nach so viel Gefahren und Abenteuern, ohne eine einzige Beule oder sonst ein Wehwehchen, wieder daheim in ihrem Stübchen. Alles um sie herum war ganz in Ordnung, Schaukelpferd, Puppenstube, Bilderbücher und – hurra! – das Püppchen und Hampelhäns­chen auch, so gesund, als wären sie niemals vom Mondmann aufgefressen.»

Damit kämen Peter und Anneliese heutzutage natürlich niemals durch.

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