Heldenkult statt Diskurs

Kein anderes Land forciert die Strassenkunst so sehr wie Russland. Doch mit Protestkultur hat das nichts zu tun.

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Dafür, dass Harry Lebrun persönlich noch nie in Moskau war, kennen verhältnismässig viele Moskauer sein Gesicht. Es prangt an der Seitenwand eines fünfstöckigen Wohnhauses an der verkehrsreichen Marschall-Schukow-Allee im Stadtteil Schtschukino. Das Graffito zeigt den zehnjährigen Jungen aus Tumby Bay in Südaustralien, wie er einen Einwurf mit einem Fussball ausführt.

Auf die Hauswand gesprüht hat es der argentinische Strassenkünstler Martin Ron kurz vor der Fussball-Weltmeisterschaft in diesem Jahr in Russland. Am verkehrsreichen Taganka-Platz verewigte er ausserdem kickende Superhelden wie Iron Man, Spiderman und Captain America im Moskauer Stadtbild.

Rons Wandbilder, die im Rahmen des Street-Art-Festivals «Most» entstanden sind, stehen exemplarisch für das Bemühen Moskaus, Teil der globalen Street-Art-Szene zu werden. Und tatsächlich: Wer in diesen Tagen durch die Moskauer Innenstadt geht, stösst fast an jeder Ecke auf Wandmalereien. Die Themen betreffen nicht nur die Fussball-WM, sondern sind vielschichtig. Es geht um Kultur, Geschichte und allgemein Menschelndes wie Melancholie und Alter.

Auch ausserhalb der Innenstadt werden die Wände immer bunter: Mal sieht man einen 30 Meter hohen «Russischen Bären» an einer Hausfassade im Südwesten der Stadt, mal den «Löwen Bonifaz» im Westen, eine in Russland bekannte Zeichentrickfigur des Cartoonisten Sergej Alimow.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Wandbilder in Moskaus Strassen offiziell als unerwünscht galten: Noch 2010 beklagte sich die Moskauer Street-Art-Kuratorin Oksana Bondarenko in der New York Times darüber, wie hart das Leben in Russland für Sprayer sei: «Der Staat investiert Millionen von Rubel, um Graffiti-Künstlern das Handwerk zu legen und deren Arbeiten im öffentlichen Raum zu übermalen», sagte sie damals.

150 «Graffitis» auf einen Schlag

Mit Sergej Sobjanin änderte sich das allerdings. Als er 2010 Bürgermeister von Moskau wurde, setzte er sich zum Ziel, die Stadt zugänglicher im urbanen Raum zu gestalten: Plötzlich zierten Grünstreifen die Strassen, der Gorki-Park wurde mit neuen Galerien, Freilichtkinos und schicken Restaurants aufgewertet und war im Sommer prompt voller Leben.

Auf einmal gab es sogar Radwege, die der Rede wert waren. Der Plan: Moskau sollte urbaner und «europäischer» werden. Auch im Stadtbild. Da war es nur folgerichtig, dass 2013 ein Umdenken bei der Stadtverwaltung hinsichtlich der Strassenkunst einsetzte. Der Leiter des Moskauer Kulturamtes, Sergej Kapkow, kündigte damals an, dass im Rahmen des Festivals «Beste Stadt der Welt» auf einen Schlag 150 «Graffiti» entstehen sollen.

Graffiti bedeutet in diesem Fall allerdings nicht kritische Auseinandersetzung oder Abbildung persönlicher Meinung. Kapkows Behörde hatte keineswegs vor, Sprayern einen grösseren Freiraum zuzugestehen. Vielmehr steckte dahinter als einzige Motivation, das Dekor im Stadtbild aufzuhübschen. Dieses sollte dem Mainstream-Geschmack entsprechen, «schön» und gediegen sein - und vor allem frei von jedem kontroversen Inhalt. Aber genau dieser ist nun mal bestimmendes Merkmal einer Protestkultur wie Graffiti.

Von zeitloser Harmlosigkeit geprägt

Tausende Wandbilder entstanden in Moskau innerhalb weniger Jahre auf Nachfolgeveranstaltungen des Festivals «Beste Stadt der Welt». Und obwohl sie häufig von international anerkannten Street Art-Künstlern stammen, erinnern sie manchmal sogar an die Heile-Welt-Propaganda an den Hauswänden in der Sowjetunion: Darstellungen berühmter Schriftsteller, historischer Figuren oder etwa Kriegshelden. Handwerklich saubere Auftragsarbeit, die gut bezahlt wird, und in der Mehrzahl von zeitloser Harmlosigkeit geprägt ist.

Seine Vorstellungen vom öffentlichen Raum drückte der Vorsitzende der Kultur- und Medienkommission des Moskauer Stadtparlaments Jewgenij Gerasimow vor ein paar Jahren so aus: «Es ist notwendig, dass Moskau ein buntes Stadtbild bekommt, wie es in Europa üblich ist, und dazu gehört automatisch mehr Graffiti.» Um gleich im nächsten Satz klarzustellen: «Ich spreche hier allerdings nicht von 'spontaner Graffiti', wie wir sie von Kopenhagen Christiania oder Ost-Berlin her kennen, sondern von Kunstwerken wie in Lissabon, die oft ein vergrössertes Duplikat von Gemälden aus den Galerien der Stadt sind.»

Dass Berlin als abschreckendes Beispiel genannt wird, ist bezeichnend für das einseitige Verständnis von Strassenkunst in der Moskauer Stadtpolitik. Ganz anders dagegen beurteilen die Soziologinnen Natalia Samutina und Oksana Zaporoschets vom Moskauer Poletajew-Institut die Bedeutung von Street Art für das Selbstbild einer Stadt in einem Artikel für die sozialwissenschaftliche Fachzeitschrift Laboratorium: Wegen der Durchdringung etwa des öffentlichen Berliner Raums mit freien und individuellen Graffiti und ihrer breiten Akzeptanz bei den Berlinern habe die deutsche Metropole ihre neue Rolle nach dem Fall der Berliner Mauer leichter annehmen können als ohne diese Graffiti, argumentieren die zwei Wissenschaftlerinnen: «Die kollektive Erinnerung an die Berliner Mauer (dem einst grössten Graffiti-Objekt der Welt, Anm. d. Red.) spielt eine entscheidende Rolle in der Erhaltung der Berliner Street Art-Szene. Durch sie wird die Geschichte der Bilder und ihrer Schöpfer erfahrbar, sowie ihre Bedeutung für die innerstädtische Kommunikation.»

Soll heissen: Die Berliner Mauer brachte mit provokanten Graffiti auf der Westseite immer selbst zum Ausdruck, was für ein Bauwerk des Unrechts sie tatsächlich darstellte. Und dieses Signal drückte die Mehrheitsmeinung der Bewohner in beiden Stadthälften aus, weswegen diese Art Graffiti im Stadtbild auch nach dem Fall der Mauer etwas Verbindendes für sie hatte.

Nicht vorzustellen, wie die Berliner Mauer stattdessen gewirkt hätte, wenn der West-Berliner Senat nur brave Wandbilder auf ihr zugelassen hätte, wie sie jetzt die Stadt Moskau verordnet: Der «anti-imperialistische Schutzwall» hätte vielleicht ästhetischer gewirkt - aber dadurch noch viel zynischer.

Die westliche Freiheit, die auch manch Angehöriger der aufgeklärten russischen Mittelschicht in den neuen Wandbildern zu erkennen glaubt, ist in Wahrheit daher eine Farce. Denn tatsächlich werden «voneinander abweichende Ansichten über die Stadt und das Recht diese zum Ausdruck zu bringen, nicht toleriert», wie die Forscherinnen Samutina und Zaporoschets schreiben. Das bedeutet: Der Kreml bemächtigt sich mit der Street Art einer Protestkultur, um diejenigen zu beschwichtigen, die protestieren könnten. Und jene, die tatsächlich mittels Graffitis aufbegehren, werden marginalisiert.

Banksy wird gegen seinen Willen Teil des Systems

Dominiert wird der öffentliche Raum damit von der gleichgeschalteten Strassenkunst, auf die sich Politik und Geschäftemacher aus der Werbeindustrie verständigt haben. Sie wird von beiden Akteuren durch eine Vielzahl von Street Art Festivals, eine Biennale, eine Auktion, ein Forum sowie einen einschlägigen Preis massiv gefördert.

In St. Petersburg gibt es inzwischen ein Street Art Museum, was ein Widerspruch in sich ist. Denn Street Art, die in einem Museum hängt, ist keine Street Art, wie der weltbekannte Sprayer Banksy Mitte August erst wieder klar stellte: Mit den Worten «Was zur Hölle ist das?», kritisierte er via Instagram eine von ihm nicht autorisierte Ausstellung seiner Graffiti in der Neuen Tretjakow-Galerie in Moskau, von der er bis dahin nichts gewusst hatte. Der Brite wurde damit gegen seinen Willen Teil der russischen Spielart von Street Art, die gerade auf diese extrinsischen institutionellen Formate setzt. Nirgendwo auf der Welt gibt es davon mehr als hier.

Graffiti-Sprayer die heute mit einem künstlerischen Anspruch im öffentlichen Raum agieren wollen, tun sich hingegen schwer. Kirill KTO und Kostja Awgustetwa, die mit politischer Graffiti in Erscheinung traten, als die Menschen 2012 in Moskau und St. Petersburg gegen eine dritte Amtszeit von Präsident Wladimir Putin auf die Strasse gingen, haben sich beide weitgehend aus der Strassenkunst zurückgezogen.

Eine Botschaft wie eine Kapitulation

Zu hoch ist der Druck durch die Strafverfolgungsbehörden. Awgust bezeichnet sich inzwischen als Maler und Vollzeit-Künstler, während Kirill KTO als Zeichner und «Post Graffiti»-Künstler firmiert. Er sprüht nur noch legale Graffiti. Sein Nimbus als einstmals «echter» Graffiti-Künstler bringt ihm inzwischen sogar legale und gut bezahlte Aufträge ein: Das Verwaltungsgebäude des Gorki-Parks zierte im vergangenem Jahr ein echter KTO, zu dem - wie bei ihm immer - eine geschriebene Botschaft gehörte. Diese las sich allerdings wie eine Kapitulation: «Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und Ihr Bemühen um Verständnis.»

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