Heissa, wir wachsen

Das Theaterfestival Auawirleben bekommt von der Stadt Bern den grössten finanziellen Zuschuss seiner Geschichte. Und der ist auch nötig.

Die «kommunikative Atmosphäre» will man beibehalten: Nicolette Kretz (rechts vom hinteren Tischende) umringt von den Gästen einer Auawirleben-Gesprächsrunde.

Die «kommunikative Atmosphäre» will man beibehalten: Nicolette Kretz (rechts vom hinteren Tischende) umringt von den Gästen einer Auawirleben-Gesprächsrunde. Bild: zvg

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Als Alec von Graffenried kurz nach seiner Wahl zum Stadtpräsidenten von Bern zu seinen Plänen für die Kultur befragt wurde, hatte er in Sachen Theater eine klare Vorstellung: Ein publikumswirksames Festival nach Vorbild des Zürcher Theaterspektakels schwebe ihm vor.

Das sagte er im Februar 2017 im Rahmen der «Berner Kulturgespräche», einer von der Stadt organisierten Veranstaltungsreihe.

Ein internationales Festival für zeitgenössische Bühnenkunst also? Aber das haben wir doch schon: Auawirleben heisst das hiesige Theatertreffen, das vor wenigen Wochen zum 36. Mal stattgefunden hat – und das nun ab 2020 wachsen soll. Die Stadt sieht vor, ihren Beitrag an das Festival um 270 000 auf 600 000 Franken aufzustocken, also fast zu verdoppeln. Das wurde Mitte Mai bekannt, als die städtische Kulturförderung ihre Vierjahresplanung publik gemacht hat; diese befindet sich bis zum 2. Juli 2018 in der Vernehmlassung.

Knapp branchenüblich

Geht man davon aus, dass Auawirleben mit dem Geld auch mehr Einnahmen generieren wird, könnte das Festival bald auf ein Budget von rund 800 000 Franken kommen. Das ist allerdings eine nur knapp branchenübliche Summe: Das Festival Belluard Bollwerk International in Freiburg etwa verfügt über ein Budget von rund einer Million; und das vergleichsweise junge Theaterfestival Basel steht mit fast 1,5 Millionen Franken finanziell ebenfalls bereits besser da.

Bislang waren auch die Besucherzahlen von Auawirleben im Vergleich mit anderen Festivals von ähnlicher Ausrichtung und Grösse eher tief. Dieses Jahr beispielsweise kamen rund 2300 Besucherinnen und Besucher. Das ist zwar für die Verhältnisse des Festivals eine gute Bilanz; auch eine hohe Auslastung kann es jeweils vorweisen. Trotzdem: Das Belluard Bollwerk International in Freiburg erreicht jährlich eine Besucherschaft von über 8000 Leuten; und ans Theaterfestival Basel, das im Zweijahrestakt stattfindet, kamen zuletzt 9000 Zuschauerinnen und Zuschauer.

Viele Künstler im Publikum

Veronica Schaller, Kulturbeauftragte der Stadt Bern, wünscht sich, dass Auawirleben mit einem höheren Budget noch stärker «eine Bereicherung für das Berner Publikum, aber auch für die Theaterszene selbst» wird. Letztere empfinde sie als «ein bisschen geschlossen». Tatsächlich fällt vor Ort auf, dass Auawirleben höchstens punktuell über die lokale Kulturszene hinausstrahlt. Im Publikum sind häufig vor allem Kulturschaffende, Studierende der Berner Hochschule der Künste oder Vertreter von Theaterhäusern oder anderen Festivals auszumachen. Auch ist Auawirleben in der Stadt kaum sichtbar und vielen Leuten noch immer unbekannt.

Für das Leitungsteam haben diese Umstände damit zu tun, dass man bislang ohne eine feste Kommunikationsstelle auskommen musste. Denn während etwa beim Theaterfestival Basel der Presseverantwortlichen auch noch ein Assistent unterstellt ist, hat man sich beim Aua die Öffentlichkeitsarbeit innerhalb des kleinen Leitungsteams aufgeteilt. «Jeder Veranstalter lacht uns aus, wenn er das hört», sagt Nicolette Kretz, die künstlerische Leiterin von Auawirleben. Auch Plakate würde man gerne mehr aufhängen oder überhaupt über die Kantonsgrenzen hinaus werben. «Aber für solche Strategien fehlte uns bisher das Geld.»

Das soll sich jetzt ändern. Die vorgesehene Subventionserhöhung ist die grösste in der Geschichte des Festivals, das 1982 von Peter Borchardt, dem früheren Schauspieldirektor am Berner Stadttheater, gegründet wurde – damals noch als Programmfenster für Gastspiele am Stadttheater. Nach seiner Zeit am Haus führte Borchardt die Reihe ab 1988 gemeinsam mit der Theatermacherin Beatrix Bühler als autonomes Festival weiter; seit jeher geniesst dieses innerhalb der Schweizer Kulturszene einen ausgezeichneten Ruf.

Präsentes Team

Kann aber Auawirleben, früher noch ein familiärer Szenetreff, tatsächlich zu einem Festival heranwachsen, das über die Region hinausstrahlt – ähnlich wie in Zürich das Theaterspektakel? Man sei ja bereits heute «das Theaterfestival von Bern», sagt Kretz. Was Auawirleben ausmache, sei aber nach wie vor «eine persönliche Nähe»: «Wir sind als Team stark präsent während des Festivals; und die Leute wissen, wer wir sind.» Dieser Kontakt mit dem Publikum schaffe eine «kommunikative Atmosphäre», die man beibehalten wolle. Für Kretz verträgt sich das gut mit dem vorgesehenen Wachstum des Festivals: «Das neue Budget macht uns ja nicht gleich zum Theatertreffen Berlin.»

«Kontinuierlich gewachsen»

Angesichts seiner schlanken Strukturen scheint die Subventionserhöhung für Auawirleben also überfällig. «Völlig normal» findet es hingegen Veronica Schaller, dass der städtische Beitrag an das 36-jährige Festival erst ab 2020 auf ein solides Niveau aufgestockt wird: «In Bern werden die Subventionsverträge alle vier Jahre erneuert. Auawirleben hat jedes Mal mehr Geld erhalten; die Subvention ist seit 2004 kontinuierlich und stark gewachsen.»

Vom neusten Geldsegen für Auawirleben erhofft sich Schaller, dass die Betreiberinnen «noch mehr witzige und schräge Produktionen nach Bern holen, die man hier sonst nicht sehen würde». Das sei für sie persönlich das Spannende an einem Festival wie Auawirleben: «Man kann Neues entdecken und sich als Zuschauer immer wieder überraschen lassen.» (Der Bund)

Erstellt: 20.06.2018, 07:07 Uhr

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