Gott hat schlechte Laune

Auf seinem neuesten Album «Gott» brilliert der Berner Rapper Baze als Chronist der Bitterkeit. Wenig Hip-Hop, dafür viel Abgründiges.

Auf seinem neuen Album treten keine Helden auf, nur Nebendarsteller: Basil Anliker alias Baze.

Auf seinem neuen Album treten keine Helden auf, nur Nebendarsteller: Basil Anliker alias Baze. Bild: Jonas Moser

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Und nun kurz zum Wetter: Über Bern sitzt ein hartnäckiges Tiefdruckgebiet. Es muss mit Frost gerechnet werden. Nebelbänke könnten die Fernsicht trüben. Nieselregen überall.

Die Sonne blitzt nur einmal kurz auf auf dem neuen Album «Gott» von Baze. Es ist jene Sonne, die einen zum Blinzeln bringt, nachdem man eine Nacht durchwacht hat. Es ist die Sonne der Morgenspaziergänger. Sie hat nichts mit uns zu tun. Rollläden runter. Auf dem Bett einschlafen, mitsamt den Klamotten.

Es gibt wenig Trost auf dem neuen Tonwerk des Berner Sprechgesangskünstlers. Gott scheint schlecht gelaunt zu sein. Oder wie Baze einmal mit Grabesstimme singt: «Gott het Humor / nume niemer lacht mit ihm / Mir blibe ä Witzfigur / imne riise Schachspiu.» («Näbu»)

Es gab Zeiten, da war Baze ein ziemlich aufgeweckter Sprechsänger, der zu funky Beats wortgewandt über sein Dasein als Heranwachsender in dieser Stadt berichtete. Das klang auch schon mal recht heiter, die Reime flossen geschmeidig, Baze arrivierte zu einer Hoheit der lokalen Hip-Hop-Szene. Man bewunderte ihn für seine Rap-Skills, und man hatte ein bisschen Respekt vor seinem zuweilen leicht brummigen Wesen.

Der Jazz ist Geschichte

Und heute? Von der Hip-Hop-Szene hat sich Basil Anliker, wie Baze mit bürgerlichem Namen heisst, weitgehend abgedreht. Oder sie sich von ihm. Zwar hat er nichts von seinem staunenswerten Sprachfluss eingebüsst, seine Coolness hat er gar ausgebaut. Doch er hat sich mit seiner Musik in Sphären hinaufgeschraubt, in denen keine Funkyness existiert, in der keine Radio-Musik­redaktoren wohnen und keine Break­dancer tanzen. Wenn, dann bloss in Superzeitlupe. Spass kann man mit Baze und seiner Musik kaum mehr haben, Partys feiern schon gar nicht.

Baze hat sich in Sphären hinauf­geschraubt, in denen keine Funkyness existiert, keine Radio-Musikredaktoren wohnen und keine Break­dancer tanzen.Ane Hebeisen über das neue Album von Baze

Lieber stochert er in seinen und unser aller Wunden, schürft sich an den Unwägbarkeiten des Seins die Schultern und das Gemüt auf. Das war schon auf seinem wunderbarst-defätistischen Vorgängeralbum «Bruchstück» so, welches er mit Musikern aus dem Jazzmilieu eingespielt hat. Da gab es stellenweise noch Emphasen und zornige Ausbrüche. Es war eine musikalische Wunderkammer voller instrumentaler Schönheiten, voller staunenswerter Wendungen in Harmonie und Ambiente. Kurz: ein niederschmetterndes Meisterwerk, das noch lange nachhallen wird.

Und nun setzt also «Gott» noch einen drauf. Der Jazz ist Geschichte, das Soundbild ein elektronisches. Gemütsaufwallungen gibt es keine mehr. Baze ist zum kühlen Chronisten der Bitterkeit mutiert. Und er ist umwerfend in dieser Rolle. In der Welt, die er abbildet, ist das Glück meist nur noch eine verschwommene ­Erinnerung. Helden treten keine auf, nur Nebendarsteller: «Duss zie Männer iri Ränzä i / rubble es läbelang Los uf / gwinne ä Zäner / investiere dä Zäner / choufenes Neus / chöme mit lääre Händ hei / küsse se / sueche iri Nächi / doch niemer uf derä Wäut / wo witer vo ihne entfärnt isch.» («Gfrässä»)

Poetische Abwärtsspirale

Dazu brummen unheilschwanger die Subbässe. Sie sorgen eher für Taumel als für Struktur. Hektik kommt hier keine auf. Der Takt beschleunigt nie höher als bis zum Ruhepuls eines Koma-Patienten. Ben Mühletaler (Prince, Seven, Müslüm), mit dem Baze dieses Album produziert hat, hat akribisch gestöbert in den Soundbibliotheken mit den cineastischen Tieftonsounds. Die Klänge, die er da gefunden und sorgfältig in diese Songs montiert hat, dienen vornehmlich dazu, die poetische Abwärtsspirale des Herrn Anliker anzukurbeln. Das Hi-Hat zirpt, die Claps klatschen und gaukeln Dinge vor, die sie doch nicht richtig einhalten können. Ist das Trap? Hip-Hop für den Hypochonder? Weltschmerz-Bombast? War da durch den Hall-Nebel kurz so etwas wie Gospel zu vernehmen (in «Gfrässe»)?

Das Glück ist ein launisches Gut

Basil Anliker hat mit diesem Album die Trampelpfade des Mundart-Raps endgültig verlassen. Wenn er singt, dann klingt das eher nach einem Klagen, nach Blues für Menschen, denen alles ein bisschen schwerer fällt. Hier macht keiner mehr auf dicke Hose, ganz im Gegenteil. Der 38-jährige Berner bilanziert das Sein in der Lebensmitte. Es ist ein Schlenkern zwischen aufkommender Verzweiflung und einer leisen Neugier darauf, was diese neblige Welt da draussen noch für einen bereithält. Die Prognosen: eher düster. Und dem Glück – das hat das bisherige Dasein gelehrt –, dem sollte man besser nicht zu sehr über den Weg trauen. Es ist ein launisches Gut.

Dabei hat Anliker eigentlich gerade einen ziemlichen Lauf. Zwar wird er seit seinem letzten Album kaum mehr an Hip-Hop-Partys gebucht, und auch die grösseren Festivals bieten nur noch selten Platz für Schwerblüter wie ihn. Dafür wurde ihm letztes Jahr der Musikpreis des Kantons Bern verliehen. In diesem Jahr ist er gar für den Schweizer Musikpreis nominiert worden. Weil er mit messerscharfer Sprache die Fesseln des Rap gesprengt habe, wie es in der Begründung heisst.

Allgegenwärtige Tristesse

Anlikers Sprache ist auch auf seinem neuesten Werk eine Hochpräzisionswaffe. Der Mann kann Geschichten erzählen. Wie er in «Stoub» seinen multiplen Egos begegnet, erzeugt ein ähnlich metaphysisches Gruseln wie dereinst Mani Matter in «Coiffeur». Oder wie er das nächtliche Heimfahren auf der A1 einfängt (er kennt es nur zu gut von seinen konzertanten Ausflügen mit den Hip-Hop-Combos Chlyklass oder Boys on Pills): Es ist eher Protokoll als Poesie. Und doch ist sie wieder zu spüren, diese beiläufige, ungefähre und allgegenwärtige Tristesse: «Bideri Luschttämple für bideri Männer i Limos mit Diplomatenummer u verdunklete Fänschter / Gheimi Botschafte a Toilettewänd / vor heisse Olga mit dr Ändziffer 116 / Einsami Parkplätz / Schätte i de Büsch / Lääri Chärä mit Chindersitze u bäuende Hünd.» («A1»)

Es gibt dann doch einen kleinen Moment auf Bazes neuem Album, in dem sich das Glück durch das Grau frisst. Auflockernde Bewölkung, würden die Meteorologen sagen. Baze nützt die Gelegenheit für eine kurze Anhimmelung: «We dä wüsstisch wi stouz i bi / bini Teil vo dire Wäut / Ä Teil vo dim Härz / u faus mau nüm viu ume isch / teilemer dr Räscht so wisechs ghört». («Näbu») Kurz darauf kommt wieder Nebel auf – und frisst sämtliche Farben auf.

Ja, «Gott» ist ein schweres Album. Und schwer wird es sein, dieses finstere Werk zu übertreffen.

Baze: «Gott» (Eret). Albumtaufe: 2. November, Dachstock der Reitschule (Der Bund)

Erstellt: 07.09.2018, 06:55 Uhr

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