Füsse, die Flügel sein wollen

Aufgetaucht

In «Nächste Woche, vielleicht» (2008) lädt Alberto Nessi zu einer Reise nach Lissabon ein, wo eine Piazza José Fontana heisst und wo sich die älteste durchgehend betriebene Buchhandlung der Welt befindet, die Livraria Bertrand.

Alberto Nessis Roman über einen Tessiner, der in Portugal Geschichte schrieb, stiess dort auf grosses Interesse.

Alberto Nessis Roman über einen Tessiner, der in Portugal Geschichte schrieb, stiess dort auf grosses Interesse.

(Bild: Simon Schmid)

Zwei historische Orte der portugiesischen Hauptstadt, scheinbar weit weg und doch eng verbunden mit der Schweiz. Genauer mit dem Süden des Tessins, dem Mendrisiotto. Von diesem Grenzgebiet lässt sich Alberto Nessi inspirieren.

Am Bahnhof von Chiasso beispielsweise war es bis vor einigen Jahren noch üblich, dass alle Reisenden gebeten wurden, auszusteigen, was Nessi den Anstoss zu «Tutti discendono» («Abendzug») gegeben hatte. Wobei der italienische Titel dieses Buches sowohl auf die Lautsprecheransage im Zug anspielt, wenn dieser in der Endstation einfuhr, als auch auf die familiäre Herkunft (discendenza). Jeder von uns stammt von jemandem ab, jeder von uns hat seine Geschichte, und diese fügt sich unvermeidlich in die Ereignisse von historischer Bedeutung ein. Das ist der Aktionsradius von Alberto Nessi, der das Weltgeschehen mit einer gewöhnlichen Lebensgeschichte in ihrer ganzen Ausserordentlichkeit zu verweben vermag.

Im Grenzland versiegen die Erzählungen über Schmuggel und Emigration nie, diese kleinen Geschichten, die stets mit fernen Ländern verknüpft sind. Wie im Fall von Antonio Boldini aus Arzo, der auszog, um in Zürich als Steinmetz zu arbeiten, bis nach Spanien gelangte und dort für die Demokratie kämpfte («Terra matta. Drei Erzählungen»). Dem Protagonisten von «Nächste Woche, vielleicht», Giuseppe Fontana, erging es gleich, er verliess das Mendrisiotto und erreichte nach einem Zwischenhalt in der Westschweiz Portugal.Er hiess Giuseppe, doch seine Mutter nannte ihn José, und unter diesem Namen fand er Eingang in die portugiesische Geschichte. So stellt er sich am Anfang des Romans vor: «Ich heisse José, bin einunddreissig Jahre alt und Buchhändler in Lissabon. Ich bin lungenkrank und will die Welt verändern.» Hinter diesen Sätzen steckt ein bewegtes Leben. José Fontana kommt 1840 im Dörfchen Cabbio im Muggiotal zur Welt. Seine Mutter, Maria Clara Bertrand Bonardelli, stammt aus der Buchhändlerfamilie Bertrand, die sich in Lissabon niedergelassen hatte. Die Beziehung zur portugiesischen Hauptstadt war folglich auch von emotional-familiärer Bedeutung.

Die Livraria Bertrand, als deren Geschäftsführer José Fontana amtet, wandelt sich zu einem Treffpunkt, wo debattiert, beschlossen und gehandelt wird. José knüpft Freundschaften mit führenden literarischen Persönlichkeiten Portugals wie Antero de Quental und Eça de Queiroz, und im Hin und Her zwischen den literarischen Cafés des Chiado und den Mauern der Buchhandlung entsteht aus Kultur und politischer Theorie eine von José kommentierte Absichtserklärung: «Man muss Revolution machen, damit der Mensch besser wird. Der Fuss muss Flügel werden: nächste Woche, vielleicht.» In diesem Geist verfasst José Fontana die Vereinssatzungen der Arbeiterbewegung und wird zu einem der Gründerväter der Portugiesischen Sozialistischen Partei.Nessis José Fontana, eine starke und gleichzeitig zweifelnde Persönlichkeit, findet Zuflucht in einem «Vielleicht», das seine Entschlossenheit, Unsicherheit und vage Hoffnung zum Ausdruck bringt. Empfindungen, welche die verschiedenen Zeiten bis hin zur Tagesaktualität miteinander verbinden. «Nun hast du die Zeitung wieder zur Hand genommen. Was liest du? Die neuesten Nachrichten von der Zivilisationsfront des einundzwanzigsten Jahrhunderts?» Hauptfigur und Dichter führen ein kritisches Gespräch, wobei der erfahrene Buchhändler-Gewerkschafter José Fontana den Erzähler daran erinnert, dass «die Literatur uns helfen , die Welt zu kennen».

Dieses Credo macht sich Alberto Nessi zu eigen, wenn er das Muggiotal durch die Geschichte eines Emigranten zu neuem Leben erwachen lässt. Eines Emigranten, den die Wellen des Tejo an das Gras seines Tals erinnern, der in die Geschichte Portugals eingegangen ist und der uns daran erinnert, dass es immer die Strassen vor dem Haus sind, die uns weit weg tragen, denn «jeder Fuss möchte Flügel sein».

Das Schweizerische Literaturarchiv präsentiert einmal im Monat Trouvaillen aus seinen Beständen. www.nb.admin.ch/sla

Alberto Nessi

Der 1940 geborene Tessiner ist Autor von Gedichten, Erzählungen, Romanen und Hörspielen. Er debütierte 1969 mit «I giorni feriali».

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt