Fänger des Lichts

Ohne Pio Corradi wäre der Schweizer Film ein anderer – 36 Szenen aus dem Leben des Kameramanns.

Hat dem Schweizer Film ein unverwechselbares Gesicht gegeben: Pio Corradi. Foto: Keystone (März 2018)

Hat dem Schweizer Film ein unverwechselbares Gesicht gegeben: Pio Corradi. Foto: Keystone (März 2018)


1
Er stellt die Krücken an die Wand, stützt sich mit beiden Händen auf den Tisch, setzt sich langsam und fragt aus bleichem Gesicht: Was willst du wissen? Alles. Dann frag, sagt Pio Corradi, Fotograf und Kameramann. Wo, wann, wie wurdest du geboren? Am 19. Mai 1940 im Schlafzimmer meiner Eltern in Buckten, Baselland, ganz normal, unter Schmerzen. Deine älteste Erinnerung?
2
Der Bub, vielleicht fünf Jahre alt, kurze Hose, quert das Geleise der Bahn, Sissach–Läufelfingen–Olten, tritt in den Wald, es ist Sommer 1945, der Krieg vorbei, kein Offizier mehr im Haus, das der Vater, Baumeister in Buckten, gebaut hatte, 500 Einwohner, Basel-Landschaft. Pio, das jüngste von sechs Geschwistern, geht einige Schritte, bückt sich zu einem Wurm, schweigt, setzt sich neben das Tier, wagt nicht, es zu berühren: Du hast es gut, brauchst keine Beine. Das Kind geht durch den Wald, es kennt jeden Weg, steigt schliesslich auf einen Fels, seinen Fels, vielleicht drei Meter hoch, und hockt sich ins Moos und wartet und schweigt und sieht das Licht, das durchs Laub der Bäume bricht. Es gibt mindestens zehn Grün, denkt Pio. Die Mutter fragt: Wo warst du so lange? Beim Licht, sagt der Bub.
3
Deine Kindheit? Pio, schmal und dünn geworden, halb so schwer wie einst, trommelt die Finger auf den hellen Tisch, schaut zur Wand, trommelt und schaut zur Tür, Spital Affoltern am Albis, erster Stock, Aufenthaltsraum. Das schönste Erlebnis meiner Kindheit? Es gab viele, sagt er. Das schlimmste?
4
Der Vater des Vaters hat ein schweres Motorrad und eine lange lederne Jacke. Pio, jetzt sechs, setzt sich auf die Moto Guzzi und legt sich zum Spiel in die Kurven des Homburgertals. Der Grossvater, Steinhauer, stammt aus Mantua und hatte zwei Söhne. Der ältere starb auf der Strasse von Sissach nach Buckten, es war Nacht, es regnete, ein Motorradunfall. Der jüngere, Pios Vater, wollte Schuhmacher werden, übernahm nun, da der Bruder tot, lustlos das Baugeschäft, Corradi GmbH. Er heiratete eine Frau namens Martha Bürgin, Tochter der Wirtsleute zum Mond, im Dorf gab es drei Gasthöfe, den Mond, die Sonne, den Sternen. Sie gebar sechs Kinder, trug jedes zur Taufe nach Rümlingen in die reformierte Kirche. Die Schwiegermutter, katholische Italienerin, bestand auf italienische Namen, Bruno, Livia, Eleonora, Enrico, Romea, Pio. Heiligabend feiert man zweimal, zuerst mit den Eltern im Haus, das der Vater gebaut hatte, dann, hundert Meter weiter, bei den Grosseltern, die nur Italienisch sprechen. Der Vater redet nicht viel, er hat einen Lastwagen, ein Auto, Pio sitzt neben ihm und schweigt. Er möchte ihn fragen, weshalb er selten lacht.
5
Pio steht im Dachzimmer, das ab und zu, wenn er nicht in Paris ist, ein Onkel bewohnt, Fritz Bürgin (1917–2003), Bildhauer, und öffnet eine Kamera, dann eine zweite, eine dritte, in jeder ein Film.
6
An manchen Abenden sitzen junge Frauen in der Stube am Ausziehtisch und binden buntes Papier zu Rosen, formen die Rosen zu den Wappen der Dörfer, die im Sommer nach Buckten kommen, um hier ein Turnfest zu feiern, ein Gesangsfest, ein Musikfest. Pio, sechs Jahre jünger als die Zweitjüngste, muss nicht ins Bett, er steht neben den Frauen, verliert sich in den Farben, im Gewäsch der Fremden.
7
Das Kind lädt Kohle in eine Schubkarre, die Eisenbahner aus der Lokomotive warfen, Sissach–Läufelfingen–Olten, bringt die Kohle nach Hause, Mama schiebt sie in den Ofen. Mama sagt: Du gibst mir warm.
8
Pio wagt nicht, den Vater zu fragen, weshalb er nie lacht.
9
Was bereust du? Er schiebt die schmalen Schultern hoch, trommelt die Finger auf den kleinen hellen Tisch. Wofür schämst du dich?
10
Der Bub, vielleicht sieben, trägt am Rücken einen Sack, darin zwei Meissel, Fritz, der Bildhauer, trägt drei Hämmer und sein jüngstes Werk, das bronzene Abbild von Carl Spitteler (1845–1924), Literaturnobelpreisträger, Bürger von Bennwil, Basel-Landschaft. Es ist Sommer, vielleicht 1947, früher Morgen. Onkel und Neffe wandern hinauf nach Känerkinden, dann hinab nach Diegten und wieder hinauf zum nächsten Hügel, nach zwei Stunden sind sie in Bennwil. Fritz holt die Plastik aus dem Sack, schlägt Löcher in einen Stein, schraubt das Gesicht des Dichters fest. Kinder schauen zu, eines, nicht älter als Pio flüstert: So sieht ein Künstlerbub aus. Fritz und Pio setzen sich in die Gartenwirtschaft nebenan, essen Rösti mit Spiegelei, besser als zu Hause in Buckten. Der Onkel sagt: Geh den Weg, den du gehen musst, es gibt keinen besseren. Der Neffe fragt: Was meinst du?

Pio, elf geworden, weiss, nun ist sie tot.

11
Pio, Schüler der zweiten Klasse, Gesamtschule Buckten, legt dem Vater sein Zeugnis hin. Der Vater dreht sich weg und sagt: Zeig es der Mama.
12
Ein Bruder der Mutter, Onkel Hans, Lehrer und Musiker, setzt sich sonntags an den Tisch und redet auf die Kinder ein, wer kein Instrument spiele, verpasse das Leben. Er zieht eine Geige aus einem schwarzen Kasten, reicht sie dem Jüngsten. Pio fasst sie am Hals und schlägt sie über die Kante des Tischs, Saiten reissen, das Griffbrett springt, Pio, vielleicht neun, duckt sich unter den Tisch, rennt ins Zimmer einer Schwester, das im Schloss einen Schlüssel hat, schliesst sich weg und gehorcht den Eltern nicht, die ihm befehlen, aus dem Raum zu kommen. Sie stellen Leitern ans Fenster, Pio verriegelt die Läden, bleibt drei Stunden lang im Exil, verlässt es erst, als sie geloben, ihn nicht zu bestrafen, weder mit Worten noch mit Geigen.
13
Er ist im Bett, Montagmorgen, sieben Uhr, das Telefon schellt, und Pio, elf geworden, weiss, nun ist sie tot. Seit einem halben Jahr liegt Mama im Spital zu Basel, Mama hat Krebs. Am Dienstag liegt ihre Leiche in der Stube, belagert von Blumen und Verwandten, Pio wartet in seinem Zimmer, Mama ist tot. Wenn du sie noch sehen willst, dann jetzt, gleich schliessen sie den Sarg, sagt Onkel Fritz, der Bildhauer, der unter dem Dach ein Zimmer hat und eines in Paris. Pio steht neben dem Sarg, sieht das gelbe Gesicht der Mutter, dieses tote gelbe Gesicht, jemand setzt den Deckel auf, Pio sieht ihr Gesicht, sieht es durch einen letzten schmalen Spalt. Draussen zieht ein Gewitter auf, die Welt blitzt und donnert, dann beginnt es zu regnen, draussen wartet das Pferd des Nachbarn, dem Totenwagen längst vorgespannt.

Endlich trägt man Mama aus dem Haus und schiebt sie auf den Karren, der sich plötzlich bewegt und das Dorf verlässt, gefolgt vom Umzug derer, die zu ihrer Beerdigung wollen, es regnet, es regnet und donnert, und jemand legt eine Decke über das Pferd. Irgendwo, vielleicht auf halbem Weg, stellt man sich unter Bäume und wartet und wartet und zieht dann weiter nach Rümlingen, dreihundert Menschen, wo der Friedhof ist. Die Mutter verschwindet in schwarzer Erde, Mama versinkt im Loch, Mama. Pio, elf, redet kaum noch, sucht die Nähe seiner Schwester Eleonora, weint. Mit Schwester und Grossmutter reist er nach Paris zu Onkel Fritz, Fritz hört Jazz, Sidney Bechet, Wild Cat Blues, «Petite fleur».

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