Es grenzt an Zauberei

Beeindruckend: Chefdirigent Mario Venzago und Mezzosopranistin Claudia Mahnke im Berner Stadttheater.

Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke.

Die Mezzosopranistin Claudia Mahnke.

(Bild: Monika Rittershaus)

Üblicherweise ist das Orchester hier kaum zu sehen, versteckt in seinem engen Graben zwischen Publikum und Operngeschehen. Die eher schmale Bühne wurde aber auch nicht gebaut, um ein 80-köpfiges Ensemble zu beherbergen, zumal der tiefe Guckkasten die meisten Töne zu verschlucken droht, die nicht gerade zuvorderst erzeugt werden. Heute Abend allerdings passiert das im Stadttheater nicht.

Exquisite Kunststücke

Neben und über dem Berner Symphonieorchester (BSO) sind der Akustik äusserst dienliche Panels angebracht, die für den so satten wie transparenten Klang mitverantwortlich sind. Und was die Musikerinnen und Musiker daraus machen, grenzt bisweilen an Zauberei, etwa in den elegischen Schlussakkorden, mit denen Max Reger und Johannes Brahms ihre Kompositionen verebben lassen und die den Eindruck erwecken, man lausche einer grossen Orgel.

Zudem stellt die Theaterbühne den Ort der Wahl für ein Konzert dar, das eine Vokalsolistin seinen Gast nennt – und was für eine! Claudia Mahnkes warmer Mezzosopran verfügt zwar über raumgreifendes Potenzial, doch der Sängerin gelingt das Kunststück, selbst in tiefsten Lagen tragend zu bleiben, ohne jemals opernhaft zu werden oder gar angestrengt zu erscheinen. Vielmehr beschreitet sie mühelos den schmalen Grat zwischen dem deklamatorisch klaren Vortrag von Hölderlins und Goethes Gedichten, die Regers «An die Hoffnung» und der Rhapsodie von Brahms zugrunde liegen, sowie genau dem Mass an Dramatik, das diese Texte benötigen, um einen ungeachtet ihres für heutige Ohren leicht antiquierten Idioms noch zu berühren. Wozu die Vertonungen an sich und deren instrumentale Interpretation nicht minder beitragen.

So umschmeichelt das subtil agierende Orchester Mahnkes Gesang, als sei er ein weiteres Instrument, was gleichsam für die exquisiten Einsätze des Herrenchors von Konzert Theater Bern gilt. Dadurch erfahren zwei selten zu hörende Werke an dafür offenkundig geeigneter Stelle eine beeindruckende Umsetzung, welche die gequälte Unruhe Regers ebenso erlebbar macht wie die aller Liebeswut zum Trotz aufscheinende C-Dur-Feierlichkeit im dritten Teil bei Brahms.

Programm und Aufführungsstätte scheinen Mario Venzago zu inspirieren, besonders während Franz Schuberts achter Sinfonie, einem fast einstündigen, mit einer gefühlten Tausendschaft musikalischer Ideen versehenen Monument. Der ohnehin mit wundersamen Energiereserven gesegnete Dirigent steht unter Strom: Seine Tempi sind forsch, mitunter halsbrecherisch, beinahe fiebrig die Spannungskurven, die Crescendi grandios; dazu gesellen sich spitzbübisch plötzliche Rhythmuswechsel.

Frisch wirkende Wundertüte

Natürlich funktioniert dies alles nur dank dem quicklebendigen Ensemble, das mit absoluter Präsenz aufwartet, mit vielschichtigem Ausdruck, und sich dabei einer beachtlichen dynamischen Palette bedient. Die einzelnen Register vermischen sich in klangschöner, ausgewogener Weise, und die vielen Tutti strotzen vor Spielfreude, sodass Schuberts Wundertüte an Einfällen extrem frisch wirkt – und kürzer, als sie dauert.

Wenig überraschend also, regt sich gegen Ende der Spielzeit die Neugier, wozu das derart eingespielte BSO und sein Maestro noch fähig sind, sobald sie ab September ihr angestammtes Habitat im Casino wieder in Beschlag nehmen.

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