Einen Vogel haben alle

Vom Gebet bis zu Blitz und Donner bieten der Dirigent Mario Venzago und das Berner Symphonieorchester eine kurzweilige, vielseitige Saisoneröffnung.

Weniger als 16 Grad Celsius ertragen die aus Holz gefertigten Instrumente nicht: Das BSO weicht ob des garstigen Wetters in den Kursaal Bern aus.

Weniger als 16 Grad Celsius ertragen die aus Holz gefertigten Instrumente nicht: Das BSO weicht ob des garstigen Wetters in den Kursaal Bern aus. Bild: Adrian Moser

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Oberhalb der Bühne ein Bild, darauf eine Bühne. Dort hätte konzertiert werden sollen, unter freiem Himmel auf dem Bundesplatz, wie es das BSO in den vergangenen Jahren Ende August meistens getan hat. Dass garstiges Wetter ausgerechnet im Hitzesommer 2018 die Pläne durchkreuzt, gehört in die Sparte meteorologische Ironie. Schön, findet das Konzert überhaupt statt – im Kursaal, der längst zur vorübergehenden Heimstätte geworden ist.

Ein wilder Ritt

Das Orchester und er würden selbstverständlich auch bei Frost und Sturm draussen auftreten, kalauert Mario Venzago nach Bachs betörender Eröffnung «Ein feste Burg». Weniger als 16 Grad Celsius ertrügen die aus Holz gefertigten Instrumente jedoch nicht. Den ebensso gut gelaunten wie hochkonzentrierten Maestro sowie seine äusserst agilen Kolleginnen und Kollegen bringt der spontane Arbeitsplatzwechsel indes keineswegs aus dem Konzept. Gleich der zweite Programmpunkt, Giuseppe Verdis Triumphmarsch aus «Aida», stellt mittels gleissenden, pompösen Blechs einen beeindruckenden Kontrast zu Bachs choralem Gebet in den Raum.

Dass nicht gleich der nächste Hit folgt, ist John Adams zu verdanken. Mit «Short Ride in a Fast Machine» des US-Komponisten schickt sich Venzago an, das Publikum aus Aidas Ägypten ins New York der Gegenwart zu befördern, wie er lausbübisch ankündigt. Über einen unerbittlichen Puls schichtet Adams polyrhythmische Patterns, verlinkt durch Einwürfe aus allen erdenklichen Ecken des Bühnenhalbrunds, repetitiv und rasend zugleich, bis der wilde Ritt nach rund fünf Minuten abrupt endet.

Mobiltelefone einschalten, bitte!

Aus New York erreicht Bern ein weiteres Werk, das wunderbar wunderliche «Secret of Wind and Birds». Der Dirigent bittet die Zuhörenden, ihre Mobiltelefone einzuschalten, mit dem Lautstärkeregler am Anschlag. Sogleich erfüllen Zwitschern, Zirpen und Fiepen die Ränge, komponiert von Tan Dun für traditionelle chinesische Instrumente und in eine App transferiert, die Konzert Theater Bern über einen Code zugänglich macht.

Beim Einsatz des Orchesters verstummt nicht jedes Gerät sofort, was allgemeine Heiterkeit auslöst, und als die Musikerinnen und Musiker bald mehrstimmig summen, sodann kollektiv flüsternd einen Text von Leonardo da Vinci rezitieren und schliesslich gar mit den Fingern schnippen, wundert dies niemand mehr – nachdem alle, zumindest temporär, einen Vogel hatten. Zwar funktioniert das Programm nicht durchwegs. Ungenauigkeiten etwa verwischen Teile von Beethovens genialem Spiel mit den vier berühmtesten Noten der klassischen Sinfonik während des Kopfsatzes seiner Fünften.

Kurzweiliger geht nicht

Und so groovy wie in «Tico Tico», dem brasilianischen Lied über einen Käfer, der ins Mehl fällt, agiert selbst das famose Perkussionsregister nicht überall. Doch selbst wenn gegen Ende ein Strauss’sches Gewitter sowie das Pathos in «Pomp and Circumstance» arg viel des Marsches auffahren, finden sich zuvor auch Arthur Honeggers grossartige Lokomotive «Pacific 231» und die kraftvollen «Flügel des Gesangs» (Venzago) in den Wäldern der enorm bildhaften «Finlandia» von Jean Sibelius. Fazit: Kurzweiliger und vielseitiger geht eigentlich nicht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2018, 13:09 Uhr

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