Die halbe Wahrheit (sowie die Gefahren von «Orange BHC06»)

Die Hautfarbe, weiss «Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs, spielt immer eine Rolle. Sogar bei einem der Mächtigsten.

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Regula Fuchs

Es war eine der amüsanteren Geschichten, die letzthin durch den Blätterwald rauschten. Sie handelte von einem sehr mächtigen Mann und von einem Produkt, das sich «Boosting Hydrating Concealer – Orange BHC06» nennt. Das ist eine Art flüssiges Make-up, das sich Menschen ins Gesicht reiben, um ihre Augenringe loszuwerden. Ein paar Tupfen reichen, und die dunklen Schatten, die das Leben rund ums Auge legt, sind verschwunden.

Allerdings ist auch die natürliche Hautfarbe dahin. Denn der «Boosting Hydrating Concealer – Orange BHC06» deckt zwar alles Unerwünschte ab, zaubert aber auch eine ungesunde Morgenröte auf die Haut, einen Farbton, der an Fasnachts-Indianerschminke und signalorange Schutzanzüge erinnert. Darum empfiehlt die Visagistin, die den Concealer für den «Blick» testete, das Produkt eher sparsam zu verwenden und anschliessend auf jeden Fall eine Foundation aufzutragen, die den richtigen Hautton zurückbringe.

Doch warum sah sich der «Blick» überhaupt zu diesem Schminktutorial veranlasst? Darum nämlich, weil «Boosting Hydrating Concealer – Orange BHC06» einen überaus prominenten, gar präsidialen Anwender hat – der allerdings etwas zu dick aufträgt. «Jede 15-Jährige kann das Produkt besser anwenden als er», liess sich die Kosmetikerin zitieren.

Nichtsdestotrotz freute sich die Schweizer Herstellerin des Make-ups im «Blick» mächtig darüber, dass ihre Tübchen an so hoher Stelle geschätzt werden. Die Firma hat ihren Sitz im zugerischen Hünenberg und heisst Bronx Colors – der Name verweise, so Chefin Isabelle von Känel, auf die «Farbenvielfalt» im multikulturellen New Yorker Viertel. Produziert wird indes in China, und womöglich haben auch die angedrohten amerikanischen Strafzölle damit zu tun, dass «Boosting Hydrating Concealer – Orange BHC06» nicht in den USA erhältlich ist, dem Land, wo der berühmte Kunde lebt. Von Känel vermutet, dass dessen Assistentinnen die Creme wohl im benachbarten Mexiko besorgen.

Eine wunderbare Geschichte, um sich ins Fäustchen zu lachen, nicht?

Die Freude hält allerdings nicht lange an. Warum wusste der «Blick» überhaupt, was beim potenten Herrn auf dem Nachttischchen steht? Der Journalist hat offensichtlich die «Washington Post» gelesen. Der US-Zeitung hatten ehemalige Hausangestellte nämlich das Kosmetik-Geheimnis ihres Ex-Bosses verraten und zudem, dass wegen des grossen Verbrauchs von «Boosting Hydrating Concealer – Orange BHC06» täglich mehrere neue weisse Hemden vonnöten sind.

Aber eigentlich ging es im Artikel um etwas ganz anderes: Besagter Mann pflegte einst in seinen Golfclubs ausländische Haushaltshilfen zu beschäftigen, die nicht über die nötigen Dokumente verfügten, sprich: die sich illegal in den USA aufhielten. Das ist natürlich eine Geschichte von ganz anderem Gewicht, aber sie zog beim «Blick» augenscheinlich zu wenig. So blieben die illegalen Hausangestellten im Schweizer Boulevardblatt, wo sie auch sonst sind: im Dunkeln.

P.S.: Der Mann selber sagt ja, schuld an seiner Hautfarbe sei das Licht. «Mein Hauptproblem ist, dass das Licht nicht gut ist. Ich sehe immer orange aus. Und Sie auch.» Was er als Grund angibt? Energiesparlampen.

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