Die Petitesse Bern

Im Rahmen des Galerienwochenendes tauchte die Frage auf, ob Bern eine Kunststadt sei. Gestellt wurde sie auf einem Podiumsgespräch in der Kunsthalle. Aber was ist eine Stadt überhaupt?

Der Magie nächtlicher Städte kommt Susan Goethel Campbell mit ihrer Serie von perforierten Holzdrucken «Aerials: Other Cities» ganz nah.

Der Magie nächtlicher Städte kommt Susan Goethel Campbell mit ihrer Serie von perforierten Holzdrucken «Aerials: Other Cities» ganz nah. Bild: zvg

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«Was war das? Von der grossen Menschheit ein Stück! / Vorbei, vergessen, nie wieder.» Das sagt Tucholsky über die Grossstadt. Die Bilder zu diesen Versen hingen bis Sonntag im Atelier von Tom Blaess am Uferweg. Die Amerikanerin ­Susan Goethel Campbell zeigte dort Holzdrucke auf perforiertem Papier, Stadt­ansichten aus der Luft, jedes Licht ein Loch in der Natur – die Stadt, eine Sehnsucht in der Nacht. Vorbei, die Ausstellung ist zu Ende. So ist sie, die Stadt: ­immer ­woanders.

Auch deshalb klang das Thema des ­Podiums in der Kunsthalle wie ein Selbstvergewisserungsschrei aus einem Empowerment-Seminar («Bern – eine Kunststadt! Mit Ausrufezeichen!») und wurde dann doch zu einem Gespräch über die Gründe, warum Bern nicht so wahr­genommen wird: Es liegt an den Werbebudgets der grossen Institutionen. Und am Föderalismus. Peter Fischer, der Direktor des Zentrums Paul Klee, sagte, er habe Schwierigkeiten, Unterstützung zu erhalten, wenn er Ambitionen entwickle (er sprach von sich als Museum). Und die Leiterin der Abteilung Gegenwart des Kunstmuseums, Kathleen Bühler, kritisierte verzweifelt kopfschüttelnd die Kultursekretärin Veronica Schaller, weil diese in der Vergangenheit angetönt hatte, in Bern fänden zu viele Veranstaltungen gleichzeitig statt. Man spürte Bühlers Ablehnung einer schallerschen Stadtkonzeption, die offenbar nicht damit rechnet, dass es in einer Stadt von ­allem zu viel geben muss, ausser von der guten Luft. Wer weiss, was hinter der nächsten Ecke lauert, wer immer genau weiss, wo gerade was läuft, lebt auf dem Dorf. In der Stadt lebt man, wie Oscar Wilde meinte, zu seiner eigenen Unterhaltung, auf dem Land zur Unterhaltung der anderen.

Bern, eine Akademie?

Zwar reihte der Galerist Bernhard Bischoff, Moderator des Gesprächs, Zahl an Zahl, um darzulegen, wie erstaunlich viel Kunst es in Bern gebe, doch das schien nur wie eine umgekehrte Rhetorik der sonst verpönten quantitativen Erfassung von Kultur. Welche Qualitäten Bern zu einer Kunststadt machen, blieb offen. Reiner Brouwer, der Herausgeber des Magazins «Art Mapp», hatte bereits vor dem Gespräch in der Kunsthalle die These geäussert, es seien die «engagierten und neugierigen Bürger». (vgl. «Bund» 15. 1. 2015). Dieser soziologische Ansatz wurde nicht vertieft. Er kehrte nur als Frage aus dem etwa hundertköpfigen Pub­likum wieder, dieses Bürgertum werde in Bern doch vor allem von den ­Angestellten der Verwaltungen verkörpert, ob denn bekannt sei, wo diese Leute ihre Freizeit verbrächten?

Das Podium dankte für die «Anregung». Brouwer machte sogar den Versuch, die supponierte Kunststadtigkeit Berns konkret zu beschreiben. Mit Bezug auf die Vergangenheit der Kunsthalle, Lischka und die gegenwärtig wieder aufflackernde Vitalität der freien Szene sprach er von einer Art «Denkfabrik auf hohem Niveau», einer informellen, ätherischen «Akademie Bern». Vielleicht glaubten die anderen Diskutanten, Brouwer habe einfach eine Zeitschrift zu verkaufen, jedenfalls reagierte niemand auf seinen Versuch, dem Kind einen Namen zu geben. Immerhin kam dann die Hochschule der Künste zur Sprache – respektive die Abwesenheit von deren Studenten bei Veranstaltungen wie der gerade stattfindenden. Und so war doch wieder davon die Rede, was die Petitesse Bern ­gerade nicht zu einer Kunststadt mache. Spätestens da musste man sich die Frage stellen, ob es eigentlich eine protestantisch verdrehte Form des Narzissmus gibt, die Gefallen am Mangel findet.

Zum Glück liefert die protestantische Ethik auch eine Medizin gegen die Liebe zur Malaise: Arbeit. Beispiele dafür gab es am Galerienwochenende einige zu sehen. Die Galerie Kornfeld zeigt eine Ausstellung zu «One Cent Life» von Walasse Ting und Sam Francis, einem der erstaunlichsten Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts, voller Pop-Art-Lithografien und kräftiger Gedichte in gebrochenem Englisch, herausgegeben vom Kosmopoliten Eberhard W. Kornfeld himself. Und dann im Kornhaus­forum: eine riesige schwarze Fläche mit unzähligen weissen Sternen von Wolfgang Zät, Linoldruck, ein Jahr Arbeit und immer noch unvollendet; der grosse Himmel über einer grossen Stadt.

«Aufscheinen: Christian Denzler, Inga Häusermann, Wolfgang Zät», Kornhausforum, bis 25. Januar 2015.

«Fitfty Years of ‹One Cent Life›», Galerie Kornfeld, bis 28. Februar 2015. (Der Bund)

Erstellt: 20.01.2015, 08:06 Uhr

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