Das geheime Leben der verlorenen Dinge

«Wahrheit»-Kolumnistin Regula Fuchs glaubt fest daran, dass all die Dinge nicht verloren sind, die uns abhanden kommen, sondern an einem ganz anderen Ort wieder auftauchen.

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Regula Fuchs

Es mag banal sein, aber das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Kürzlich hat an dieser Stelle mein Kollege über das Phänomen der verlorenen Socken berichtet – und deren mysteriöse Entmaterialisierung in der Wasch­maschine. Ein Ärgernis, auch wenn der Verlust eines Fusskleids auf den ersten Blick verkraftbar scheint.

Was aber, wenn die Waschmaschine nicht der einzige Ort wäre, wo Dinge spurlos verschwinden?

Ich könnte zum Beispiel nicht beschwören, dass jeder Kaffeelöffel, der in unseren Geschirrspüler reingeht, dort auch wieder herauskommt. Oder der Einfränkler, den man in die Jackentasche gesteckt hat: Sobald man ihn für den Einkaufswagen braucht – ist er nicht mehr da. Und der ­Toaster: Ist es nicht schon vor­gekommen, dass von den zwei Brotscheiben bloss eine wieder heraus­gespickt wird – weil sich die andere auf rätselhafte Weise verkrümelt hat? Etwas Ähnliches ist mir bei einem geselligen Raclette-Abend passiert: Ich schob die Käsescheibe wie vorgesehen in den Ofen, vergass sie ob der an­geregten Diskussion einen Moment zu lange, und als ich das Pfännchen wieder herauszog, war da – nein, kein geschmolzener Käse, sondern bloss eine kleine Fettlache, die lustig blubberte und brutzelte, als grinste sie mich hämisch an. Hatte sich mein Käse in Luft aufgelöst?

Man stellt sich unversehrt unter die Dusche, steigt jedoch mit einem Beinweniger wieder aus?

Und was, wenn das auch bei Menschen passierte? Zwei Leute betreten im Erdgeschoss den Lift, im sechsten Stock kommt nur einer an? Man stellt sich unversehrt unter die Dusche, steigt jedoch mit einem Bein weniger wieder heraus? Was, wenn die ­Trockenhaube beim Coiffeur nicht nur die Feuchtigkeit, sondern auch einen Teil der Frisur schluckte? Oder der ­Röntgenapparat Organe verschwinden liesse? Und sind auf der Flugzeug­toilette nicht auch schon ganze Menschen abhandengekommen?

Sowieso, die Mobilität scheint prädestiniert für unerklärliche Verluste. Die Transportbänder auf Flughäfen sind ziemlich sicher mit Falltüren ausgestattet, in welche in regelmässigen Abständen ein Gepäckstück plumpst, auf Nimmerwiedersehen. Und das Kofferpacken: Man ist sicher, dass man sämtliche Lade­kabel eingepackt hat, aber sobald die Destination erreicht ist, hat sich eines aus dem Staub gemacht. Wobei, für diesen Fall könnte es eine einfache Erklärung geben: Das Innenfutter von Koffern und Taschen ist gefrässig. Das erfuhr einst ein Kollege, dessen lange verschollen geglaubtes Mikrofon sich am Flughafen wundersam wieder materialisierte – als sein Rucksack geröntgt wurde.

Sowieso glaube ich fest daran, dass all die Dinge nicht verloren sind, die Socken, die Kaffeelöffel, die Einfränkler, die Toasts, der Käse, die Menschen, Körperteile und Koffer, und sei es, dass sie an einem ganz anderen Ort wieder zum Vorschein kommen. Das weiss ich, seit ich einmal Freunden beim Umziehen half. Da wir uns sehr vertraut sind, räumte ich den frisch aufgebauten Kleiderschrank ein, Unterwäsche inklusive. Und siehe da, hier waren sie: die verlorenen Socken aus allen Waschmaschinen dieser Welt! Tennissocken, Knöchelsocken, Woll­socken, alte Socken, neue Socken, aber jede: einzeln. Sie waren auf geheimnisvolle Weise in diesen Zügelkisten gelandet – und in einem neuen Leben, wo keiner paarweise unterwegs ist. Dank der Kraft ihres Sockenkarmas.

Dass sogar Dinge auf eine Wieder­geburt hoffen können: was für eine tröstliche Vorstellung.

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