Das Mikrofon Gottes

Ein Lösungsvorschlag, wie himmlische Nachrichten die Welt dennoch erreichen – ohne Uriella.

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Regula Fuchs

Es sei erstaunlich wenig los hier, sagt der Mann in sein Mikrofon. Er hatte sich gerade noch eine Trainerjacke über sein verwaschenes T-Shirt ziehen können, als der Anruf aus der Redaktion kam und er kurz danach losfuhr. Da musste man doch vor Ort sein, kommt schliesslich nicht alle Tage vor, dass der Weltenschöpfer sein Sprachrohr zu sich holt. Uriella tot? Licht aus für Fiat Lux? Müsste doch etwas hergeben für die Kamera. Auf der Fahrt ins süddeutsche Ibach malte sich der Journalist aus, wie sich herumirrende Ordensmitglieder vor Schmerz die weissen Kleider vom Leib reissen, er sah Klageweiber vor sich, Marienstatuen, die blutige Tränen weinen, Blumenmeere, verdatterte Anwohner, eine Pressemeute. Und über allem trauerschwere Regenwolken.

Aber nichts da, die Sonne schien. Der Mann vom «Blick» stellte sich vor das putzig mit Plastikgeranien geschmückte Ordenszentrum und sprach in sein Mikrofon. «Ich hätte erwartet, dass sich die Sektenmitglieder zusammenfinden und gemeinsam trauern», sagte er. Aber da ist niemand. «Wir haben vorhin einen Mann gesehen mit einer Schubkarre, der Holz sammelte, aber ansonsten ist da von Ausnahmesituation nichts zu merken.» Hoffentlich haben sie dem armen «Blick»-Reporter im örtlichen Gasthof hinterher wenigstens einen anständigen Schwarzwälder Schinken serviert.

No news is good news, sagt der Engländer. No news is trotzdem news, sagt der «Blick». Wobei man auch beim Schweizer Boulevardblatt die schönste potenzielle Schlagzeile der letzten Wochen verpasst hat, nämlich: «Gott ist nicht tot». Und das wäre nicht einmal metaphysische Spekulation gewesen oder das Zitat eines Kirchenmannes, nein, das wäre ein möglicher Titel gewesen für die Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur vom 13. Februar, 11.51 Uhr, wonach sich der tschechische Sänger Karel Gott des Lebens erfreut, obwohl sich die Meldung seines Todes in den sozialen Netzwerken seiner Heimat verbreitet hatte.

Nun, Gott ist nicht der Einzige, dem das passiert. Auch «Raumschiff Enterprise»-Darsteller William Shatner wurde auf Twitter schon für tot erklärt, die Meldung über das Ableben von Sylvester Stallone schockierte vor einem Jahr seine Fans, zudem wurden auch schon die Queen, ihr Gatte Philip, Ex-Papst Benedikt XVI. und sogar die quirlige Miley Cyrus im Internet lebendig begraben. Schon 1963 schaffte es der «Blick», Papst Johannes XXIII. auf der Titelseite vorzeitig ins Jenseits zu befördern, und Alt-Bundesrat Kurt Furgler hörte Anfang der 90er-Jahre am Radio von seinem eigenen Tod.

Im Gegensatz zu früher genügt heute aber ein Klick, und schon ist wieder jemand in die Grube geschubst. Da hat sich Gott (nicht Karel!) offensichtlich nicht viel überlegt, als er zuliess, dass die sozialen Medien erfunden wurden. Nun müsste er eigentlich nachbessern, zumal ihm auch noch sein Sprachrohr abhandengekommen ist. Eine Art Spamfilter Gottes für falsche Nachrichten? Oder, noch besser, ein Mikrofon Gottes! Also einer, der immer dann hinsteht, wenn jemand fälschlicherweise für tot erklärt wurde. Und seelenruhig versichert, es sei nichts los, von Ausnahmesituation keine Spur, nichts zu sehen, ausser einem Mann mit Schubkarre, der Holz sammelt.

Wir hätten auch schon eine Idee, wer das machen könnte. Und schalten dafür live ins süddeutsche Ibach.

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