Brust raus, Bauch rein – fuck Dictator?

Die Waffen der Frau und anderer Unsinn: Kleine Polemik gegen den barbusigen Femen-Aktivismus.

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Am 22. April 1969 hält der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno seine Vorlesung «Einführung in dialektisches Denken». Ein Student fordert im Sinne dialektischen Denkens «die Institution Adorno» zur Selbstkritik auf: In der Theorie gebe sich Adorno als Linker, in der Praxis sei er konservativ. Drei Studentinnen treten auf, sie entblössen ihre Brüste, küssen den kleinen Philo­sophen und streuen Blumen über ihn. Adorno schützt sich mit seiner Akten­tasche. Er verlässt unter Tränen den Saal.

In der Mythologie, Geschichte und Kunst des Westens ist der nackte Busen der Frau Sinnbild für Freiheit und Frieden. Im berühmten Gemälde von ­Eugène Delacroix «Die Freiheit führt das Volk» (1830) gehören die nackten ­Brüste einer Allegorie, keiner leibhaf­tigen Frau. Sie verkörpert Freiheit, indem sie ihre Brüste zeigt, und gleichzeitig verkörpert sie Friedensbereitschaft, denn sie macht sich durch ihre Nacktheit verletzlich und angreifbar. Heute sind nackte Brüste ein Verkaufsschlager.

Adorno war ein hemmungsloser ­Busen-Glotzer. Aber auch ein begnadeter Denker. Im «Spiegel» (5. Mai 1969) empörte er sich: «Mich zu verhöhnen und drei als Hippies zurechtgemachte Mädchen auf mich loszuhetzen! Ich fand das widerlich. Der Heiterkeits­effekt, den man damit erzielt, war ja doch im Grunde die Reaktion des Spiessbürgers, der ‹Hihi› kichert, wenn er ein Mädchen mit nackten Brüsten sieht. Natürlich war dieser Schwachsinn kalkuliert.» Der kalkulierte Schwachsinn ging weiter. Dass Frauen ihre Brüste in die Kameras hängen, ist inzwischen zur dummen Angewohnheit geworden. Daran hat man sich nolens volens mit freundlicher Unterstützung von Privatsendern, Internet und Werbeindustrie gewöhnen müssen.

Immer ein flotter Spruch

In letzter Zeit ist ein bisschen viel Brust im Einsatz für eine bessere Welt. Damit meine ich nicht Angelina Jolie, sondern die Femen-Aktivistinnen.

> Im Februar auf der Berlinale ­rissen sich vier junge Frauen am roten Teppich die Klamotten vom Leib, um zu skandieren: «Frau ist keine Ware».

> Im April auf der Hannover-Messe konfrontierten Femen-Aktivistinnen den russischen Präsidenten Wladimir Putin mit nackten Brüsten und der Aufschrift: «Verpiss dich Putin» und «fuck dictator».

> Letzte Woche kaperten zwei ­Busen-Aktivistinnen die Heidi-Klum-­Show «Germany’s Next Top Model». Auf ihren nackten Oberkörper prangte anprangernd: «Heidis Horror ­Picture Show».

Die Femen-Frauen waren schon zuvor bei diversen anderen Anlässen aufgetreten, unter anderem 2012 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Immer mit einem flotten Spruch auf den ­Lippen und den nackten Brüsten.

Die Verhurung des Frauen­bildes

Eine Provokation? Grosse Auf­regung bei den Bürgerinnen? Heftige Erregung bei den Bürgern? Skandal? Der Skandal ist eher, dass derselbe in west­lichen Gesellschaften inzwischen ausbleibt. Nackte Brüste zeigen, darf man das? Aber ja. Ja, liebe Mädchen. Macht nur weiter so. Brust raus, Bauch rein, Kamera läuft. Die Verhurung des Frauen­bildes kommt mächtig voran.

Was der Pornoindustrie und der Plakat­werbung billig ist, mag nied­lichen Brustvorzeigerinnen politisch teuer sein. Aber wie einfältig muss man sein, um nicht zu merken: Die nackte Brust hat sich in unserer Kultur als Schockmittel völlig verbraucht, leider. Jeder Zeitungskiosk haut uns nackte Frauen um die Ohren. Die symbolische Interaktion klappt beim Nacktprotest nicht mehr, meine Damen. Nackte Weiber, pardon, Frauen, ­jucken niemanden, schon gar keinen Spitzenpolitiker. Schon gar keinen ­Banker. Keinen Top-Wissenschaftler, keinen Superstar, niemanden, der Macht hat. Wer je vom Eros der Macht gekostet hat, steht mehr auf Raffinement, auch bei der Wahl der ­Argumente.

Busen-Attacken als politisches ­Mittel? Für so viel Naivität mag man sie am liebsten streicheln, die Femen-­Frauen. Aber berühren ist streng ver­boten. Öffentliches Berühren der öffentlich gemachten Oberweite ist tabu – noch. Man stelle sich vor, Putin hätte in Hannover …

Weltweit 300 Mittäterinnen

Die Bewegung Femen wurde erstmals 2008 in der Ukraine dingfest gemacht. Sie kämpft gegen Sexismus und gegen das Patriarchat in Kirche und Staat. Junge Damen in Berlin, Paris und Tunis haben nachgezogen. Inzwischen soll es weltweit 300 Mittäterinnen geben. Ein Mitgliederzuwachs von im Schnitt 60 Frauen pro Jahr ist nicht gerade üppig, dafür die Medienpräsenz umso mehr. Keine Mode ohne Modewort. «Sextremisten», «Sextrémistes» nennt man die jungen Damen. Wobei allerdings das Extremste an westlichen Femen ihre extreme Anpassung ans herr­schende Schönheitsideal ist. Tatsächlich?

Ein Blick auf ein beliebiges Femen-Foto genügt. Auf den als Malunterlage wunderbar tauglichen, weil flachen Brüsten einer Aktivistin steht «Fuck your Morals». Weg mit der Moral? Ja, aber alles hat seine Grenzen, auch bei Schocktruppenangehörigen. Ihr Angriff stoppt knapp vor dem Schönheitsideal unserer Zeit: Ihre Lippen sind vorschriftsmässig rot geschminkt und die Haare oft lang oder superblond gefärbt. Der Body-Mass-Index stimmt. Bloss nicht als unattraktiv gelten. So sind die ­Frauen, immer wollen sie schön sein. Zeigt her eure Brüste: Das klingt ­super aufmüpfig. Aber, das frag ich jetzt mal locker in eure hübsche Runde, liebe Pariser, Berliner und Zürcher «Femen»: Wer kann echtes Interesse an einer ­Busen-Vorzeige-Aktion haben – eher der Mann oder eher die Frau?

Ich schätze mal grob: die Männer. «Die Waffen der Frau» sind eine Erfindung der Herrenwelt aus den guten ­alten prüden Zeiten. Wenn eine nichts anderes vorweisen kann, dann hat sie immer noch die «Waffen der Frau». Und die gönnt ihr der Mann naturgemäss ­liebend gerne.

Frauen schauen lieber weg

Die schärfste Waffe, wenngleich noch verhüllt, war in den 1950er-Jahren der «Atombusen». Im engen Pulli stramm verpackt, stach der Atombusen seinem Betrachter spitz entgegen. An dieser Doppelrakete musste der Blick eines Mannes geradezu hängen bleiben, armes Opfer. Die Damen hingegen schauten weg, wenn ihnen eine Atombusen-Genossin begegnete. Vielleicht scheuten sie den Vergleich der Sprengkräfte, vielleicht war ihnen die spitz­busige Angeberei auch nur peinlich. Inzwischen sind Atombusen eher sanftlinig rund wie gekappte US-Drohnen oder ICE-Triebwagen. Aber bis ­heute schauen Frauen lieber weg, wenn andere Frauen sich bis auf die Haut blossstellen. Die Femen-Methoden werden in Frauenkreisen selten kontrovers diskutiert. Und überhaupt: Wer heute noch ernsthaft wie anno 1970 nackte Frauen in der Werbung kritisiert, gilt als verbiesterte, verbissene Emanze. Als ob Emanzipation sich je ohne Verbissenheit hätte durchsetzen können!

Was meint die feministische Hauspostille «Emma» zu den Brust­­Aktivistinnen? In nicht zu über­bietenden Anfällen unkritischer Soli­darität hat sich «Emma» seit 2012 hinter die ­«Femen-Power» gestellt. Dass Geschlechtsgenossinnen im «Porno-Dienstmädchen-Look» vor der Haustür von Schwerenöter Dominique Strauss-Kahn posieren und «Schande über dich» schreien, findet «Emma» richtig ­«mutig».

Neuerdings wirbt «Emma» für lila «Sexismus»-Aufkleber mit folgender Anzeige: «Frauenfeindliche Plakate? Dümmliche Schaufenster-Deko? ­Dreiste Bordell-Werbung? Macht eure Wut sichtbar mit den ‹Sexismus›-Aufklebern von ‹Emma›!» 100 lila Aufkleber kosten zwölf Euro. Das ist fürwahr keine dumme Aktion, dreiste Bordell-Werbung und frauenfeindliche Plakate gibt es genug. Allerdings auch Nacktivistinnen-Brüste, auf die solche Sexismus-Aufkleber gepappt gehören. Denn mit nackten Brüsten ­gegen sexuelle Ausbeutung zu protestieren, ist ungefähr so intelligent, wie mit Spatzen auf Kanonen zu schiessen oder mit Spatzen auf Spatzen.

Die Oben-ohne-Taktik

Die niedliche Ukrainerin Alexandra Schewtschenko (25) ist Mitbegründerin der Femen-Infanterie. Sie ist seit April eine prominente Frontfrau, weil sie auf der Messe Hannover Wladimir Putin mit den Waffen der Frau attackierte. Das Foto ging um die Welt. Das kann nicht jeder Busen von sich sagen. Ihre Oben-ohne-Taktik begründet Alexandra so: «Als die Frauen anfangs noch angezogen demonstrierten, sind sie nicht wahrgenommen worden.» Wie wahr. Angezogene Demonstrantinnen werden eher nicht mehr wahrgenommen. Bleibt nur die bescheidene Frage, aus welchem Grund nicht angezogene Demonstrantinnen wahrgenommen werden. Wegen ihrer politischen Anliegen? Alexandras Busen-Alarm in Hannover ist kaum zwei Monate her. Schon haben wir ein Problem: Für oder gegen wen oder was hat Alexandra damals ­eigentlich demonstriert? Die Erinnerung schrumpelt noch schneller als die Haut. Ich weiss nur noch, dass Alexandra sehr blond und sehr hübsch aussah. Und dass Putin – nach einer Schreck­sekunde – diese Form von Protest sichtlich genoss. Wohingegen Bundeskanzlerin Angela Merkel, laut «Forbes» die mächtigste Frau der Welt, plötzlich ohnmächtig und durcheinander wirkte. Kann es sein, dass sich die Waffe der Frau gegen Frauen richtet?

Angela und Alexandra: Welcher ­innere Kleinkampf sich hier von Frau (59) zu Frau (25) abspielte, werden die Annalen der Geschichte nicht verzeichnen. Das ist auch Privatsache. Wichtig ist allerdings, was die Körperpolitik ­einer Nacktivistin verrät: Sie ignoriert Frauen wie Angela Merkel. Dass neben Putin eine Frau steht, die sich für das Ausziehtheater schämen könnte, ist ihr egal. Mit politisch mächtigen Frauen scheinen die aufgestellten Brustvorzeigerinnen sowieso nicht zu rechnen.

Inzwischen präsentieren lustige Atomkraftgegnerinnen in Polen bei ­ihren Demos nicht nur zwei, sondern drei Brüste. Pro Frau. «Das ist mal ein Hingucker», freuen sich die Buben von der Presse. Die Freude steigt, es gibt inzwischen auch knackige Po-Vorzeigerinnen. Von hinten bis vorne sind die Femen-Aktionen auf Männer zugeschnitten. Die Frau an der Macht ist den Sextremistinnen kreischegal, solange sie selbst nur die Aufmerksamkeit eines mächtigen Mannes erregen können. Oder eines Kameramannes. Das war schon in den 1950er-Jahren so. Das zum Thema «Waffen der Frau». Wenn junge Frauen in westlichen Gesellschaften heute ihre Brüste aus­packen, dann sieht man als Frau allenfalls, was man in der Konsumgesellschaft ständig erleben muss: dass sich Verpackung und Inhalt oft umgekehrt proportional verhalten. Das wars auch schon an Erkenntniswert.

In Tunesien hingegen ist das Nacktfoto einer Frau immer noch ein Verbrechen gegen die Männlichkeit. Man muss es nur so gescheit und mutig anpacken wie Amina Tyler. Die 19-jährige Tunesierin wagte sich in die Höhle des Löwen, in die Islamistenhochburg Kairouan, um an die Moschee ein «Femen»-Zeichen zu sprühen. Nicht minder anstössig: Amina ­stellte ein Foto von sich ins Netzwerk ­Facebook; dort sieht man sie in aller Seelenruhe lesen und rauchen und zwischen ihren nackten Brüsten prangt der Slogan «Mein Körper gehört mir». Harmlos? Salafisten forderten 80 bis 100 Peitschenhiebe für Amina sowie ihre Steinigung. In diesen Tagen wird Amina der Prozess gemacht, ihr drohen bis zu 18 Jahren Haft. Tunesien war vor dem arabischen Frühling in Sachen Frauenemanzipa­tion schon weiter. Von Mitteleuropa aus ist schwer zu beurteilen, inwieweit Aminas tapfere Freikörperkulturtat diesen Backlash aufhalten kann.

Stattdessen: Verhüllungsaktionen

Westliche Femen-Frauen stehen in einer anderen symbolischen Tradi­tion: Vom Delacroix-Gemälde «Die Freiheit führt das Volk» gibt es eine (immer dünner werdende) Verbindung zur Busen-­Attacke auf Adorno und zur «sexuellen Befreiung» der 1970er-Jahre. Dass sexu­elle Freizügkeit Familienstrukturen zerstören kann und letztlich dem Verfügbarkeitswahnsinn einer globalisierten Wirtschaftsweise dient, konnte man damals nicht ahnen. Aber heute schon.

Ich weiss nicht, ob der Westen in ­Sachen Mode und Körperpolitik ein besonders nachahmenswertes Vorbild ist. Aktion Brust raus, fuck moral? In unseren libertären Breitengraden könnten, ganz im Gegenteil, ein paar Verhüllungsaktionen nicht schaden. Statt der Frau in islamischen Ländern immerzu «Schleier runter, Kopftuch weg» zuzurufen, könnte man vor der eigenen Haustür kehren und von westlichen Frauen umgekehrt fordern: «Bedeckt Brüste und Oberschenkel im ­öffentlichen Raum.» Warum?

Zum Beispiel darum: Ein Lehrer, der mangelhaft bekleidete Teenies wegen mangelnder Vokabelkenntnis abstrafen muss, möchte ich nicht sein. Sich als Lehrer ständig von Schülerinnen dabei ertappen lassen zu müssen, wie man krampfhaft von ihrem Ausschnitt wegguckt, das muss so demütigend sein, wie sich als Schüler beim Spicken erwischen zu lassen. Ich plädiere für eine Schuluniform. Ja, das ist prüde, spiessig, arm. Aber mit diesem Widerspruch muss man leben.

Andere Frauen leben mit gravierenderen Widersprüchen. Am 4. April ­demonstrierte die Berliner Femen-Gruppe beim europaweiten «Topless ­Jihad Day» vor einer Moschee für die Freiheit der Frau in islamischen Ländern. Tags darauf protestierten vor der gleichen Moschee sechs verschleierte junge Muslima gegen die Topless-­Aktion: «Du brauchst mich nicht zu befreien, ich bin frei.»

Wer hat recht? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Die Femen-Aktivistinnen ­haben ansehnliche Argumente, jede hat genau zwei davon. Es sind dies ­Argumente, die Männer nicht besitzen. Aber Gott – notfalls auch Allah ­– möge verhüten, dass dereinst die Herren ihre männlichen Argumente so ­öffentlich zum Einsatz bringen wie ­heute die ­Femen-Frauen.

Basler Zeitung

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