Bilder vom Olymp der Gefühle

Was in Berlin einst mit drei Kameras begann, ist heute das meistgesehene Fernsehereignis der Welt. Eine neue Ausstellung im olympischen Museum in Lausanne zeigt, was dahintersteckt.

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Lynn Scheurer@Ciao_Lynn

Alle zwei Jahre geschieht auf der Erde etwas Seltsames. Millionen schauen zu, wie ein paar Sportler gegeneinander antreten. Nicht alle Zuschauer sind Sportbegeisterte, aber alle lieben gute Geschichten. Und die Olympischen Spiele liefern genau das: Freude, Comebacks, Triumphe, Niederlagen und Enttäuschungen.

Das olympische Museum in Lausanne ist Teil dieser Emotionsmaschinerie. Ein weisses Haus, ausgestattet mit bester Aussicht auf den Genfersee und natürlich mit viel Symbolik: fünf Ringe für die fünf Kontinente, vor dem Eingang das brennende olympische Feuer. Ab morgen gibt es hier eine neue Ausstellung, die für einmal nicht die Leistungen der Sportler ins Zentrum rückt, sondern jene der Unsichtbaren: der Kameraleute, Techniker, Kommentatoren. Es ist ein kleiner, aber erstaunlicher Eindruck davon, wie viel Aufwand hinter den Bildern in unseren Fernsehern steckt. Würde man sich die gesamte Berichterstattung der Spiele in Sotschi hintereinander ansehen – man wäre 12½ Jahre lang damit beschäftigt. Und dabei hatte einmal alles so klein angefangen.

Langes Warten auf den Bericht

Vor der Erfindung des Radios bekam man von den Olympischen Spielen kaum etwas mit. Manchmal schrieben die Zeitungen darüber. Oder die Kinos zeigten eine kurze Zusammenfassung – allerdings immer erst eine gute Woche nach den Wettkämpfen.

Erst mit dem Radio wurden die Spiele zum Ereignis. Die Sendungen waren so beliebt, dass manche Veranstalter fürchteten, ihre Tribünen blieben bald leer. Bei den Berliner Spielen von 1936 kamen dann Fernsehkameras zum Einsatz, gross wie Panzerrohre. Drei waren es, und eine davon funktionierte nur bei hellem Sonnenschein. Die Zuschauer zu Hause konnten die Athleten nicht voneinander unterscheiden, die Kommentatoren ohne Monitore oft auch nicht.

Als 1948 dann 500 000 Personen vor den Fernsehern sassen, sorgte sich die BBC bereits um die Gesundheit des Publikums zu Hause und unkte, die Zuschauer seien bald an ihren bleichen Gesichtern erkennbar. Doch 1956 bekamen die Bleichgesichter recht: Erstmals sahen sie zu Hause besser, was passierte, als die Zuschauer im Stadion. Zum Beispiel, wie sich einer der Fackelträger mit seinen Schlittschuhen in einem Fernsehkabel verhedderte und stolperte.

Vermarktung der Emotionen

Die Spiele waren mehr als ein sportlicher Wettkampf. 1968 sahen sich 17 Millionen Personen die unterdessen farbig gewordenen Sommerspiele von Mexiko-Stadt an. Eine von ihnen schrieb der BBC: «Die Olympischen Spiele im Fernsehen zu sehen, hinterliess bei uns ein Gefühl der Hoffnung für die Zukunft der Welt.» Zwar hatte die Sportveranstaltung trotz ihrer hehren Ideale keinen Weltkrieg verhindern können. Doch ihr humanistischer Anspruch auf einen friedlichen Wettkampf zwischen den verschiedenen Ländern ist bis heute ein enormer Vermarktungsvorteil.

Noch wichtiger für den Erfolg der Spiele war, dass die Filmer, Techniker und Journalisten bald etwas Fundamentales begriffen hatten: Das Publikum will nicht einfach einen Wettbewerb, es lechzt nach Geschichten. Es will den Sportler also nicht nur im Stadion sehen, sondern auch in seiner Heimatstadt, in seinem Elternhaus, im Gespräch mit seinem Trainer und beim Aufwärmen. Der Kommentator erzählt dazu die Leidens-, Aussenseiter-, Kämpfergeschichte, der Zuschauer ist berührt. Geschichten wie jene des fast blinden Südkoreaners, der mehrfacher Olympiasieger im Bogenschiessen wurde. Oder jene des Eiskunstläufers, der nach vier Jahren Vorbereitung beim ersten schwierigen Sprung hinfällt – dann aber, vom Applaus des Publikums wieder aufgerichtet, noch einmal von vorne beginnt. Dass die Spiele nur alle vier Jahre stattfinden, verleiht ihnen Bedeutung. Der Athlet ist automatisch ein Held, denn er hat jahrelange Mühen auf sich genommen, um an sein Ziel zu kommen. Für Yannis Exarchos, Chef der Olympic Broadcasting Services, ist der Olympionike das perfekte Vorbild, weil er sich komplett der Selbstverbesserung verschrieben hat.

Wenn Kameras ins Wasser gehen

Die neue Ausstellung «L’envers de l’écran» zeigt, wie nahe man heute an diese Selbstverbesserer herankommt. Die Kamera plumpst mit ihnen ins Wasser, rast mit ihnen die Laufbahn entlang, umkreist sie in ihrem Siegestaumel. Die Mikrofone stecken unter dem Barren, sodass man jeden Aufprall, jedes Stöhnen hört. Der Zuschauer fühlt, leidet und jubelt mit. Und das Internationale Olympische Komitee (IOC) sitzt auf Unmengen von Material, das eigentlich nur deshalb wertvoll ist, weil es bei vielen Menschen Emotionen auslöst.

Insgesamt 2000 Stunden Film und 400 000 Fotos hat das IOC in den letzten Jahren digitalisiert. Das Archivmaterial ist wertvoll, weil Olympische Spiele immer auch eine Art Lackmustest für die Verfassung der Menschheit darstellen. Welche Länder sind gerade im Krieg miteinander? Wer boykottiert die Spiele? Wer terrorisiert sie? Und natürlich: Wie wird die Eröffnungsfeier gestaltet? Die Olympischen Spiele sind auch ein Spiegel des Geschmacks. Das Archivmaterial steht den IOC-Partnern zur Verfügung, damit diese den «Geist» der Spiele weiterverbreiten.

Die Öffentlichkeit wird zunehmend von Olympiabildern geflutet. In Sotschi wurde der Olympic Video Player eingeführt, eine digitale Plattform, bei welcher der Zuschauer selbst entscheidet, wann er welche Wettkämpfe sehen will. Er muss die Auswahl nicht mehr den Fernsehsendern seines Landes überlassen. So wird die grosse Erzählung mehr und mehr fragmentiert, und jeder kann durch Social Media selbst zum Erzähler werden. Trotzdem glaubt man bei IOC nicht, dass die Einschaltquoten darunter leiden werden. Offensichtlich ist man davon überzeugt, dass die Menschen auch in Zukunft noch das Bedürfnis nach dieser schönen Gewissheit haben, dass Millionen andere gerade dasselbe sehen wie man selbst.

Die Ausstellung «L’envers de l’écran» läuft bis am 26. Januar 2016.

www.olympic.org/museum

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