Befreit in den Weltuntergang

Für ihr neuestes Werk haben die Kummerbuben Beistand vom 80-köpfigen Variaton-Orchester bekommen. «Itz mau Apokalypse» dreht sich um die Tragödien des kleinen Mannes.

Sie mögen den Taumel lieber als die Gradlinigkeit: Die Kummerbuben aus Bern.

Sie mögen den Taumel lieber als die Gradlinigkeit: Die Kummerbuben aus Bern. Bild: Jen Ries

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Der Beat schleppt sich dahin wie ein schlurfender Quasimodo. Akzentuiert wird er von einem ernsten Stromgitarren-Akkord, später mengen sich tiefe Bläser, dramatische Streicher und ein sehr, sehr missvergnügter Simon Jäggi am Gesangsmikrofon dazu. Er rempelt wie ein Rüpel-Punk durch die Kulisse und schimpft und rotzt wenig vornehme Diktionen ins Geschehen: «Alles Scheisse», «Fuck», «au die Wichser» heisst es da unter anderem. Der Missmut hat seinen Grund: Das Leben der Hauptfigur des Eröffnungsliedes hat sich bemüht, stets die schlechtestmögliche Wendung zu nehmen – das Gegengift ist ein trotziger Defätismus.

Der Song heisst «Unger Finne» und verrührt Emo-Bombast, Post-Punk-Drastik und cineastische Untergangsromantik zu einem wunderlich-morbiden Überschwang. Nie zuvor gehört so was. Jedenfalls nicht in einem derart personalintensiven, orchestralen Szenarium. Und schon gar nicht auf Berndeutsch. Und überhaupt.

Schatten und finsterer Zauber

«Itz mau Apokalypse» heisst das neue Tonwerk der Kummerbuben. Es ist Plattentitel und irreführende Ankündigung zugleich: Als hätten die Berner Kummerbuben jemals etwas anderes als das Abgründige im Sinn gehabt. Der Klangkörper und dessen Kopf Simon Jäggi zeigten sich seit jeher an den Schattenhängen interessiert: Zuerst durchforsteten sie Schweizer Lied- und Literaturgut nach ungeheuerlichen Geschichten, die sich zur Vertonung anboten, und versahen diese mit einem balkanesk-punkigen Rumpel-Schmäh. Zuletzt vertonte man Ottfried Preusslers «Krabat», der sich um finsteren Zauber, Tod und Verderben dreht.

So betrachtet ist die Apokalypse nur eine unerhebliche Steigerung zum bereits Geschehenen. Als allzu finster möchte Simon Jäggi «Itz mau Apokalypse» jedoch nicht verstanden wissen, ja er mache sogar eine linde Ironie geltend, welche die Sache immer wieder aufhelle: «Sosehr wir uns alle vor dem Ende und dem Untergang fürchten, so sehr fühlen wir uns von diesem Thema auch angezogen, entwickeln sogar eine heimliche Sehnsucht danach», erklärt Jäggi. «Wenn die Welt aus den Fugen gerät, liegt darin stets auch das Potenzial, dass etwas in Bewegung gerät.»

Gemeint ist also die Apokalypse im Kleinen. Die Helden in Jäggis Geschichten sind Menschen, die sich im Hier und im Jetzt verzettelt haben, Menschen, für die so ein Weltuntergang einer Befreiung, ja einer Katharsis gleichkäme. So wie Dänu von der Fischtheke, der sich im sonnenlichtlosen Untergeschoss in eine heilere Welt hineinträumt, in der er als Weltensegler über den Atlantik kreuzt. «Die Verlorenen sind frei», heisst es einmal – der Satz könnte als Motto über den sechs neuen Stücken der Berner stehen.

Die Limiten der Kummerbuben

Als Komplizen für die Vertonung des Weltuntergangs haben die Kummerbuben das 80-köpfige Sinfonieorchester Variaton beigezogen. Ihm kommt die Aufgabe zu, kraft tiefer Moll-Töne die schauerliche und unheimliche Seite der Songs zu untermauern. Allerdings sind die Momente selten, in denen sich die geballte Wucht, die so ein Grossorchester zu erzeugen vermag, Bahn bricht. Das hat zum einen damit zu tun, dass ein Studio, das Mehrspuraufnahmen im Klassik-Bereich anbietet, für die Band schlicht unerschwinglich war. Zum anderen wollte man den eigenen Band-Sound nicht gänzlich einem Orchester-Klang opfern, wie Jäggi erklärt. So fanden die Aufnahmen in der Aula des Schulhauses Munzinger im Fischermätteli statt, und so ist auch eine gewisse Hall-Fahne zu vernehmen, wenn dann mal der ganze Streicherblock in die Saiten haut.

Dennoch empfindet Simon Jäggi die Zusammenarbeit mit Variaton als Glücksfall: «Wir befanden uns gerade in einer Findungsphase», sagt der Sänger. Die Songs für ein neues Album seien bereits geschrieben gewesen, es habe sich ein eher ruhiges Werk abgezeichnet, und man laborierte am Klangbild der Band. «Es war eine Phase, in der alles auf den Prüfstand geworfen wurde, in der wir uns Fragen stellten, für was die Kummerbuben überhaupt stehen, in der wir zweifelten und erkannten, wo die Limiten dieser Band sind.» Die Anfrage des Orchesters Variaton kam also nicht ganz ungelegen, dieses Ensembles, das sich jedes Jahr ein neues Projekt sucht, um der Routine des Klassik-Betriebs zu entfliehen, und das sich in seiner Geschichte schon mit DJs, Licht- oder Cartoon-Künstlern, Filmemachern, Tänzern oder mit dem Büne Huber zusammengetan hat. So überreichte man die Demos dem künstlerischen Leiter Droujelub Yanakiev, der dafür ein sinfonisches Arrangement komponierte.

Nihilismus im Stillen

Entstanden ist ein nicht ganz leicht verdauliches Album voller wunderhübscher musikalischer Details – ein Xylofon hier, ein Glockenspielchen da, Pizzicato-Zupfer dort. Diese Sorgfalt in der Tonsetzung entfaltet im Stillen noch mehr Wirkung als im Aufbrausenden. Denn nach dem furiosen Opener geben sich die Kummerbuben dann tatsächlich vornehmlich bekümmert und bombastscheu. «My Kapitän» ist eine zarte Ballade über die Determination des Seins, mit einem auf Holz geschlagenen Mini-Beat und dunkel gewandeten Sirenen. Der musikalische Schwerblüter «Supermond» beschreibt die unheilschwangere Anbahnung einer fatalen Liebschaft. Und der anbetungswürdige Schmachtfetzen «Dr letscht Mönsch» umreisst in zärtlich dahingetupften Noten das post-apokalyptische Szenario einer ausgestorbenen Stadt, in der ein letzter Überlebender über sein Dasein sinniert.

Mit den Kummerbuben, die vor zehn Jahren in der SRF-Sendung «Die grössten Schweizer Hits» mit ihren punkigen Variationen alter Schweizer Volkslieder die Bodensee-Arena zum rhythmischen Klatschen animierten, hat das alles freilich rein gar nichts mehr zu tun. Zu verschachtelt das Ganze, zu nihilistisch, zu morbid, zu finster. Und zu grossartig. «Die Idee, in der Schweiz irgendwann den Durchbruch zu schaffen, haben wir schon länger aufgegeben», sagt Simon Jäggi. Ein Radio-Musikredaktor habe ihnen einst folgende schöne Rückmeldung gegeben, nachdem sie ihm ein Album zur Bemusterung zugesandt hatten: «Musik mit Klarinette spielen wir sicher nicht.»

Doch auch ohne dieses Feedback sei man zum Schluss gekommen, dass sich die Musik der Kummerbuben eher für die Konzert-Clubs und die Theaterbühnen als fürs Radio-Format anbiete. Und so soll es auch eher in diese Richtung weitergehen – weg vom Unterhaltungs-Anspruch, hin zu einem eigenen autarken Klang.

Allerdings sei da kürzlich ein Angebot reingeflattert, für das es sich lohne, einen kleinen musikalischen Haken zu schlagen: Die Kummerbuben dürfen am 1. August im Iran auftreten. Die Schweizer Botschaft hat sie aufgeboten. Bedingung: Im Repertoire müsse unter anderem die schweizerische und die iranische Nationalhymne sein. Es sind manchmal die abwegigen Aufgaben, an denen eine Band wächst.

Dampfzentrale Variaton & Kummerbuben – Projekt #14: Fr und Sa, 29. und 30. 6., 20 Uhr. So, 1. 7., 17 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 28.06.2018, 06:46 Uhr

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