Aristokratische Avantgardistin

Ariane von Graffenried hat sich als Theaterautorin und Spoken-Word-Performerin einen Namen gemacht. Kürzlich las sie in Indien. Nun erhält sie ein «Weiterschreiben»-Stipendium.

Ariane von Graffenried.

Ariane von Graffenried.

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Kürzlich reiste die Dichterin in den «Babylon Park». Würde heutzutage ein Turm zu Babel gebaut, wäre der indische Subkontinent mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern ein idealer Platz. 122 Sprachen werden offiziell gesprochen, nach neuesten Untersuchungen sind es gar 780; viele Inder sprechen mehrere Sprachen und Englisch. Die Schauplätze von Ariane von Graffenrieds Lesungen hiessen Neu-Delhi, Pune und Bangalore. «Ich war gespannt zu erfahren, ob meine Texte auch in einem anderen kulturellen Kontext funktionieren», sagt sie.

Die Berner Patriziertochter – ihr Vater war der 2012 verstorbene ehemalige «Bund»-Verleger Charles von Graffenried – ist im Gespräch eine quirlige Schnelldenkerin. Ihre offenkundige Neugier und Offenheit hat sie in der Vergangenheit bereits mit diversen Projekten über die Sprach- und Landesgrenzen hinausgeführt – so war sie als langjähriges Mitglied der Autorengruppe «Bern ist überall» auch beim Austauschprojekt «Kosovë Is Everywhere» beteiligt.

Eine überaus bewegliche Zunge

Mitunter wurde Ariane von Graffenried in Indien wie eine literarische Alchemistin angekündigt. Im «Bangalore Mirror» hiess es: «This spoken word poet will marry theatre, poetry, music and language in her gig» – eine Verschmelzung von Theater, Poesie, Musik und Sprache. Ariane von Graffenried gefällt dieser Moment im Hier und Jetzt eines Auftritts. «Der Körper hängt einem schon beim Schreiben an», sagt sie lachend, «man hat sich selbst als Material ja stets mit dabei, auf der Bühne sowieso.» Das Körperliche der Sprache kommt zum Beispiel in der Zeile «Dr Dialäkt chläbt mer a dr Zunge» zum Ausdruck – aber diese Zunge erweist sich als sprachlich beweglich und «übergriffig», denn: «Je cherche les mots fürn e Überzügigsvärs.»

Die Performance auf der Bühne betont das Mündliche in von Graffenrieds Texten. «Ich möchte mit dem Publikum einen Moment der Gemeinschaft herstellen», sagt sie. Wichtig ist ihr auch, dass man dem Publikum «etwas zutraut und es ernst nimmt». Sie, die fürs Leben gern Sprachbäder nimmt und die Einteilung in Mutter- und Fremdsprachen für künstlerisch unproduktiv hält, befand sich nun im Land mit der weltweit grössten Sprachenvielfalt.

«Are you a novelist?», wurde sie manchmal gefragt. Nein, mit dieser bequemen Etikette kann sie nicht dienen. Überhaupt ist es ein aussichtsloses Unterfangen, für die Dichterin, Theaterautorin, Spoken-Word-Künstlerin und promovierte Theaterwissenschaftlerin, die seit 2005 mit Robert Aeberhard das musikalisch-literarische Duo «Fitzgerald & Rimini» bildet, eine passende Schublade zu finden.

Im Cervantes-Institut in Delhi zirkulierte das Publikum von Zimmer zu Zimmer, wo Autorinnen und Autoren aus der ganzen Welt während sechs Stunden jeweils in 20-Minuten-Blöcken lasen. Ariane von Graffenried erklärte jeweils in einer Einleitung die Mehrsprachigkeit in der Schweiz, dann trug sie zwei, drei Strophen aus dem Original vor, ehe sie zu einer diverse Sprachvarietäten einsetzenden englischen Übersetzung wechselte.

Das indische Publikum habe diesen multilingualen Ansatz auf Anhieb verstanden. «Was für mich ein ästhetisches Prinzip ist, erleben sie als alltägliches Phänomen.» In ihrem 2017 erschienenen Buch «Babylon Park» klingt bereits im Titel an, was Ariane von Graffenrieds Texte auszeichnet. Die babylonische Sprachverwirrung ist für die 40-Jährige ein produktiver, der poetischen Weltwahrnehmung ungemein förderlicher Zustand: «Mich interessiert es, die Grenzen zwischen den Gattungen zu verwischen, ohne dass sie sich auflösen.»

In Ariane von Graffenrieds vielzüngigen Gedichten und Prosatexten – auch die Texte der beiden Bühnenprogramme «Aristokratie und Wahnsinn» (2011) sowie «Grand Tour» (2015) von Fitzgerald & Rimini sind hier versammelt – fliessen oft innerhalb eines Satzes umstandslos Berner Mundart, Hochsprache, Französisch und Englisch mit organischer Anmut ineinander und bilden hybride Gebilde von eigenwilliger Schönheit. Gleichzeitig hängt Ariane von Graffenried durchaus am Narrativen und an den von ihr geschaffenen Figuren, von denen manche immer wiederkehren, etwa die Junkiefrau Agnes, Aristokraten und Hooligans, Flintenweiber und Geister.

Im titelgebenden Text «Babylon Park» wird ein «Mr. Perfect» ins Jenseits befördert, ein «malade imaginaire», der alle Sprachen makellos beherrschen möchte und an seiner linguistischen Unvollkommenheit leidet. Dem steht ein polyfones Credo gegenüber: «Sometimes I drink mother’s milk in misery / mängisch isch’s Whisky, mängisch Wii / Et dans mon cœur il y a de la place / das isch guet u kes Manko / pour plusieurs amants et plusieurs mamans.»

Wenn Sprachen aufeinander losgelassen und miteinander kombiniert werden, kann es zu harten Zusammenstössen, aber auch zu überraschenden Paartänzen kommen. Der Reiz dieser Polyglossie besteht für Ariane von Graffenried darin, «dass die Klanglichkeit ausgeweitet werden kann, neue Assonanzen und Reimmuster möglich werden». Sie habe dieses Verfahren nicht erfunden, räumt sie ein. «Andere haben das vor mir gemacht. Es geht auch darum, die Arbeit dieser Schriftstellerinnen und Künstler mit der eigenen Stimme weiterzuführen.»

Tiere sprechen lassen

Eine gemeinsame Stimme finden musste Ariane von Graffenried beim Schreiben des diesjährigen Weihnachtsmärchens für das Stadttheater. So ein Stück müsse «generationenübergreifend» funktionieren und zwinge einen zur Reduktion, sagt von Graffenried. Dieses breite Zielpublikum stelle eine Herausforderung dar und verpflichte zu einer gewissen Schlichtheit und einem bewussten Umgang mit Ironie. Sie schrieb das Stück «Donkey der Schotte und über den Esel und das Pferd, das sich Rosi nannte» nach dem Roman «Don Quijote» von Miguel de Cervantes zusammen mit ihrem Lebenspartner, dem Berner Autor Martin Bieri. Die Grundidee: Was haben sich eigentlich die beiden Tiere gedacht in einem der bekanntesten Romane der Weltliteratur?

Schreiben sei kollektive Arbeit, sagt Ariane von Graffenried, zum Beispiel mit Lektoren, Übersetzerinnen, dem Publikum. «Das gemeinsame Schreiben mit einem Co-Autor ist eine Extreme davon.» Es sei aber eine schöne Erfahrung gewesen, fügt sie hinzu. Gemeinsam entwickelten sie die Geschichte, Figurenprofile und Dialoge. «Wir haben das Stück sozusagen vierhändig geschrieben.» Ariane von Graffenried ist überzeugt, dass gute Literatur durch die Herstellung einer gemeinsamen Erfahrung die Welt verändern kann: «Etwa, indem man mit Klischees und Stigmata spielt, um sie zu brechen. Oder eben: indem man Tiere sprechen lässt.»

Lesungen von Ariane von Graffenried: Kulturbüro Bern (2.12.), Tramdepot Bur­gernziel, Bern (9.12.). Weihnachtsmärchen im Stadttheater Bern (Premiere: 7.12.). Fitzgerald & Rimini im Botanischen Garten Bern (16.12.). (Der Bund)

Erstellt: 21.11.2018, 06:36 Uhr

«Weiterschreiben»: Die Preisträger

Neben Ariane von Graffenried erhalten 2018 der Prosaautor Patrick Savolainen («Farantheiner») und der Lyriker Levin Westermann («3511 Zwetajewa») unter dem Titel «Weiterschreiben» von der Literaturkommission der Stadt Bern ein mit 10000 Franken dotiertes Stipendium. Der Literaturvermittler Hans Ruprecht wird für seinen Einsatz zur Förderung
und Verbreitung von Literatur in und um Bern mit einem Sonderpreis in der Höhe von 10000 Franken ausgezeichnet. Die öffentliche Preisfeier findet heute um
19.30 Uhr in der Aula des Zentrums für Kulturproduktion Progr statt. (lex)

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