61 Sichtweisen auf den Berner Alltag

Von grotesk bis bedächtig: Das Buch «bernsehen 2» versammelt Stadtansichten in Wort und Bild.

In aller Ruhe blickt die Kuh am Stadtrand von Bern auf die menshcliche Behausungen: «Residential satisfaction» von Anita Geret, Acryl auf Leinwand.

In aller Ruhe blickt die Kuh am Stadtrand von Bern auf die menshcliche Behausungen: «Residential satisfaction» von Anita Geret, Acryl auf Leinwand.

(Bild: zvg)

Zwei wasserstoffblonde, nicht mehr ganz taufrische Nixen sitzen im Lorrainebad und lassen sich feine Patisserie schmecken. Die üppige, rosarot-plüschige Erscheinung der beiden Barbie-Zwillinge kontrastiert in diesem Biotop der alternativen Szene mit den teils giftigen, teils satten Grüntönen von Wasseroberfläche und Böschung im Hintergrund. «Schmeuzbrötli im Lorrainebad» heisst das Ölbild von Michael Streun. Daneben hat der Musiker Schmidi Schmidhauser mit «Gärn z’Bärn» eine Liebeserklärung an seine Stadt formuliert, die in die finale Strophe mündet: «I bi so gärn z’Bärn / u z’Züri hei si Millardäre / wo ne d Goldküschte beschwäre / u z’Gänf da hei sie so viu Scheiche / wo ne i Teich ine seiche.»

18 Malende, darunter Raoul Ris, Pat Noser und Franziska Ewald, haben im Buch «bernsehen 2» in 43 Bildern ihre Eindrücke und Sichtweisen von Bern festgehalten. 43 Autorinnen und Autoren, unter ihnen Christoph Simon, Michael Sasdi, Christian de Simoni und Doris Wirth, reagierten auf diese Stadtansichten mit Beobachtungen, Kurzgeschichten, Gedichten und Vignetten.

Fremdartig und doch vertraut

Basierend auf Fotografien, wirken die in Öl- und Acrylbilder verwandelten Szenerien – Brücken, Türme, Plätze, Alltagsszenen – auf den mit seiner Stadt vertrauten Beobachter faszinierend fremdartig, bekannt und doch irgendwie verfremdet – fast so, als ob wir plötzlich wie in «Residential satisfaction» von Anita Geret mit den Augen einer auf der Wiese ruhenden Kuh die Behausungen und das menschliche Treiben betrachten könnten. Die Zehndermätteli-Fähre mit dem Fährmann, der dem Betrachter den Rücken zuwendet, und einem in sich versunkenen Passagier verströmt die Melancholie eines Edward-Hopper-Bildes. Michael Epps Bild «Lorraine» evoziert eine intensive, in glutrotes Licht getauchte, menschenleere Abendstimmung mit einem schmucklosen Haus vor dem Eisenbahnviadukt.

Die Initiative zum Buch geht von Künstlerinnen und Kulturschaffenden aus, die bereits beim Projekt «bernsehen» aus dem Jahr 2010 dabei waren, als Bilder des Malers Raoul Ris mit Texten ergänzt wurden. Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungsarbeiten für die Fortsetzung, die sich als eine soziale Plastik mit rund 70 Beteiligten versteht. Da versucht sich der Zytglogge als ein Wahrzeichen der Stadt gegen die neue Kehrichtverbrennungsanstalt im Bremgartenwald zu behaupten, ein junger Vater gerät im Streichelzoo des Tierparks ins nicht ungefährliche «Mütterland»-Gehege, im Botanischen Garten werden Quappenbakter entwendet, und das durch die Innenstadt fahrende Tram ist Schauplatz einer Beziehungskrise. Oder da sitzt dieser Mann mittleren Alters im Gegenlicht im Café Kairo auf dem Barhocker, eine Tasse in der Hand, die aufgeschlagene Zeitung vor sich.

Im Text «Unfall machen» von Christoph Simon hebt dieser Mann an zu sprechen, wendet sich an die Fotografin, sinniert über seine Karriere als Musiker («Ist meine Kunst das Geld nicht wert oder ist es der Geschmack der Leute?»), die im Kairo seinen Anfang nahm und am gleichen Ort auch aufhört. Er geht zurück ins Büro als Sachbearbeiter in der Schadensabteilung. Der Fotografin gibt er gleichsam als Vermächtnis zu bedenken, dass man beim Titel eines Kunstwerkes nicht «schlampen» dürfe. Als leuchtendes Beispiel für einen virtuosen Titelartisten nennt er Paul Klee, der gewusst habe: «Du musst den Akademikern etwas zum Schreiben und den Multimillionären etwas zum Hirnen geben.»

Der Bund

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