Kranke vergeuden Medikamente für Milliarden

Hunderttausende Patienten in der Schweiz halten sich nicht an die Therapievorgaben der Ärzte. Das hat grosse finanzielle Auswirkungen.

Verschwendet: In der Schweiz landen viele Tabletten im Müll. Foto: Shutterstock

Verschwendet: In der Schweiz landen viele Tabletten im Müll. Foto: Shutterstock

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Die Zuckerkrankheit beim 55 Jahre alten Börsenhändler könnte schlimm enden: Diabetes ist gut therapierbar, wenn die Medikamente regelmässig geschluckt werden. Doch der Börsenhändler ist auf dem globalen Markt tätig, schuftet rund um die Uhr. Und so vergisst er seine Medikamente immer wieder. Mittlerweile leidet er an einer Netzhautablösung – ausgelöst durch die Zuckerkrankheit. Auch seine Niere ist angegriffen. Laut seinem Arzt sind die Folgeerkrankungen irreversibel.

Solche Patienten schaden nicht nur sich selbst, sie kosten die Kassen auch enorm viel Geld. Im schlimmsten Fall wird der Börsenhändler ­Nieren und Augenlicht verlieren. Seine Behandlung würde so noch viel teurer.

Eine Berechnung des Krankenkassenverbands Santésuisse basierend auf Zahlen zum Schweizer Gesundheitsmarkt von 2015 zeigt jetzt, dass Sparpotenzial in Milliardenhöhe vorhanden ist. Wenn allein schon nur 110'000 aller chronisch kranken Patienten in der Schweiz ihre Therapietreue verbessern würden, liessen sich jährlich fast 4 Milliarden Franken sparen. Das ist angesichts der Gesamtkosten von rund 80 Milliarden Franken pro Jahr im Gesundheitswesen ein extrem hoher Wert. In den 80 Milliarden enthalten sind Leistungen von Spitälern, Ärzten und Zahnärzten. Weiter Kosten für Medikamente, Therapien und Langzeitpflege. Nicht berücksichtigt sind volkswirtschaftliche Kosten wie Arbeitsausfälle. Nicht therapietreue Patienten sind vor allem teurer, weil es für sie neue Arzttermine braucht, allenfalls auch notfallmässige, neue Diagnosen gestellt werden müssen und höher dosierte oder sogar neue Medikamente verabreicht werden müssen. Zudem landen Patienten, die sich nicht an die Therapie halten, schneller in der teuren Langzeitpflege.

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Die Berechnungen von Santésuisse basieren auf Schätzungen und Hochrechnungen sowie teilweise älteren Studien aus dem ­Ausland – in der Schweiz gibt es keine Auswertung. Und doch liefern die Zahlen eine Grössenordnung des Problems. Demnach kostet ein therapietreuer chronisch kranker Patient im Schnitt rund 13'000 Franken pro Jahr. Wenn er sich nicht an die Vorgaben des Arztes hält, ist es sofort das Vierfache: also rund 52'000 Franken.

Bessere Therapietreue würde die Prämien senken

In der Schweiz gibt es rund 2,2 Millionen chronisch kranke Patienten. Von diesen verhalten sich gemäss Schätzungen 880'000 (40 Prozent) nicht therapietreu. Sie generieren jährliche Kosten von rund 45 Milliarden Franken. Demgegenüber stehen die 1,3 Millionen Patienten (60 Prozent), die sich therapietreu verhalten: Sie verursachen verhältnismässig tiefere jährliche Kosten von rund 17 Milliarden Franken.

Santésuisse-Sprecherin Sandra Kobelt betont, es handle sich um «theoretische Zahlen». Es sei nicht denkbar, dass 100 Prozent aller Patienten therapietreu würden. «Zudem ist die Vorstellung für manche Patienten diskriminierend, weil sie ihre Medikamente gar nicht einnehmen oder ihre Therapie nicht befolgen können.»

Doch selbst mit kleinen Schritten liesse sich sehr viel Geld sparen. «Eine bessere Therapietreue senkt direkt die Gesundheitskosten und damit die Prämien», sagt Kobelt. «Und der Patient, der den Arzt wegen Krankheit aufsucht, soll auch bereit sein, die ihm verschriebene Therapie zu befolgen, nur so haben wir ein effektives Gesundheitswesen.»

Die Angst vor Nebenwirkungen

Ein mögliches Mittel, um die Therapietreue zu verbessern, wäre ein SMS-Dienst, der die Patienten daran erinnert, ihre Medikamente zu nehmen. Kobelt sagt: «Erfahrungen aus dem Ausland zeigen, dass solche Dienste, betrieben von einer Apotheke oder einer Arztpraxis, gut funktionieren.» Damit liessen sich zumindest die vergesslichen Patienten erreichen.

Einer internationalen Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge ist die Vergesslichkeit der Hauptgrund, warum Patienten ihre Medikamente nicht nehmen, der Anteil beträgt 30 Prozent. Weiter halten sich die Patienten nicht an die Therapie, weil sie dringendere Angelegenheiten zu erledigen haben (16 Prozent); weil sie sich bewusst entscheiden, nicht alle Medikamente zu nehmen (11 Prozent) oder weil sie zu wenig Informationen haben (9 Prozent). Zudem spielen emotionale Faktoren und Lebensumstände eine Rolle. Ärzte erzählen von Patienten, die nach dem Lesen der Packungsbeilage Angst vor Nebenwirkungen haben und die Pillen weglegen.

«Wir haben keine Sanktionsmöglichkeiten.»Stefan Heini, Helsana-Sprecher

Für die Krankenkassen sind die verschleuderten Medikamente ein Ärgernis. Doch den Versicherern sind die Hände gebunden. «Wir haben keine Sanktionsmöglichkeiten», sagt Helsana-Sprecher Stefan Heini. «Wenn ein Versicherter seine Medikamente wegschmeissen will, kann er das tun. Wenn er dann – wieso auch immer – erneut zum Arzt geht, vergüten wir das; natürlich vorausgesetzt, was verrechnet wird, ist kassenpflichtig.»

Das Gesetz erlaube es auch nicht, gewissermassen als Malus wegen fehlender Therapietreue höhere Prämien zu verlangen, sagt Heini. Zumal es schwierig sei, zu beweisen, dass ein Patient explizit wegen der Nicht-Einnahme eines Medikaments erkrankt sei.Besonders teuer für das Gesundheitswesen sind Patienten die an Diabetes oder an Bluthochdruck leiden, sich aber nicht an die Therapien halten. Bei Bluthochdruck müssen jahrelang Medikamente eingenommen werden – doch der Patient fühlt sich kaum krank. Und wenn er die Medikamente absetzt, verschlechtert sich seine Lebensqualität nicht. Die Folgen können fatal sein: Bluthochdruck gilt als Risikofaktor für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Ärzteverband FMH beschwert sich

Mindestens in der Theorie gibt es zahllose Mittel, um die Therapietreue zu verbessern – nebst SMS-Erinnerungen. Mittlerweile gibt es Pillenverpackungen, die beim Aufreissen ein Signal senden – so lässt sich immerhin feststellen, ob die Tablette zumindest ausgepackt wurde. Sogar intelligente Pillen existieren heute: Sie senden ein Signal aus, sobald sie mit der Magensäure in Kontakt kommen.

Carlos Quinto, Vorstandsmitglied des Ärzteverbands FMH, glaubt jedoch nicht, dass man mit solchen «Einzelmassnahmen zum Ziel kommt». Nötig sei vielmehr ein koordiniertes, gemeinsames Vorgehen von Krankenkassen, Apothekern, Pflegefachleuten und Ärzten, primär auf kantonaler Ebene. Zudem spiele das Setting eine Rolle. Ob jemand zu Hause, im Pflegeheim oder im Spital Medikamente nehmen müsse, sei ein grosser Unterschied.

Ein wichtiger Faktor ist für Quinto das Verhältnis Patient - Arzt. «Der Arzt muss im Gespräch feststellen, ob der Patient wirklich bereit ist, ein Medikament zu nehmen. Dazu muss der Patient verstehen, wozu er es nimmt und wie es wirkt. So funktioniert die Therapie in der Regel. Doch das zu erklären, braucht Zeit. Und diese Zeit hat der Bund ab diesem Jahr in unserem Tarif leider limitiert.»

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