Zum Hauptinhalt springen

Neue intime KörperteileKommt jetzt der Gesichtsporno?

Wenn Masken zur Gewohnheit werden, wird das ungeahnte Wirkungen und schamvolle Konsequenzen haben, schreibt Poller-Kolumnist Dieter Stamm.

Vielleicht schon bald eine intime Körperpartie, in aller Regel nur ganz privat zur Schau gestellt, nach ordentlichem Kennenlernen, selbstredend: das Gesicht.

Manche sind ja der Ansicht, dass ein Blick auf die Augenpartie reicht, um sagen zu können, ob ein Mensch im klassischen oder wenigstens im landläufigen Sinne schön ist. Mag sein, dass dem so ist, und doch – Hand aufs Herz – möchte man dann doch noch gerne eine Bestätigung.

Nur geht das heute nicht mehr so einfach wie auch schon, der Blick auf das Gesicht ist keine Selbstverständlichkeit mehr, und das hat nichts mit der Abstimmung vom kommenden Sonntag zu tun. Es geht hier nicht um Burkas, sondern um die Schutzmasken, die wir künftig auch gegen die normale Grippe tragen sollen, wie man nun häufig zu hören bekommt. Also eigentlich immer.

Ich möcht nicht dramatisieren, wir sind von den Zuständen, von denen ich gleich reden werde, noch ein ordentliches Stück entfernt. Aber kürzlich fuhr ich Zug, und der Zugbegleiter wollte vermutlich nichts anderes als genau diese Klarheit: ob ein Blick auf die Augenpartie reicht, um sagen zu können, ob ein Mensch im klassischen oder wenigstens im landläufigen Sinne schön ist, und vermutlich war er sich seines problematischen Tuns gar nicht bewusst.

Mir gegenüber sass eine junge Dame, ich sah ihr jugendliches Alter nicht nur der Augenpartie an, die zwischen blondem Haar und Maske zu sehen war, auch das Piercing am Bauchnabel – es war noch nicht einmal Ende Februar – und die weissen Turnschuhe mit den goldenen Schnürsenkeln gaben Hinweise.

Der Zugbegleiter studierte also die SBB-Karte dieser jungen Dame und tat dann etwas, worauf weder die junge Dame noch ich gefasst waren: Er forderte sie auf, sich der Gesichtsmaske zu entledigen. Er tat das in einem leicht verschämten Tonfall, als würde er sie auffordern, ihre Bluse zu öffnen. Er müsse sicherstellen, sagte er, dass es sich bei ihr um die gleiche Person handle wie auf dem Bild des SBB-Abos. Und sein leicht verschämter Tonfall und die gewundene Rechtfertigung liessen in mir eine böse Ahnung aufkommen.

Die junge Dame stutzte einen Augenblick, kam der Aufforderung aber nach und zog ihre Maske, die sie sehr hübsch kleidete, langsam ab. Ich beobachtete den Zugbegleiter, wie er den Vorgang gespannt verfolgte, und wandte mich dann – nicht minder interessiert – ebenfalls der jungen Dame zu.

In diesem Augenblick, in dem der Zugbegleiter und ich, Spannern gleich, dem Gesichtsstriptease einer jungen Frau beiwohnten, wurde mir klar: Gesichter werden künftig zu den Schamteilen gehören. Eine intime Körperpartie, in der Regel nur ganz privat zur Schau gestellt, nach ordentlichem Kennenlernen.

Oder dann, natürlich, wird es das Professionelle geben: Gesichtspornos, mit allen Fetischen, die man sich so ausmalen kann und die man – in leicht anderer Form – von herkömmlichen Pornos kennt. Kleine Nasen, grosse Nasen, dicke Lippen, dünne Lippen, magere Wangen, fette Wangen; das Essen und Trinken wird das Kopulieren sein, die ersten Gesichtsexhibitionisten, die andere mit nackten Gesichtern erschrecken, werden ihr Unwesen treiben, und irgendwo an der Riviera oder auf Rügen wird es die ersten Gesichts-oben-ohne-Strände geben.

Die Augenpartie zu sehen reicht übrigens manchmal tatsächlich, um sagen zu können, ob ein Mensch im klassischen oder wenigstens im landläufigen Sinne schön ist, wie wir dank der Macht des Zugbegleiters zu sehen bekamen. Das Gesicht der jungen Dame hatte schon fast etwas Altgriechisches, auch der Zugbegleiter schien begeistert, auf jeden Fall murmelte er etwas Unverständliches. Was mich zur Frage führte, in welchen Berufen man künftig sonst noch seine Macht missbrauchen kann, um gut proportionierte nackte Gesichter zu sehen. Aber das wäre eine andere Geschichte.

Der Verfasser gibt zu bedenken, dass der eben an die Wand gemalte Teufel leider ziemlich gut zur verschämten und prüden Zeit von heute passen würde.

2 Kommentare
    Marc Forester

    Interessanter Artikel, der durch den befremdlichen Titel leider an Wert verliert (- wenn ich klammheimlich was lesen will, was mir ausser Unterhaltung nichts bringt, nutze ich 20Min oder den Blick).