Zum Hauptinhalt springen

Neustart für FilmeKommt jetzt das Kino-Revival?

Laut Corona-Fahrplan des Bundesrates dürfen Schweizer Kinos ab 8. Juni wieder öffnen. Aber die Herausforderungen für die Branche sind enorm.

Hoffentlich bald auch in den Schweizer Kinos: John David Washington im Film «Tenet» (2020) von Christopher Nolan.
Hoffentlich bald auch in den Schweizer Kinos: John David Washington im Film «Tenet» (2020) von Christopher Nolan.
Alamy Stock Photo

Rund einen Monat dauert es noch, bis die dritte Etappe der bundesrätlichen Lockerungen in Kraft tritt. Wenn alles gut läuft, dürfen ab 8. Juni auch die Kinos wieder öffnen. Es wäre ein weiterer Schritt in Richtung Normalität. Aber um diesen Schritt zu schaffen, muss die Filmbranche jetzt Siebenmeilenstiefel anziehen, denn es braucht aufwendige Vorbereitungen aller Art – immer mit dem Risiko verbunden, dass der Bundesrat am 27. Mai die Phase 3 noch verschieben oder absagen könnte.

Eine zentrale Aufgabe besteht laut Edna Epelbaum, Kinobetreiberin in Bern, Biel, Neuenburg, La Chaux-de-Fonds und Delsberg, erst einmal darin, Filmlisten für den nationalen Re-Start zu erstellen. Das heisst, es gilt zu klären, welches Angebot für die Säle verfügbar ist. Keine leichte Aufgabe angesichts des Umstands, dass Hollywood viele potenzielle Blockbuster verschoben hat und dass auch im Arthouse-Sektor der Nachschub bald knapp werden könnte.

Ein Mix aus Premieren und Reprisen

Unsicher ist zudem, ob und wie viele Kinos im nahen Ausland wieder öffnen. Als Faustregel für hiesige Filmstarts gilt sonst, dass sich die Deutschschweiz an Deutschland, die Romandie an Frankreich, das Tessin an Italien orientiert.

Aber was darf man als Kinobesucher erwarten? In den ersten Wochen nach dem Re-Start werde das Angebot aus einer Mischung aus neuen Filmen und Reprisen bestehen, sagt Epelbaum. Wobei mit Reprisen hauptsächlich Werke gemeint sind, die wegen des Lockdown kaum Publikum fanden und die nun eine zweite Chance bekommen sollen. Zum Beispiel der Spielfilm «Mare» von Andrea Staka, der mit Startdatum vom 12. März denkbar ungünstige Voraussetzungen hatte (als einer der ersten Schweizer Produktionen aber immerhin rasch auf Streamingportalen verfügbar war).

«Premieren sind zwingend für eine Wiedereröffnung. Ohne diese haben wir keine Präsenz.»

Der Zürcher Kinobetreiber Beat Käslin

Für den Zürcher Kinobetreiber Beat Käslin ist klar: «Premieren sind zwingend für eine Wiedereröffnung. Ohne diese haben wir keine Präsenz in den Medien und in der Werbung.» Ähnlich klingt es bei der in sieben Deutschschweizer Städten tätigen Kitag: «Die Grundlage für den Kinobetrieb ist ein gutes Programm, das uns via Verleiher geliefert werden muss.» Eine schwierige Aufgabe – umso mehr, als die zuletzt fast einnahmelosen Verleiher nun Geld in die Hand nehmen müssen, um ihre Filme zu bewerben. Immerhin: «Wenn die Verleiher ihre Premierenfilme jetzt vorzubereiten beginnen, sollten diese ab der zweiten Junihälfte verfügbar sein», sagt Käslin.

Etwas länger wird sich voraussichtlich das Mainstream-Publikum gedulden müssen: Die letzten im internationalen Release-Kalender verbliebenen Grossproduktionen wie «Tenet», «Mulan» oder «Wonder Woman 1984» sind erst zwischen Mitte Juli und Mitte August startklar – immer vorausgesetzt, die Hollywood-Studios Disney und Warner machen nicht in letzter Sekunde noch einen Corona-Rückzieher.

Regisseur Christopher Nolan – Retter der Kinos?

Bezüglich des Science-Fiction-Spektakels «Tenet» stimmt immerhin hoffnungsvoll, dass Regisseur Christopher Nolan («The Dark Knight», «Dunkirk») die Rolle als Kinoretter gut stehen würde. Der britisch-amerikanische Filmemacher ist einer der wenigen, die noch auf analogem Material (70-mm) drehen. Er schrieb kürzlich in der «Washington Post» einen Beitrag über die Notwendigkeit der Kinos («Sie sind ein lebenswichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft»). Und das Branchenblatt «Variety» traut Nolan zu, mit «Tenet» genau jenen Funken zu zünden, den es braucht, um ein Kino-Revival zu entfachen.

Bevorzugt analoge Kameras mit 70-mm-Filmmaterial: Der britisch-amerikanische Regisseur Christopher Nolan in einer Aufnahme von 2014.
Bevorzugt analoge Kameras mit 70-mm-Filmmaterial: Der britisch-amerikanische Regisseur Christopher Nolan in einer Aufnahme von 2014.
Foto: Keystone

Handkehrum startet «Tenet» mit einer beträchtlichen Hypothek: Der Film verschlang ein Produktionsbudget von 225 Millionen Dollar (noch anstehende Marketingausgaben nicht inbegriffen). Entsprechend muss «Tenet» gemäss Branchenanalysten Einnahmen von 400 bis 500 Millionen Dollar generieren, um überhaupt den Break-even zu erreichen. Da wird man bei Warner tagtäglich aufs Neue rechnen, ob im Juli weltweit genügend Kinos verfügbar sind.

Was den Schweizer Markt betrifft: Der Juli gehört in der Regel zu den einnahmeschwächeren Monaten, da dominiert die Open-Air-Kultur. Aber es könnte ja sein, dass die Heerscharen von Freilichtschwärmern aus schierem Mangel an Möglichkeiten plötzlich wieder in die Kinos strömen?

«Wir wollen dem Kinopublikum das Gefühl vermitteln: Hier seid ihr sicher.»

René Gerber von Procinema

Eines scheint klar: Unter solchen Voraussetzungen mit so vielen Zufallsfaktoren «ein Programm für alle Geschmäcker und Generationen im Angebot zu haben», wie es Epelbaum vorschwebt, dürfte schwierig genug werden. Aber das ist nicht alles. Zusätzlich müssen die Kinos jetzt Schutzkonzepte für Kinobesucher und fürs Personal entwickeln.

Federführend ist diesbezüglich der Dachverband Procinema, der landesweit ein einheitliches Konzept propagiert sowie Schutzmasken und Desinfektionsmittel in grösseren Mengen beschaffen will. Letzteres sei allerdings erst ab Mitte Juni sichergestellt, sagt Procinema-Generalsekretär René Gerber. Wer sein Kino vorher öffnet, muss sich für die ersten ein bis zwei Wochen selbst mit Material eindecken.

Zudem müssen Abstandsvorschriften formuliert, Einlassrestriktionen umgesetzt und Plexiglasabdeckungen (für die Kassen- und Kinobereiche) installiert werden. Auch da will Procinema die Kinos unterstützen, zum Beispiel mit PR-Kampagnen. «Wir wollen dem Kinopublikum das Gefühl vermitteln: Hier seid ihr sicher», sagt Gerber.

Was bleibt, sind zwei grosse Unsicherheitsfaktoren: Erstens ist vorderhand unklar, welche Kinos ihre Säle am 8. Juni tatsächlich öffnen. Ein Branchenkenner sagt, dass die Meinungen unter den Betreibern derzeit fast täglich änderten. Und zweitens stellt sich die Frage, was nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs geschieht. Kinobetreiber Käslin fordert eine vorausschauende Förderstrategie des Bundes und der Kantone, die längerfristig greift als nur zur Überbrückung des Lockdown. Denn: «Falls die Umsätze bis Ende Jahr tief bleiben, stehen viele Kinos vor dem Aus.»