Kocherpark

Eine Überlebende des Drogenelends besucht einen anderen Überlebenden im Pflegeheim: Der drittplatzierte Text von Peter Weibel.

So sieht es im Kocherpark heute aus.

So sieht es im Kocherpark heute aus.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Ich weiss nicht mehr, wie lange es gegangen ist, bis wir wirklich zu Benno fahren, ins Pflegezentrum, wo er jetzt wohnt. Wahrscheinlich mehrere Wochen, lange. Wir haben nur immer darüber gesprochen, haben es aufgeschoben, bis Sonja irgendwann entschlossen sagt, jetzt oder nie mehr, morgen fahren wir. Vielleicht haben wir beide auch einfach Angst gehabt vor der Begegnung mit Benno, wovor eigentlich?

Die Nachrichten über seinen Zustand sind widersprüchlich gewesen, selten ermutigend. Er schleppt sich mühsam am Stock voran, er kann kaum mehr gehen. Er kann nächtelang schreien, die Pflegenden haben Angst vor ihm. Er wird bald sterben. Aber er ist der Letzte von uns, der noch lebt, sagt Sonja. Ich weiss, dass sie oft an die toten Kumpane denkt, ihre Namen hängen in Grossschrift an einer Wand in ihrer Wohnung. Dan, Vera, Lukas. Sie weiss nicht, wann sie gestorben sind, nicht wie, irgendwann hat sie gehört, sie sind nicht mehr da. Zu Tode gekommen am langen Arm der Rauschjahre. An einer Überdosis. An Infektionen. Am widerstandslos gewordenen Körper.

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Nur Sonja hat es geschafft. Sie sagt: Es ist ein Wunder. Das Wunder sind die Menschen, die zu richtigen Zeit da sind. Als ich ihr zufällig wieder begegnet bin, nach fünfzehn Jahren, vielleicht zwanzig Jahren, beim Einkauf, zwischen vollbepackten Regalen, zwischen getriebenen Kunden, habe ich sie nicht erkannt. Nur die strahlend schöne Frau sticht ins Auge, und ich begreife nicht, dass sie mich einfach anredet, mit Namen anredet. Es ist Sonja. Sonja vom Kocherpark, blutjunge Mutter im Kocherpark. Sonja mit dem stumpfen Heroingesicht, mit dem entstellten Gesicht ohne Heroin.

Sonja, die ihre Tochter an die Eltern weggeben muss, während Jahren weggeben muss zwischen Spital, Klinik und wieder Spital. Und jetzt steht Sonja da wie eine Erscheinung, fünfzehn oder zwanzig Jahre danach steht sie da, strahlend, als hätte es den Kocherpark und das Heroin nie gegeben. Als hätte sie ein altes Leben zurückgelassen, einfach weggelegt und in ein neues Leben eingetauscht, sie sagt: Ich habe es geschafft. Habe begriffen, wie du da hineingerätst und warum und dass es ein Geheimnis ist, wie du wieder herauskommst. Menschen. Menschen, die den Menschen hinter der Drogenhülle sehen. Sie erzählt lange, wir vergessen, wo wir sind, warum wir da sind, dass wir den Griff zu den Regalen versperren.

Nur Sonja hat es geschafft. Sie hat das Glück gehabt, das andere nicht hatten, aber reicht das Wort Glück aus, um etwas zu erklären?

Sonja arbeitet jetzt als Pflegefachfrau im Spital, auf der Kardiologie, wo sie manchmal bei Herzkatheteruntersuchungen dabei ist, wo sie sieht, wie zerreissbar das Lebensgewebe sein kann, und ich frage nicht, warum gerade Kardiologie. Und die Tochter? Sie studiert, sie ist eben auf Weltreise, und ich weiss, woran Sonja denkt, was sie immerzu befürchtet hat, wenn sie sagt, Sara ist auch ein Wunder, das grösste Wunder von allen.

Nur Sonja hat es geschafft. Sie hat das Glück gehabt, das andere nicht hatten, aber reicht das Wort Glück aus, um etwas zu erklären? Für Sonja reicht das Wort aus, Glück, vielleicht ist das der Grund, weshalb die Namen der toten Freunde in ihrer Wohnung hängen, weshalb sie zu Benno fahren will und mich irgendwann anruft, Benno ist der Einzige von uns, der noch lebt, fährst du mit? Ich weiss nicht, warum sie gerade mich fragt, ich hatte wenig mit Benno zu tun: Er ging jeder Hilfe stets eisern aus dem Weg, aber Sonja zuliebe sage ich ja, vielleicht ja.

Wir fahren dann dennoch lange nicht, wir sagen nur, wir könnten fahren, einmal, bis Sonja das Zögern entschieden abbricht, jetzt oder nie mehr, morgen. Am Tag danach fahren wir los, Bennos Pflegeheim liegt weit draussen, am Rand der Agglomeration, so weit draussen, dass es für Besucher eben noch zu erreichen ist, aber dass es den Heimbewohnern kaum mehr möglich ist, ins Stadtinnere zu gelangen. Aber vielleicht ist Benno auch längst nicht mehr in der Lage, zu den alten Plätzen zu fahren, um sich Stoff zu beschaffen. Während der Fahrt schweigen wir, wir wissen nicht, was uns erwartet, vielleicht erwartet uns ein Unbekannter, einer, der uns nicht mehr kennt und der sich nicht mehr ins Bild rücken lasst, das die Erinnerung schon gebleicht hat, ein Abgefallener. Ein Phantom.

Benno ist kein Phantom. Er sitzt im Rollstuhl vor dem Eingangsportal und raucht, sitzt zwischen starren oder fahrigen Alten, die teilnahmslos ins Leere blicken und ebenfalls rauchen und frieren, es sieht aus, als hätte er auf uns gewartet, aber Benno hat auf niemanden gewartet, vielleicht hat er es überhaupt aufgegeben, auf jemanden zu warten. Er kann die Verbindung nicht sofort machen, erst später, erst nach Minuten, die Verbindung von damals und jetzt, von Sonja im Kocherpark und Sonja jetzt. Dass du das bist! Einen Augenblick leuchten seine Augen merkwürdig auf, unbestimmbar, wie ein blitzartiges Begreifen, wie ein Schmerz. Er fragt nicht, warum wir kommen, er fragt gar nichts, vielleicht bricht etwas auf, was er weggelegt hat, es ist nicht zu erkennen, was in ihm vorgeht.

Er raucht nur und flucht, wenn ihm das Streichholz aus den zittrigen Händen fällt, wenn es an der Reibungsfläche bricht, manchmal stöhnt er kurz auf, das fahle Gesicht zuckt zusammen, die Schmerzen sind fast körperlich spürbar, Benno braucht nicht viel darüber zu sagen. Wir rauchen mit ihm und suchen nach Worten, nach irgendeinem Anfang, bis wir alle zusammen frieren und ihn im Rollstuhl hineinschieben, durch die weissen Gänge schieben, wo ihm zwei, drei Heimbewohner kumpelhaft zurufen, andere sich abwenden, bis zur Zimmertür mit seinem Namen drauf, mit einem grellen Bild, das nicht zu deuten ist, mit verschlungenen Körpern und gesichtslosen Köpfen. Das Zimmer ist eine Wohnhöhle aus lauter Gegenständen und Bildern, die nicht zusammenpassen und irgendwie doch, mit Verbindungen, die nur Benno kennt, doch, afrikanische Holzfiguren und Plüschtiere, Wasserpfeifen, aufgestapelte Bücher und Zeitschriften, an den Wänden bizarre Dalí-Bilder neben Jimi Hendrix und Janis Joplin, neben grossformatigen Plakaten mit halb nackten Schönheiten.

Ein Zeit lang schweigen wir nur, ich schaue auf Sonja, die blass aussieht und unruhig umherblickt, und versuche mir vorzustellen, wie das sein muss, mit Dauerschmerzen und offenen Wunden, mit einem hilflos gewordenen Körper hier eingeschlossen zu sein, als Fünfzigjähriger unter lauter Alten hier zu sein und zu warten. Worauf wartet man hier? Und dann ist der Kocherpark plötzlich da, wie ein trauriges Relikt steht er auf einmal da, es ist Benno, der vom Kocherpark zu reden beginnt. Vielleicht redet er davon, weil Sonja da ist, weil er nicht glauben kann, dass einer wirklich wegkommt und nicht sein ganzes Restleben gezeichnet ist wie die meistern, wie er. Was geht in ihm vor, wenn er jetzt etwas hervorholt, was wie ein geisterhafter Albtraum aus der Zeit fällt? Das düstere Licht auf dem Platz, sagt Benno, immer nur dieses kalte Licht. Die schwarzen, zuckenden Gestalten, die Hetzjagden durch den Park und der Kampf jeder gegen jeden.

Die Vertreibungen und die Rückkehr, die Fluchten über die Begrenzungsmauer und der harte Zugriff der Fahnder, Drögelerpflücken. Wofür, wogegen? Die verzweifelte Suche nach Stoff und der gefilterte gefährliche Stoff, die Zusammenbrüche und die Reanimationen im Blaulicht, unter den Blicken der Kumpane, die jetzt bleich und reglos herumstehen. Ein absurder Kreislauf ohne Ende, der nirgendwo aufzuhalten ist, Jahre hindurch, und dann doch das gewaltsame Ende, über Nacht ein harter Schnitt und das Ende. Sonja hat eine Rettungsspur gefunden, Benno nicht, er ist in versteckten Grauzonen hängen geblieben. Vielleicht ist er sich selber auch einfach treu geblieben, wenn da denn eine Form von Treue ist, er hält an der Weigerung fest, in ein Leben zurückzukehren, das er so nie gewollt hat. Aber später schafft er es, den Tag nicht einfach liegen zu lassen, er sucht täglich die Abgabestelle auf und erhält sauberes Heroin und saubere Spritzen, er sagt, dort bin ich wieder Mensch geworden.

Die Saubermänner und Sauberfrauen sind überall, sagt Benno, es sind die gleichen, die feindselig vor dem Kocherpark gestanden sind, die hineingebrüllt haben, fahrt zur Hölle.

Einen Augenblick sieht er trotzig aus, wie ein altgedienter Kocherparkveteran mit Anspruch auf Rente und Pflegeplatz auf Lebenszeit. Aber er weiss, dass ein Pflegeplatz kein Ersatz ist für ein entgangenes Leben, acht Medikamente am Morgen, zehn am Abend, manchmal die Spritzen, wenn es gar nicht mehr geht. Manchmal eine verständnislose Pflegeperson, die ihn am liebsten auf den Mond schiessen würde, die seine Schmerzen für eine gerechte Strafe hält und besessen ist von der Vorstellung, dass eine drogenfreie Welt die einzig richtige Welt ist. Die Saubermänner und Sauberfrauen sind überall, sagt Benno, es sind die gleichen, die feindselig vor dem Kocherpark gestanden sind, die hineingebrüllt haben, fahrt zur Hölle.

Sonja hat die ganze Zeit über geschwiegen, sie hat nur noch reglos zugehört, jetzt zuckt sie zusammen, sie sagt, es hätte den Kocherpark nie geben dürfen, aber es hat ihn gegeben. Und es wird ihn nie mehr geben, aber es wird andere Orte geben, vielleicht sind es auch keine fassbaren Orte mehr, und es wird auch kein Heroin mehr sein, aber anderes Gift, und sehr viel später vielleicht wieder Heroin oder etwas noch Stärkeres. Müsste sich die Welt verändern, oder der Mensch, der die Welt schafft, wie sie ist, damit sie drogenfrei wird? Soll man etwas verbieten, was da ist, oder es mit Menschenmass gestalten, weil es da ist? Sie sagt, ein paar Mal bin ich in Schulen gegangen, um über den Umgang mit Drogen zu reden, über meine Drogensucht.

Ich musste das tun. Was hast du den Schülern gesagt? Ich habe ihnen gesagt, wie leichtgläubig man hineingerät und wie schwer es ist, wieder auszusteigen. Und dass die Verführung überall wartet, in jedem leichten Augenblick, gerade dort, wo man es nicht erwartet. Ich habe ihnen gesagt, dass wir Heroin gebraucht haben, um unser Leben zu ertragen, und dass die neuen Drogen in einen gefährlichen Himmel peitschen, aber dass auch der falsche Himmel gnadenlos herabstürzen wird. Dass ein Leben ohne Drogen ein Glück und der gute Umgang mit Drogen eine Kunst ist. Ich habe ihnen vieles gesagt, vielleicht ist etwas hängen geblieben.

Benno ist müde geworden, aber hat genau hingehört, er schaut mit schimmernden Augen auf Sonja, durch Sonja hindurch. Bevor wir aufbrechen, sagt er zu ihr, wenn du noch einmal hingehst, musst du mich mitnehmen, im Rollstuhl. Damit sie sehen, was wird, wenn einer nicht mehr herauskommt.

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