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Spaziergänge an Mamas HandKindheitsspuren

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 7: Elisa Shua Dusapin über ihre Jugendzeit.

Die junge schweizerisch-französisch-koreanische Autorin Elisa Shua Dusapin ist mit ihren Romanen «Hiver à Sokcho» und «Les billes du Pachinko» durchgestartet.
Die junge schweizerisch-französisch-koreanische Autorin Elisa Shua Dusapin ist mit ihren Romanen «Hiver à Sokcho» und «Les billes du Pachinko» durchgestartet.
Foto: Florian Cella

Ich steige in einen kleinen Zug mit Holzwaggons, der fest auf seinen Gleisen steht. Die Fenster haben keine Scheiben, der Wind schlägt mir den Mantel an die Beine. Mama ist auf dem Bahnsteig zurückgeblieben, winkt mir zum Abschied hinterher. Sie ist schön, wenn sie so lächelt, mit ihrem roten, etwas albernen Hut. Bei mir drinnen abgewetzte Sitze, festgerostetes Räderwerk. Dieser Zug fährt nirgendwo hin. Ich steige wieder aus, kehre zu Mama zurück und wir begeben uns über das tanzende Laub in den Strasszug hinein.

Das erste Gebäude trägt die blätternde, schwer leserliche Aufschrift «Restaurant». Die Eingangstür ist mit einer Kette versperrt. Durch die schmutzigen Scheiben gelangt nur wenig Licht ins Halbdunkel, doch im hinteren Teil des Raums ist ein Tonkessel auszumachen und auf dem Lehmboden verstreutes Küchengerät. Weiter vorne, auf einem kleinen Tisch, liegen ein paar Plastik-Pfannkuchen mit Meeresfrüchten, offenbar seit geraumer Zeit.

«Als ich klein war, hatten wir genau so ein Haus. Ich weiss noch, wie Grossmutter uns Pfannkuchen mit Tintenfisch gemacht hat, die haben wir direkt in der Küche gegessen, heiss und knusprig … die waren lecker!», murmelt Mama, während mich beim Anblick all der Spinnweben an der Petroliumlampe fast der Ekel schüttelt. Wir setzen unseren Weg fort, vorbei an hier und dort einem verstaubten Café, einem Kleiderladen mit altmodischen Anzügen und Damenkostümen, einem Fahrradgeschäft und einigen handgemalten Filmplakaten. Auf allen sind Szenen aus dem Krieg zu sehen oder romantische Begegnungen zwischen einer Koreanerin und einem amerikanischen Soldaten.

Mich fröstelt. Die Kinder sind fort. In dieser
Geisterwelt verbleiben nur noch Mama und ich.

Elisa Shua Dusapin

Vor einer Manhwa-Buchhandlung drückt Mama plötzlich die Hände gegen das Schaufenster: «Guck mal! Das Heft mit dem Baseballspieler vorne drauf, das habe ich gelesen, als ich sieben war! Und das mit dem
blauen Soldaten, das hat dein Onkel gewaltig toll gefunden! Oh! Und die Zeichentrickserie da, die haben wir morgens heimlich geguckt, wenn deine Grossmutter auf dem Mark war!» Hinter der Freude entdecke ich einen Anflug von Nostalgie, vielleicht von Traurigkeit. Mama bleibt lange so stehen und besieht sich die Auslagen, ohne zu ahnen, dass ich sie beobachte.

Ein paar Kinder tollen um uns herum. Sie hätte dieses Mädchen sein können, das ein Stück Schokolade isst, obwohl Schokolade so teuer war, dass es damals eher gegrillte Seidenraupen waren. Ich sehe sie als Kind eine Strasse wie diese entlangrennen, altmodisch gekleidet, schmutzig, voll von den Gerüchen ihres Alltags: nach Exkrementen, wenn morgens der Nachttopfleerer vorbeikam, nach Kohle, gegrilltem Fisch, Algen … Ein frischer Wind schiebt Wolken über unsere Köpfe, taucht die Strasse in tristes Dunkel. Das letzte Gebäude der Strasse ist ein Fotoatelier. Schwarzweisse Abzüge mit vergilbtem Rand, die Grundschulklassen in Uniform zeigen. Auf eines der Bilder hat jemand «1970» gekritzelt. Mama schaut nachdenklich drein. «In dem Jahr wurde ich eingeschult. Ich war sechs …

Eines dieser Mädchen könnte ich gewesen sein, schon seltsam, das hier zu sehen.» Ich nicke stumm, mit zugeschnürter Kehle. Eine Schneeflocke fällt mir in den Nacken, mich fröstelt. Die Kinder sind fort. In dieser Geisterwelt verbleiben nur noch Mama und ich. «Komm, Mama, wir gehen.» Ich ziehe sie am Ärmel, will den Ort schnell verlassen. Aber sie möchte noch gerne vor dem Teesalon fotografiert werden. Widerwillig folge ich ihrer Bitte. Verewige meine Mutter, wie sie den Lenker eines alten Fahrrads hält, und es fühlt sich an, als ob sie selbst zu dieser Ausstellung gehörte.

Im Fortgehen dreht sie sich mehrmals um, als wollte sie möglichst viel in sich aufsaugen und ein klein wenig mitnehmen von dieser Kindheit, die so weit entfernt ist, dass sie im Nationalmuseum von Seoul einen Platz zugedacht bekam. Schon bedeckt unsere Spur der Schnee.(Aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl.)

Elisa Shua Dusapin (Jahrgang 1992) kommt aus Pruntrut. Sie bewegt sich in ihren Texten zwischen den Gebieten Sprache, Geschichte und Kultur. Für ihren zweiten Roman «Les billes du Pachinko» erhielt sie einen Schweizer Literaturpreis.