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Unvergessliche SportmomenteKeine Krisensitzung, aber eine Geheimtablette für Federer

Vom Desaster in London zum Delirium in Lille – Davis-Cup-Captain Severin Lüthi lässt gut fünf Jahre nach dem Triumph neun denkwürdige Tage Revue passieren.

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Marco Chiudinelli, Roger Federer, Captain Severin Lüthi, Stan Wawrinka und Michael Lammer (von links) freuen sich über den Triumph im Davis-Cup.
Ein Bild für die Geschichtsbücher: Marco Chiudinelli, Roger Federer, Captain Severin Lüthi, Stan Wawrinka und Michael Lammer (von links) freuen sich über den Triumph im Davis-Cup.
Foto:  Gonzalo Fuentes (Reuters)

Der Triumph im Davis-Cup in Lille gehört zu den Sternstunden des Schweizer Sports. Doch der 23. November 2014, geprägt durch einen brillanten Roger Federer, einen Konfettiregen für das helvetische Team sowie einen Streit um Stan Wawrinka am offiziellen Abend auf der Männertoilette, hätte durchaus ganz anders verlaufen können. Auch deshalb sagt Severin Lüthi, Captain der Schweiz und Coach Roger Federers, gut fünf Jahre später: «Dieser Erfolg steht ganz, ganz weit oben auf meiner Liste.» Doch der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt nämlich nicht im Stade Pierre-Mauroy, sondern acht Tage zuvor in der 242 Kilometer nordwestlich gelegenen O2-Arena in London. Federer und Wawrinka lieferten sich im Halbfinal des ATP-Finals einen Tenniskrimi sondergleichen. Bei 5:5 im dritten Satz beklagte sich der Romand beim Schiedsrichter über Zwischenrufe vor dem Aufschlag. Dies kommentierte Federers Gattin frei übersetzt mit «heul doch», und zwar laut genug, dass es der Angesprochene hörte. Kurz darauf wehrte Federer im Tiebreak auch den vierten Matchball seines Kumpels ab und setzte sich letztlich mit 4:6, 7:5, 7:6 (8:6) durch. Nur hatte er sich in der Schlussphase am Rücken verletzt, womit das Schweizer Duell gleich zwei Verlierer hervorbrachte, konnte der Baselbieter doch am Sonntag nicht zum Endspiel gegen Novak Djokovic antreten.

Zur Unzeit zwei Baustellen

Lüthi war sich der heiklen Situation bewusst. «Aber ich dachte da noch nicht an Horrorszenarien.» Der Berner handelte schnell; er beorderte Arzt Roland Biedert und Physiotherapeut Daniel Troxler, die mit dem Rest des Teams schon in Lille weilten, nach London. «Als Roger am Sonntagmorgen aufstand, waren die beiden schon da. Es war wichtig, dass man von Anfang an alles richtig machte.» Lüthi hatte für den Davis-Cup-Final gegen Frankreich zwar die Weltnummer 2 und die Weltnummer 4 in der Mannschaft, doch er sah sich unverhofft mit zwei Baustellen konfrontiert. Musste er sich beim einen Problem auf das medizinische Fachpersonal verlassen, war er beim anderen als Mediator gefordert.

Nachdem die beiden Stars noch am Samstagabend heftig über den Vorfall mit Mirka Vavrinec diskutiert hatten, entschied sich Lüthi, statt mit Federer im Privatjet mit Wawrinka im Zug nach Lille zu reisen. So konnte er dem Waadtländer seine Wertschätzung demonstrieren und unterwegs den Puls fühlen. «Stan hat die Situation ganz ruhig analysiert, er war da schon nicht mehr emotional.» Als der Captain am Bahnhof aus dem Eurostar-Zug stieg, wusste er: Es war keine Krisensitzung nötig. «Die Angelegenheit war vom Tisch.»

Das Bild mit Signalwirkung

Das zeigte sich, als sich Federer zur Equipe gesellte, der auch Marco Chiudinelli und Michael Lammer angehörten. Der Superstar twitterte schon bald ein Gruppenbild, das zeigte, wie ihm Wawrinka mit den Fingern Hasenohren verpasst hatte. «Aufgrund dieses Fotos war intern und extern allen klar: Es gibt atmosphärisch kein Problem. So konnte im Team keine Unruhe entstehen», erzählt Lüthi. Er selber hatte sich sowieso nicht allzu grosse Sorgen gemacht. Einerseits seien Federer und Wawrinka «unglaubliche Persönlichkeiten», andererseits müsse man im Tennis lernen, eine verpasste Chance, einen Fehlentscheid oder eine Niederlage abzuhaken und sofort wieder vorwärtszuschauen.

Federer ging es ab Mittwoch kontinuierlich besser, am Donnerstag wurde entschieden, ihn am Freitag einzusetzen. «Wir stuften Marco Chiudinellis Erfolgschance für geringer ein als jene von Roger. Denn dieser ist ein derart aussergewöhnlicher Spieler, dass er oft selbst dann eine Lösung findet, wenn er nicht bei hundert Prozent ist», erläutert Lüthi rückblickend die Überlegungen. Doch der Superstar war am Freitag gegen Gaël Monfils nur ein Schatten seiner selbst und daher chancenlos. Allerdings hinderten ihn nicht Schmerzen daran, sein Potenzial auszuschöpfen, sondern die Angst vor einem Rückfall. «Im dritten Satz spielte er am besten, das war ein positives Zeichen», sagt Lüthi. Weil Wawrinka zuvor mit einem bärenstarken Auftritt Jo-Wilfried Tsonga in vier Sätzen besiegt hatte, stand es am ersten Abend 1:1.

Die Tipps des Doppelexperten

Lüthi hatte schon im Vorfeld vermutet, das Doppel könnte zu einem Schlüsselspiel werden, und daher für den Final nach Absprache mit seinen beiden Topspielern und den Swiss-Tennis-Entscheidungsträgern David Macpherson in den Trainerstab aufgenommen. «Wäre es nötig gewesen, ich hätte ihn aus dem eigenen Sack bezahlt», berichtet der heute 44-jährige Captain. Macpherson, langjähriger Coach der Bryan-Brüder, war sein Geld wert. Dessen Videoanalysen seien sehr hilfreich gewesen, Federer und Wawrinka hätten dem Australier vertraut. «Und sie waren gut genug, seine Ratschläge umzusetzen.»

Kurz vor Spielbeginn ersetzten die Franzosen den angeschlagenen Tsonga durch Richard Gasquet, doch Macpherson hatte auch gegen das Duo Gasquet/Julien Benneteau das passende Rezept parat. So gab er den wichtigen Tipp, ausschliesslich auf Gasquets Vorhand aufzuschlagen. Und nach dem ersten Satz antizipierte er die taktischen Retuschen der Gastgeber korrekt, weshalb diese wirkungslos blieben. «Am Anfang hat Stan das Doppel getragen; es war unglaublich, mit wie viel Energie und auf welch hohem Niveau er agierte. Mir kam es vor, als könnte ihn an diesem Wochenende gar nichts erschüttern», erzählt Lüthi. Weil sich Federer an der Seite seines Kumpels steigerte, resultierte ein souveräner Sieg ohne Satzverlust.

Captain Severin  Lüthi (rechts) berät während der Pause beim Seitenwechsel Stan Wawrinka.
Captain Severin Lüthi (rechts) berät während der Pause beim Seitenwechsel Stan Wawrinka.
Foto:  Gonzalo Fuentes (Reuters)

Der Schreckmoment am Sonntag

Am Sonntag war das schliessbare Fussballstadion mit 27448 Zuschauern gefüllt, bis heute ein Rekord für einen offiziellen Tennismatch. Der Schweiz fehlte noch ein Punkt zum Triumph. Vorerst lief alles nach Plan; Federer spielte gegen Gasquet brillant auf und realisierte früh ein Break. Doch bei 4:3 im ersten Satz kam der Weltranglisten-Zweite auf die Bank und sagte: «Shit, ich glaube, mein Rücken tut wieder zu.» Lüthi fühlte sich in der Folge «wie auf Nadeln, aber ich versuchte, Ruhe auszustrahlen». Die Schmerztablette, die ihm Teamarzt Biedert gegeben hatte, überreichte er Federer nicht. «Ich legte sie unauffällig neben Roger auf die Bank – mit der Absicht, dass dies im Fernsehen nicht zu sehen war.» Schliesslich sollten bei den Gastgebern keine Hoffnungen geweckt werden.

Federer zeigte kein Zeichen der Schwäche, sondern erhöhte den Druck. Um 15.03 Uhr verwertete er den Matchball und sank in die Knie. Lüthi rannte auf den Platz und umarmte seinen Freund; ein paar Sekunden später waren auch die restlichen Spieler da. «Es ist ein spezielles Gefühl: Plötzlich ist der Traum Realität», erzählt der Captain. Vor der Pokalübergabe zog sich die Equipe für ein paar Minuten in die Garderobe zurück. «Es war ein schöner Moment, Marc Rosset kam dazu, und Roger rief Mirka an. Ich unterhielt mich kurz mit ihr, und auch Stan sprach mit ihr.» Die Missstimmung von London war im Moment der Freude und der Erleichterung ganz weit weg.

Zu einem kleinen Zwischenfall kam es dafür später am offiziellen Abend. Diverse französische Teammitglieder knöpften sich auf der Herrentoilette Wawrinka vor, weil sie ein paar von dessen Aussagen nicht goutiert hatten. «Als Stan lange nicht vom WC an den Tisch zurückkehrte, ging ich nachschauen. Ich fand ihn umringt von ein paar Franzosen», sagt Lüthi. Monfils, ein guter Freund Wawrinkas, hatte schon schlichtend eingegriffen. «Trotzdem blieb ich dort, bis alles geklärt war.» Es waren wirklich neun denkwürdige Tage, gerade für den Captain.