Kasparows Comeback der Extraklasse

Zwölf Jahre nach seinem Rücktritt spielt der ehemalige Schachweltmeister erstmals wieder ein Wertungsturnier. In den Startrunden hält der 54-Jährige bestens mit.

Verblüfft die Schachwelt auch mit 54: Garri Kasparow. Foto: David Levenson (Getty)

Verblüfft die Schachwelt auch mit 54: Garri Kasparow. Foto: David Levenson (Getty)

Gelernt ist gelernt. Als Garri Kasparow am Montag mit dem dritten Remis sein Tagespensum absolviert hatte, baten ihn die Livekommentatoren ins Web-Studio. Die Partie zwischen dem Vietnamesen Le Quang Liem und dem US-Amerikaner Hikaru Nakamura hatte die Endphase erreicht, und auf dem Monitor war eine äusserst knifflige Stellung zu sehen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der Russe die Komplexität erfasst hatte. Dann analysierte er laut mit und warf meist als Erster ein, was Weiss wie Schwarz jeweils ziehen sollte.

Alle Topspieler verfügen nebst enormem Theoriewissen über solch aussergewöhnliche Fähigkeiten. Der Unterschied zur Stufe «Weltmeister» liegt abgesehen von charakterlichen Stärken vor allem in der Präzision der Gedankengänge und der Kreativität. Kasparow prägte die Zeit seiner fast 20-jährigen Vorherrschaft als Spieler insbesondere mit dynamischen Ideen in der Eröffnungs- und Mittelspielphase, die hohes taktisches Gespür voraussetzen. Schon mit dreizehn, erinnert sich der ehemalige WM-Kandidat Artur Jussupow, habe der Wunderknabe aus Baku immer als Erster die Hand gehoben, wenn Ex-Weltmeister Michail Botwinnik in seiner legendären Sowjet-Eliteschule eine Aufgabe stellte.

Erst einmal überleben

In den Startrunden nach einer zwölf Jahre dauernden Pause liess es Kasparow in St. Louis freilich ruhiger angehen. Er habe am ersten Tag in diesem Weltklassefeld vor allem «Turnieratmosphäre einatmen und mit solidem Spiel überleben wollen», resümierte er nach getaner Arbeit. Das ist ihm bestens gelungen. Den Russen Sergei Karjakin, der letzten November im WM-Match gegen Magnus Carlsen nur knapp gescheitert war, hatte er souverän im Griff und auch in Partie drei gegen den Kubaner Domínguez Pérez geriet er nicht in Gefahr. Nur Nakamura hätte ihn beinahe ausgekontert, nachdem er in aussichtsreicher Stellung zu lange ins Grübeln kam. Aber auch da half ihm seine Endspielkunst.

Das «St. Louis Rapid & Blitz» dauert bis Freitag und ist das vierte von fünf Turnieren der «Grand Chess Tour», die in verschiedenen Formaten und Ländern ausgetragen wird. Kasparow, der seine Heimatnation Russland nach heftigem Widerstand gegen Putin aus Sicherheitsgrün­den verlassen hat, engagiert sich für die boomende Schachszene in den USA und hat die Turnierreihe mitinitiiert. Die Wildcard für St. Louis ist der Dank – wobei Kasparow betonte, dass es bei diesem einen Turnier bleiben soll. Zu einem Gipfeltreffen mit dem aktuellen Weltmeister Carlsen kommt es nicht. Der 26-jährige Norweger pausiert und ist erst wieder am letzten Turnier in London mit dabei.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt