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Streitpunkt Karl MayKampf um eine Legende

Das Karl-May-Museum in Radebeul verstand sich als heiliger Gral für den berühmten Schriftsteller. Bis ein neuer Direktor mit vielen Mythen aufräumte und damit die Diskussionen anheizte.

Mittelpunkte eines neuen Kulturkampfes: Winnetou und Old Shatterhand gespielt von Pierre Brice und Lex Barker  im 3. Teil der Winnetou-Filme im Jahr 1965.
Mittelpunkte eines neuen Kulturkampfes: Winnetou und Old Shatterhand gespielt von Pierre Brice und Lex Barker im 3. Teil der Winnetou-Filme im Jahr 1965.
Foto: Mary Evans (imago images)

Der Mann, der Karl May war, setzte sich 1896 einen breitkrempigen Hut auf den Kopf, zog sich eine Jacke mit Fransen an und Lederhosen. So liess er sich in seinem Wohnhaus in Radebeul, der Villa Shatterhand, fotografieren. In der Hand hielt er die Silberbüchse. Das Gewehr sieht schwer aus in den zarten Händen dieses Mannes, der behauptet, Old Shatterhand zu sein, der Held seiner Erzählungen. Ein «Westmann», geübt im Faustkampf, Blutsbruder vom Apachen-Häuptling Winnetou, der später auch den «Orient» bereiste. Die Fotos sollen damals den Mythos nähren und waren doch nichts anderes als ein Fake. Die USA und den Nahen Osten bereiste Karl May erst sehr viel später. Vielleicht war er ein Hochstapler oder aber ein Marketing-Genie.

Doch in Radebeul bei Dresden geht es um mehr: Als es vor wenigen Wochen galt, einen Vordenker der Neuen Rechten als Kulturamtsleiter zu verhindern, setzten sie seinen Theorien der «Umvolkung» das Prinzip von Toleranz und Weltoffenheit entgegen. Dafür stehe Karl May wie «kein Zweiter», schrieben Kunstschaffende in einem offenen Brief. Jetzt tobt in der Stadt, in der Villa Shatterhand, ein neuer Kulturkampf. Ausgerechnet um Karl May selbst und die Toleranzgrenzen im Umgang mit dessen Erbe.

Karl May schlug sich früher als Kleinkrimineller durch

Wer den Auslöser sucht, stösst auf Christian Wacker. Im Frühjahr 2018 kam er als neuer Direktor ans Karl-May-Museum. Der Kulturwissenschaftler fühlte sich gut gerüstet. Wacker war zuvor Leiter des Deutschen Sportmuseums in Köln, arbeitete sechs Jahre in einem Museum in Katar. Thema: Olympia. Nicht unproblematisch. Denn wie stellt man Statuen nackter Jünglinge aus dem 5. Jahrhundert in einem Land aus, in dem die Scharia gilt? «Indem man sie so dreht, dass die Penisse nicht mehr zu sehen sind. Und mit Sicherheitsabstand», sagt Wacker am Telefon.

Wacker übernimmt in Radebeul ein Museum, dessen Besucherzahlen in den vergangenen Jahren geschrumpft sind. Zuletzt auf 50'000. In dem sich seit Jahrzehnten kaum etwas verändert hat.

Wacker stellt sich ein neues Team zusammen, führt Poetry-Slams ein, Begegnungen mit anderen Kulturen, sein Plan ist es, Geflüchtete für Gespräche einzuladen. Der Träger des Museums, die Karl-May-Stiftung, lässt Wacker machen, bis er sich an Karl May selbst heranwagt.

 Im Frühjahr 2018 kam der Kulturwissenschaftler als neuer Direktor ans Karl-May-Museum: Christian Wacker vor der  Villa "Shatterhand." in Radebeul
Im Frühjahr 2018 kam der Kulturwissenschaftler als neuer Direktor ans Karl-May-Museum: Christian Wacker vor der Villa "Shatterhand." in Radebeul
Foto: KARL MAY & Co. / Finke

Als Wacker die Ausstellungstafeln über dessen Biografie überarbeiten will, kommt es zum Streit. Vor seiner Zeit als Schriftsteller schlug sich May als Kleinkrimineller durch. Er schlüpfte in verschiedene Rollen, um Geld oder Pelze zu ergaunern. 1862 wurde er wegen Diebstahls einer Taschenuhr zu sechs Wochen Haft verurteilt. Ein Hinweis auf der Ausstellungstafel reicht dem Stiftungsvorstand nicht aus. Man müsse schreiben, dass May nach heutiger Rechtsprechung nicht mehr so hart bestraft worden wäre. An anderer Stelle soll es heissen, May habe aus «psychisch-seelischer Verstörung» Betrügereien begangen. Wacker gibt nach.

Homoerotische Anspielungen? Sehr heikel

Doch in der Villa Shatterhand tun sich Gräben auf. Wacker, der Wissenschaftler, steht auf der einen Seite, die Karl-May-Fans auf der anderen. Im Herbst 2019 schlägt Wacker vor, im Museumsmagazin den Aufsatz einer amerikanischen Professorin zu veröffentlichen. Unter der Überschrift «The great Pretender», «Der grosse Täuscher», schreibt sie über die «geradezu erotisch anmutende und Winnetou unterschwellig feminisierende Beschreibung seiner langen Haare». Oder über die Begegnung des Apachenhäuptlings mit Old Shatterhand, bei der «sich die Helden wiederholt küssen, umarmen und liebevoll anblicken».

Das Spiel mit Geschlechterrollen in den Werken Mays, die homoerotischen Anspielungen: Sie scheinen in Radebeul ähnlich heikel zu sein wie die Darstellung nackter Jünglinge in Kuwait. Der Aufsatz löst einen intensiven Mailverkehr zwischen Wacker und dem Stiftungsvorstand aus. Von «Schwulengeschichten» ist die Rede. Und dass man «dem Gerücht, May sei homosexuell gewesen, neue Nahrung geben könnte». Wacker darf den Beitrag nicht veröffentlichen. «Das hat mich schockiert», sagt er.

Im März hat Wacker hingeworfen. Er veröffentlichte einen offenen Brief, schrieb von «Mobbing» und «Einmischung in die Museumsarbeit». Jene, die Wacker anfangs «überzeugende Fachkompetenz im Museumswesen» bescheinigten, bezeichnen ihn jetzt als «schlechtesten Geschäftsführer», den das Museum jemals hatte. «Wacker bedeutete einen Aufbruch für das Museum», sagt dagegen Robin Leipold. Er arbeitet seit sechs Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum. Wacker hat den 32-Jährigen nach seinem Weggang als Nachfolger ins Spiel gebracht. Doch die Stiftung holte lieber den früheren Direktor als Interimschef zurück. Ein Mann, der sich gern im Cowboy-Outfit zeigt und eine Stasi-Vergangenheit hat, war ihr lieber als ein Protegé Wackers.

«May-Prediger» oder Forscher?

Das Karl-May-Museum verfügt über eine grosse Elk-Eber-Sammlung. «Wer dessen NS-Vergangenheit thematisierte, galt im Haus als Nestbeschmutzer», sagt Robin Leipold. «Bis Wacker kam». Christian Wacker ist weg, Ralf Harder ist noch da. Ein Treffen in Radebeul lehnt der stellvertretende Vorsitzende der Karl-May-Stiftung ab. Zu weit. Ausserdem sei ihm das Haus derzeit fremd wie nie. Also fährt man zu ihm, nach Hohenstein-Ernstthal.

Weigerte sich, den Aufsatz über homoerotische Anspielungen in Mays Werk zu veröffentlichen: Der stellvertretende Vorsitzende der Karl-May-Stiftung Ralf Harder.
Weigerte sich, den Aufsatz über homoerotische Anspielungen in Mays Werk zu veröffentlichen: Der stellvertretende Vorsitzende der Karl-May-Stiftung Ralf Harder.
Foto: PD

Harder stammt aus dem Ruhrpott, vor 14 Jahren ist er ins Erzgebirge gezogen. Seine Frau kommt von hier. Dass ihn die Liebe ausgerechnet in die Geburtsstadt von Karl May führte, bezeichnet er als «kleines Wunder». Ein Wunder, für das er sich schon persönlich bei Karl May bedankt habe. 2014 liess die Stiftung die sterblichen Überreste des Schriftstellers exhumieren, um die Ursache für dessen Tod 1912 zu klären. Auf dem Totenschein war nichts vermerkt. Es gab Spekulationen, wonach Klara May ihren Mann ermordet haben soll. Die Mediziner gaben Entwarnung. Karl May starb vermutlich an einer Bleivergiftung.

Harder war in der Gruft, als der Schriftsteller wieder begraben wurde. «Da habe ich kurz seine Hand berührt und leise Danke gesagt.» Christian Wacker bezeichnet Ralf Harder als «May-Prediger». Ralf Harder sagt: «Ich bin Forscher.»

Kann es über Karl May überhaupt absolute Wahrheiten geben?

Harder hat mehrere Abhandlungen über Karl May geschrieben. Er schmetterte Gerüchte ab, wonach sein Idol eine Affäre gehabt haben soll. Die Theorie, der Bestsellerautor sei manisch-depressiv gewesen, hält er für unglaubwürdig. Es war Harder, der sich weigerte, den Aufsatz über homoerotische Anspielungen in Mays Werk zu veröffentlichen. «Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass Karl May schwul war», sagt Harder. Als Beweis zählt er dessen Liebschaften auf. «In seinen Kolportage-Romanen prickelt es richtig.»

Es gibt einige Kenner, die der Ansicht sind, dass es in Mays Werk prickelt – und zwar zwischen den Männern. Der Schriftsteller Arno Schmidt beschäftigte sich bereits 1963 mit der Möglichkeit, May könnte ein verkappter Homosexueller sein. Bei den Fans des Schriftstellers fanden diese Theorien wenig Anklang. Und auch Harder bleibt dabei: Karl May sei nicht homosexuell gewesen, deswegen sei es sinnlos, in seinem Werk danach zu forschen.

Zurück in die Vergangenheit. Laiendarsteller spielen in Radebeul bei eine wilde Szene aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zur Eröffnung der Karl-May-Festtage.
Zurück in die Vergangenheit. Laiendarsteller spielen in Radebeul bei eine wilde Szene aus dem amerikanischen Bürgerkrieg zur Eröffnung der Karl-May-Festtage.
Foto: Matthias Rietschel (Keystone)

Doch kann es absolute Wahrheiten über einen Mann geben, der sein Leben lang zur Legendenbildung neigte? Und selbst wenn Karl May nicht homosexuell war und neuere Theorien über homoerotische Anspielungen in dessen Werk umstritten bleiben – Harder müsste es doch freuen, dass sich immer noch Forscher mit den Werken befassen. Im Fall der Professorin sogar eine Frau. Die sind, man muss es leider so sagen, eher selten im Karl-May-Universum. Harder sagt: «Ich schätze andere Experten. Viele von ihnen sind aber schon tot.»

Als stellvertretender Vorsitzender der Karl-May-Stiftung soll Harder nun die Zeit nach Wacker gestalten. Fragt man ihn nach seinen Visionen für das Karl-May-Museum, spricht er von Schauspielern, die sich als Romanfiguren verkleiden. Vom Zauber der Kulissen. «Die Leute sollen in die Welten von Karl May eintauchen können, sie sollen sie hören, sehen, schmecken.» Das klingt nicht gerade nach Neuanfang. Es klingt eher nach einer Beschwörung der angeblich guten alten Zeit. Als der Schriftsteller in seinem Wohnhaus in Radebeul in die Rolle von Old Shatterhand schlüpfte. Die Silberbüchse in der Hand.