Zum Hauptinhalt springen

Ein ganz normaler NobelpreisträgerKaltes Wasser ist sein Geheimnis

Vor drei Jahren gewann der Waadtländer Jacques Dubochet den Nobelpreis für Chemie. Der Dokumentarfilm «Citoyen Nobel» zeigt, wie sich sein Leben mit der Auszeichnung änderte.

Plötzlich interessiert sich alle Welt für den Waadtländer Biophysiker: Jacques Dubochet in «Citoyen Nobel».
Plötzlich interessiert sich alle Welt für den Waadtländer Biophysiker: Jacques Dubochet in «Citoyen Nobel».
Foto: Filmcoopi

Am Vormittag des 4. Oktober 2017 klingelt das Telefon beim Waadtländer Jacques Dubochet: Er hat den Nobelpreis für Chemie gewonnen. Noch am selben Tag findet an der Universität Lausanne eine Pressekonferenz statt, Journalisten umringen den pensionierten Biophysiker. Vor wenigen Stunden war er nur Fachkundigen ein Begriff, nun interessiert sich die mediale Weltöffentlichkeit für ihn. So zu sehen am Anfang der Doku «Citoyen Nobel».

Der Westschweizer Filmemacher Stéphane Goël («Insulaire») zeigt, wie Dubochet immer wieder im Fernsehen, an wissenschaftlichen Veranstaltungen oder an einer Büchermesse auftritt. Dazu begleitet er den 75-Jährigen mit einem Kamerateam und hält seinen Alltag fest. Wie ergeht es einem, der plötzlich weltberühmt ist? Dubochet erhält jeden Tag mehrere Einladungen, er wird auf der Strasse erkannt, Teenager wollen Selfies mit ihm schiessen – und dabei verstehen die wenigsten Leute, wofür Dubochet den Nobelpreis eigentlich erhalten hat.

Das Vakuum ist das Problem

An der erwähnten Pressekonferenz fragt ein Journalist: «Ihre Entdeckung in zehn Sekunden, für unsere Zuschauer, ist das möglich?» Dubochet: «Kaltes Wasser. Das ist es: kaltes Wasser.» Den Nobelpreis teilt er sich mit dem Amerikaner Joachim Frank und dem Briten Richard Henderson. Die drei revolutionierten in den 70ern, 80ern und 90ern die Elektronen­mikroskopie.

Beim herkömmlichen Verfahren werden die Proben in einem Vakuum fixiert – aber in einem Vakuum verdampft Wasser, was die wahrheitsgetreue Abbildung von biologischen Molekülen verunmöglicht, denn diese sind üblicherweise von Flüssigkeiten umgeben. Man kann das Wasser zwar einfrieren, aber dann zerstören Eiskristalle die Moleküle.

«Ich möchte wieder ein normales Leben führen», sagt Dubochet einige Monate nach der Preisverleihung.

Dagegen haben Dubochet und Co. die Kryo-Elektronenmikroskopie entwickelt. Dabei wird das Wasser – zum Beispiel mithilfe von flüssigem Ethan – auf unter minus 150 Grad Celsius heruntergekühlt. Und zwar derart schnell, dass ihm keine Zeit bleibt, zu verdampfen oder zu gefrieren. So schaffte es Dubochet 1984, Viren genau abzubilden. Ein Meilenstein der Biochemie. Auch das neuartige Coronavirus wird mithilfe dieser Technik erforscht.

Der Wissenschaftler als Bürger

«Ich möchte wieder ein normales Leben führen», sagt Dubochet einige Monate nach der Verleihung des Nobelpreises. Aber: «Jetzt, das stimmt schon, hört man mir zu.» Die Aufmerksamkeit gefällt ihm sichtlich, doch er nutzt sie auch für die gute Sache. Dubochet ist ein engagierter Mensch: In den 80ern war er in der Anti-Atom-Bewegung, heute befindet sich auf seinem Laptop ein Kleber mit dem Spruch «Nucléaire? Non merci!» Er unterrichtet minderjährige Asylsuchende in Mathe und politisiert an der Gemeindeversammlung seines Heimatortes Morges.

Und Dubochet marschiert an Klimademos mit. Als Greta Thunberg 2019 zum Europäischen Gipfel des Klimastreiks nach Lausanne kommt, sitzt er neben ihr auf dem Podium. Mit eigenen Augen hat er gesehen, wie die Gletscher seiner Heimat in den letzten Jahrzehnten weggeschmolzen sind, und er plädiert mit deutlichen Worten dafür, auf die Klimajugend zu hören. «Wir Wissenschaftler dürfen nicht nur Wissenschaftler sein», so Jacques Dubochet. «Wir müssen auch Bürger sein.»

In Bern im Kino Movie. Premiere: Donnerstag, 6. August, 20 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs. Jacques Dubochet wird im Anschluss via Skype zugeschaltet.