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7 Stunden Pflegekraft-AlltagJoko und Klaas zeigen Marathon-Sendung – Applaus von der Konkurrenz

Das Moderatoren-Duo hat in einem aussergewöhnlichen Fernsehformat ohne Werbeunterbrechung auf Prosieben auf den Pflegenotstand aufmerksam gemacht – und deutsche TV-Geschichte geschrieben.

Haben sich Sendezeit für die Pflegekräfte erspielt: Klaas Heufer-Umlauf (l.) und Joko Winterscheidt.
Haben sich Sendezeit für die Pflegekräfte erspielt: Klaas Heufer-Umlauf (l.) und Joko Winterscheidt.
Foto: Marius Becker (DPA/Keystone)

Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben mit einer TV-Aktion erneut für landesweites Aufsehen gesorgt. Am Mittwoch traten die Moderatoren in ihrer Show «Joko und Klaas gegen Prosieben» erneut gegen den Sender an – und erneut gewannen sie Sendezeit, die sie frei gestalten durften. Statt der üblichen 15 Minuten gewährte der Sender den Entertainern überraschenderweise sieben Stunden Sendezeit – während der Primetime.

Prosieben strich sein geplantes Programm und strahlte stattdessen die Sondersendung aus. Die Show gab unter dem Motto «#nichtselbstverständlich» einen mehrstündigen Einblick in den Alltag von Pflegekräften in Deutschland. Das Fernsehduo wollte damit auf den Pflegenotstand aufmerksam machen – mit grossem Erfolg.

Die Aktion wurde auf Social Media gefeiert. Nachdem die Show am frühen Morgen vorbei war, hatte der Hashtag #nichtselbstverständlich bereits 33’000 Tweets generiert. Es hagelte Lob, gleichzeitig führte das Thema zu lebhaften Diskussionen.

Mit einer Nettoreichweite von 5,84 Millionen hatte der Sender nach eigenen Aussagen den erfolgreichsten Mittwoch seit langer Zeit. Sogar Konkurrenten zogen den Hut: Arte nannte das Programm «ein Stück deutsche TV-Geschichte»; RTL lobte den Sender für die «starke Aktion».

In ihrer Show haben Joko und Klaas Pflegerinnen und Pflegern eine Stimme gegeben. Sie begleiteten eine Pflegerin bei ihrer siebenstündigen Frühschicht: Vom Dienstantritt bis zum Feierabend verfolgten die Zuschauer und Zuschauerinnen die Pflegerin Meike Ista in Echtzeit auf Schritt und Tritt. Der Privatsender verzichtete dabei auf jegliche Unterbrüche oder Werbepausen. Was passte, schliesslich machen die Pflegenden, um die es geht, auch fast keine Pausen.

Aus der Perspektive einer Pflegerin

Es ist auch ansonsten ein grosser Bruch zu dem, was man vom durchformatierten Fernsehen gewohnt ist. Hautnah wie nie zuvor konnte man den Alltag einer Pflegekraft miterleben. Für diese Schicht im März 2021 hat sich Meike Ista, die im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster arbeitet, eine Bodycam umgehängt.

Sie trägt die Zuschauenden bei sich, man sieht mit ihr, man fühlt mit ihr. Man sieht, was die Pflegerin alles leistet, weil man jeden einzelnen Arbeitsschritt sieht: Wie sie Fieber misst, Medikamente einstellt, Blut abnimmt, nach dem Befinden fragt, nach der Nacht fragt, Handschuhe anzieht, Handschuhe abstreift, Hände desinfiziert, zuhört, beruhigt, da ist. Nach zwei Stunden trinkt sie zum ersten Mal einen Schluck Wasser.

Im Splitscreen werden Pflegerinnen und Pfleger verschiedenster Kliniken und Heime eingeblendet. Sie erzählen von Kollegen, die 23 Tage am Stück ohne Pause arbeiten, von anderen, die aussteigen, weil sie nicht mehr können. Von der Erschöpfung und vom Frust und davon, dass sie den Beruf nicht tauschen wollen würden, aber unbedingt die Bedingungen. Sie alle wollen ja gar nichts Besonderes; sie wollen vor allem Anerkennung und zufrieden in den Feierabend gehen können. Immer wieder wird dabei klar: Es geht hier um Politik, ums politische Schleifenlassen.

Und auch wenn jemand von der Arbeit auf der Corona-Intensivstation erzählt und sagt, dass er lieber nach Afghanistan gehen würde als dorthin zurück: Der Pflegenotstand war schon vor der Pandemie da. Oder wie eine Pflegerin sagt: «Corona ist nicht schuld daran. Corona ist das Brennglas, das alles in den Fokus gerückt hat.»

Die inhaltliche Dringlichkeit dieser Sondersendung wird unterstützt durch die formale. Man muss dableiben, streng in der Perspektive der Fachkraft, statt die oft gesehenen Bilder aus wechselnden Kamera-Blickwinkeln geliefert zu bekommen.

Aufsehenerregende TV-Aktionen

Es ist nicht das erste Mal, dass Joko und Klaas mit TV-Aktionen für Aufsehen gesorgt haben. Mehrere der relevantesten Fernsehmomente des vergangenen Jahres gingen auf die Kappe des erfolgreichen Duos.

In «Männerwelten» ging es um sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen. Die Sendung entfaltete sich wie eine Wucht und wurde auf Youtube mehr als vier Millionen Mal, auf Instagram sogar fast 20 Millionen Mal angeklickt.

In «A Short Story of Moria» zeigten die Entertainer die Zustände in dem abgebrannten griechischen Flüchtlingslager auf.

Joko und Klaas haben mehrmals gezeigt, dass sie nicht nur lustig und unterhaltsam sind. Die TV-Stars verstehen es, ernste gesellschaftspolitische Themen medienwirksam aufzugreifen und Bewusstsein zu schaffen. Dies passt zu den Bestrebungen von Prosieben nach mehr Relevanz. Der Sender hat zuletzt angekündigt, wieder eine eigene Nachrichtenredaktion aufzubauen, und zeigt politische Dokus wie die von Reporter Thilo Mischke über Rechtsextreme, die jetzt für den Grimme-Preis nominiert ist.

Dieser Weg hat mit der Konkurrenz durch Streamingplattformen zu tun: Wer politischen, womöglich auch spezifisch nationalen Debatten Platz einräumt, macht sich unterscheidbar. Und der deutsche Medienstaatsvertrag verspricht Sendern, die Public Value bieten, bessere Auffindbarkeit. Mehr Relevanz also. Für die Zuschauer und Zuschauerinnen, das lässt der Mittwochabend erahnen, bedeutet das bestimmt nicht das Schlechteste.

24 Kommentare
    MichaelAndreas

    Sehr gute Idee das Mal etwas ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. Aber wie lange wird das vorhalten ? Die entscheidenden Stellen werden ihr Bedauern bekunden und vielleicht Besserung geloben - und weiter nichts machen.

    Der Druck kann nur von der Strasse kommen, wenn es keine Pflegefachkräfte mehr für die Versorgung gibt und deswegen Menschen sterben werden.