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Daten zur aktuellen Corona-SituationJetzt wird heftige Kritik an der Informationspraxis des Bundes laut

Trotz massiv steigender Fallzahlen und der deutlichen Worte eines Mitglieds der Covid-19-Taskforce will das Bundesamt für Gesundheit am Wochenende keine Daten publizieren.

Derzeit steigt nicht nur die Anzahl der Infizierten stark an. Immer mehr werden in den Spitälern wieder Leute mit einem schweren Krankheitsverlauf behandelt.
Derzeit steigt nicht nur die Anzahl der Infizierten stark an. Immer mehr werden in den Spitälern wieder Leute mit einem schweren Krankheitsverlauf behandelt.
Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Am Donnerstag hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 2613 Neuansteckungen gemeldet, am Freitag waren es bereits 3105. Das ist eine Steigerung von über 18 Prozent. Und wie sieht es am Samstag oder Sonntag aus? Erreicht die Schweiz am Wochenende bei den Fallzahlen eine neue Rekordmarke, sind es bereits über 5000 pro Tag? Man weiss es nicht, seit dem 21. September liefert das BAG keine Angaben mehr während den Wochenenden.

Die meisten Länder liefern Daten

«Kann es sich einer der reichsten Staaten der Welt leisten, nicht genügend Mittel für die Echtzeitdatenerhebung von Covid-19 zur Verfügung zu stellen?» Diese Frage stellt sich Antoine Flahault, Direktor des Institute of Global Health an der Universität Genf. Das Thermometer einfach bis am Montag in den Schrank zu legen, weil es über das Wochenende nicht richtig funktioniere, sei doch keine Lösung, ärgert sich das Mitglied der Covid-19-Taskforce des Bundes. In Europa liefern nur gerade zwei Staaten am Wochenende keine Daten: Spanien (dessen Gesundheitsbehörden eh schon chronisch überlastet sind) und Schweden (das eine andere Corona-Strategie fährt). Von den 100 Ländern mit den meisten Corona-Fällen melden gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sonst nur noch der Sudan und Oman an Samstag und Sonntag keine Daten.

Maske auf: Alain Berset und Simonetta Sommaruga an einer Medienkonferenz anlässlich eines Treffens zwischen dem Bund und Vertretern aus den Kantonen.
Maske auf: Alain Berset und Simonetta Sommaruga an einer Medienkonferenz anlässlich eines Treffens zwischen dem Bund und Vertretern aus den Kantonen.
Foto: Marcel Bieri (Keystone)

Ein grosser Fehler, ist Flahaut überzeugt. Dadurch würden den Entscheidungsträgern wichtige Daten fehlen, um schnelle und gute Entscheide zu fällen. So stellt sein Institut aufgrund der täglichen Zahlen auch Prognosen für die folgenden sieben Tage, insbesondere mögliche Fallzahlen, Todesfälle oder die Reproduktionsrate. Seiner Meinung nach heisst Regieren auch frühzeitig Antizipierenund das sei nur mit aktuellen Zahlen möglich.

Bund ändert seine Praxis auch jetzt nicht

Doch davon will das Bundesamt für Gesundheit nichts wissen. Man sei zwar in Kenntnis der aktuellen Zahlen, wolle dies aber nach wie vor nicht kommunizieren, betonte am Freitag Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle. Daran ändere auch die derzeit besorgniserregende Lage nichts. Sie stellte vor den Medien in Abrede, dass dieses Vorgehen den fehlenden Personalressourcen geschuldet sei. Als das BAG Ende September ihre Informationspraxis änderte, betonte Masserey, dass die täglichen Fallzahlen keine gute Übersicht gäben: «Besser ist es, die Entwicklung von Woche zu Woche zu betrachten.»

«Jetzt zählt jeder Tag.»

Martin Ackermann, Leiter der Covid-19-Taskforce

Diese Aussage kontrastiert zu den Ausführungen von Martin Ackermann, dem Präsidenten der nationalen Covid-19-Taskforce an der gleichen Pressekonferenz von Freitagmittag: «Jetzt zählt jeder Tag.» Zur Erinnerung: Es war auch ein Wochenende, als die Zahlen im Frühling explodierten und den Bundesrat veranlassten, am Montag, den 16. März, den Lockdown über die gesamte Schweiz zu verhängen.

Keinen Tag zu früh, wie sich im Nachhinein zeigte, im Gegenteil: Gemäss einer Studie der Uni Bern wären 1600 Leben gerettet worden, hätte der Bundesrat seine Massnahmen sieben Tage früher verhängt. Wäre der Lockdown eine Woche später gekommen, wären in der Schweiz laut der Studie des Epidemiologen Christian Althaus sogar rund 8000 Menschen an Covid-19 gestorben, jetzt sind es aktuell etwas über 1800.

66 Kommentare
    Lothar Löwe

    Die Informationspolitik ist angesichts der aktuellen explosiven Lage absolut unverständlich. Wieder einmal ist das BAG absolut unbelehrbar - man will uns jetzt einreden, dass aktuelle Zahlen am Wochenende gar nichts nützen würden - so wie die Masken, deren Beschaffung man verschlampt hat, lange Zeit auch als unwirksam bezeichnet wurden.Wie lange will man diesen Bequemlichkeitsmanagement noch zuschauen? Wann gedenkt man diesen verschlafenen Betrieb endlich aufzuwecken und entschieden zu führen?