Zum Hauptinhalt springen

Kommentar zu Trumps PräsidentschaftJetzt wartet die Endabrechnung

Donald Trump wird sich in schlechter Gesellschaft befinden, wenn die Bilanz seiner tumultartigen Präsidentschaft gezogen wird.

Seine Verbreitung von Verschwörungstheorien wird weiterhin die Atmosphäre vergiften und Unheil anrichten: Donald Trump.
Seine Verbreitung von Verschwörungstheorien wird weiterhin die Atmosphäre vergiften und Unheil anrichten: Donald Trump.
Foto: Keystone

Noch steht ein Ergebnis nicht fest, am Horizont aber zeichnen sich das Ende der Präsidentschaft Donald Trumps sowie die Einschwörung des Demokraten Joe Biden als neuen amerikanischen Präsidenten im Januar 2021 ab (hier gehts zum Ticker zur US-Präsidentschaftswahl). Trump teilte damit das Schicksal Jimmy Carters und George Herbert Walker Bushs, die ebenfalls nach nur einer Amtszeit das Weisse Haus räumen mussten.

Einen Exorzismus der bösen Geister, die Trump rief, hat diese Wahl jedoch nicht geleistet. Eine Reinigung des politischen Systems, die doch so bitter nötig gewesen wäre, steht aus.

Darin manifestiert sich gleichermassen ein profundes Versagen der Demokratischen Partei wie auch die traurige Tatsache, dass die republikanische Basis offensichtlich gewillt ist, antidemokratisches und autoritäres Benehmen trotz des beträchtlichen Schadens für Staat und Gesellschaft zu dulden oder gar zu unterstützen, solange es der Machterhaltung dient.

Ein Albtraum für die demokratische Führung

Die Präsidentschaftswahl mag Joe Biden mit mehr Stimmen als jeder amerikanische Präsidentschaftskandidat vor ihm gewonnen haben, die Bilanz der Wahl vom Dienstag aber fällt eher düster aus für die Demokratische Partei. Von einer «blauen Welle», wie sie bei den Kongresswahlen 2018 verzeichnet wurde, als sich die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus eroberten, kann keine Rede sein.

Nicht nur musste Biden tagelang um seinen Sieg bangen, weil die Ergebnisse in mehreren Swing-States auf Messers Schneide standen. Wahrscheinlich verfehlten die Demokraten zudem ihr Ziel einer Senatsmehrheit und mussten sogar Federn lassen im Repräsentantenhaus, wo die Partei auf einen Ausbau ihrer Mehrheit gehofft hatte.

Noch bedrohlicher sieht es in den Einzelstaaten aus: Die Republikaner hielten ihre Positionen und werden nach dem Zensus von 2020 vielerorts die Einteilung der Kongressdistrikte vornehmen – ein Albtraum für die demokratische Führung in Washington, die sich jetzt die Frage gefallen lassen muss, woran es lag und warum sie versagte.

Die demokratische Selbstkritik wird begleitet werden von einer eingehenden Analyse des Wählerverhaltens. Sie dürfte zeigen, dass viele Trump-Anhänger das unkonventionelle Verhalten und die Normenverstösse des Präsidenten billigten, weil sie ihn als Garanten eines wirtschaftlichen Aufschwungs sahen. Die Corona-Pandemie hat Donald Trump den Wahlsieg gekostet, viele Wähler aber hielten zu ihm und seiner Partei, weil sie die Schutzmassnahmen gegen den Erreger als existenzielle Bedrohung ihrer Lebensverhältnisse empfanden.

Der Präsident wird unterdessen nicht still und leise in den politischen Sonnenuntergang reiten.

Vielleicht verspürten sie überdies klammheimliche Freude über die Provokationen und Durchstechereien des Präsidenten, die sie als Abrechnung mit den demokratischen Küsteneliten und einer als hochnäsig empfundenen Meritokratie werteten. Dass linke Demokraten nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd verlangten, örtlichen Polizeikräften Gelder zu entziehen, dürfte diese Wähler gleichfalls verstört haben.

Für die Zukunft des amerikanischen Gemeinwesens bedeutet all dies nichts Gutes: Die Polarisierung wird sich vertiefen, die Entfremdung der beiden Lager voneinander zunehmen. Gewaltig ist dieser Bruch schon jetzt: Amerikaner in 87 der 100 grössten Städte votierten mehrheitlich für Joe Biden, die Bewohner kleinerer Kommunen und des platten Lands hingegen überwältigend für Donald Trump und die Republikanische Partei.

Der Präsident wird unterdessen nicht still und leise in den politischen Sonnenuntergang reiten: Sein schäbiger Auftritt im Weissen Haus am Donnerstagabend, als er grundlos behauptete, er sei der wahre Gewinner der Wahl und werde illegal um den Sieg gebracht, war ein historischer Tiefpunkt in der an Tiefpunkten reichen Ära Trump.

Donald Trump wird sich in schlechter Gesellschaft befinden, wenn die Endabrechnung mit seiner tumultartigen Präsidentschaft ansteht.

Aber er kann es nicht lassen: Trump wird sich trotzig und unverschämt in den kommenden Tagen und Wochen zu Wort melden, seine aberwitzigen Beschwerden über einen vermeintlichen Wahlbetrug mitsamt seiner Verbreitung von Verschwörungstheorien werden weiterhin die Atmosphäre vergiften und Unheil anrichten. Er und seine Gefolgsleute werden Joe Biden als illegitimen Präsidenten hinstellen, ähnlich wie sie es mit Barack Obama getan haben.

Einen Exorzismus bedeutet das Wahlergebnis vom Dienstag mithin nicht, eher schon werden die Historiker in den kommenden Jahren und Jahrzehnten eine solche Austreibung vornehmen. Wer glaubt, Trump sei der beste amerikanische Präsident seit Ronald Reagan oder gar reif für den Olymp, wird von ihnen eines Besseren belehrt werden.

Denn Donald Trump wird sich in schlechter Gesellschaft befinden, wenn die Endabrechnung mit seiner tumultartigen Präsidentschaft ansteht: Nämlich dort, wo sich die präsidialen Pfeifen des 19. Jahrhunderts tummeln, Figuren wie James Buchanan und Andrew Johnson, Franklin Pierce und Millard Fillmore.

64 Kommentare
    h.a. reber

    Was soll ein schlechter Präsident denn sonst hinterlassen? Es war schon lange absehbar, dass dieser Zappano und Hochstapler für dieses Amt nicht geeignet ist, und doch haben sich viele hinter ihm versteckt, vor allem die Republikaner, die noch heute Angst haben, Trump könnte sich halten. Dann wehe - er wird Rache nehmen. Zuviele haben ihn wiedergewählt, nicht etwa aus Versehen, sondern weil er im Sinne des starken Mannes autokratisch und chaotisch regiert hat. In Sachen Corona hat Trump kläglich versagt, und noch hoffen seine Anhänger, dass er die Pandemie wegpusten wird. Er sät Gewalt und fordert, diese mit seinen Bürgerwehren abzuwenden. Das ist das Widersprüchliche und Chaotische. Zu hoffen bleibt, dass nun doch einigen die Augen aufgehen, auch wenn es sehr lange gedauert hat.