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Experte zur CS-Krise«Ja, ein Knall ist wahrscheinlich. Die Signale stehen auf Rot»

Finanzprofessor Marc Chesney sieht die Ereignisse um die Credit Suisse nur als eine weitere Episode einer permanenten Finanzkrise. Ohne radikale Massnahmen sei die Gesellschaft grossen Risiken ausgesetzt.

Sieht im Verhalten der Grossbanken grundsätzlich eine Gefahr für die Finanzstabilität: Finanzprofessor Marc Chesney.
Sieht im Verhalten der Grossbanken grundsätzlich eine Gefahr für die Finanzstabilität: Finanzprofessor Marc Chesney.
Foto: Andrea Zahler 

Was haben Sie gedacht, als Sie von den Verlusten der Credit Suisse gehört haben und dem Geschäft der Grossbank mit dem Hedgefonds Archegos?

Es handelt sich um eine neue Episode der permanenten Krise des Finanz-Casinos. Es gibt weniger akute und akutere Phasen. Wie aus dem Nichts geschehen dann solche Episoden. Das ist sehr undurchsichtig. Dabei sollten wir als Bürger wissen, was geschieht. Die Credit Suisse ist systemrelevant. Deshalb hat sie auch eine Verantwortung gegenüber dem Steuerzahler.

In dieser Geschichte gibt es Elemente, die an die Finanzkrise von 2008 erinnern.

Das Finanzsystem ist sehr instabil. Die Mischung von hoher Verschuldung mit Derivaten ist das Rezept für akute Krisen. Das war so im Jahr 2008 und ist regelmässig noch immer der Fall.

Banken sagen, Derivate seien nützlich als Absicherungsinstrument.

Das ist ein schlechter Witz. Der Nominalwert der Derivate für die Schweiz entsprach im letzten Herbst bis zu 26’000-mal dem Bruttoinlandprodukt. Wie kann man glauben, dass die Kunden von Banken in der Schweiz sich für das 26’000-Fache der Schweizer Wirtschaftsleistung absichern müssen. Leider spielen die Derivate nur selten ihre ursprüngliche Rolle als Absicherungsinstrument.

Man hat nach der Finanzkrise nicht nur die Regulierungen verschärft, sondern auch höhere Kapitalpuffer von den Banken gefordert. Reicht das denn nicht?

Anscheinend nicht. Die 2008 untergegangene Grossbank Lehman Brothers hatte einen ungewichteten Eigenkapitalpuffer von 3,25 Prozent gemessen an ihrer Bilanzsumme. Jetzt liegen die ungewichteten Puffer bei Grossbanken zwischen 5 und 6 Prozent. Das ist zwar besser, aber noch immer ungenügend. Wir brauchen etwa 20 Prozent. Das ist auch die Quote, die Grossbanken von uns verlangen, wenn wir von ihnen Kredite beziehen wollen, und das ist auch vernünftig.

«Die Anreize bestehen darin, Risiken auf Kosten der Steuerzahler einzugehen.»

Welche Bedeutung haben die Anreizstrukturen der Banker? Immer wieder werden in diesem Zusammenhang die Boni genannt.

Ich bin nicht gegen Boni, wenn sie für echte Erfolge bezahlt werden. Aber Boni sind nicht zu rechtfertigen, wenn die Leistungen schlecht sind oder sogar Verluste auftreten. Ausserdem stehen die Boni zu oft in keinem vernünftigen Verhältnis zum Geschäft der Banken. Die Anreize bestehen darin, Risiken auf Kosten der Steuerzahler einzugehen. Denn wenn die Wetten schiefgehen, müssen die Steuerzahler die Rechnung bezahlen. Wenn sie gut ausgehen, steigen die Boni.

Was müsste Ihrer Ansicht nach verbessert werden?

Wir brauchen kleinere Banken und wie früher in den USA wieder eine Trennung zwischen reinen Depot- und Investmentbanken. Dann könnten Banken, die zu hohe Risiken eingegangen sind, mit weniger Gefahr für den Rest der Wirtschaft bankrottgehen. Die weltweit grössten 30 Banken sind aber im Prinzip überzeugt, dass sie nie bankrottgehen werden, weil sie gerettet werden müssten. Das erzeugt den falschen Anreiz, immer mehr Risiken auf Kosten des Steuerzahlers einzugehen.

Zur Stabilisierung des Finanzsystems haben Sie eine Initiative mitlanciert, die eine Steuer auf alle elektronischen Zahlungen fordert.

Die instabile finanzielle Lage verlangt nach einer Mikrosteuer auf das riesige Volumen von elektronischen Zahlungen, die ca. 150-mal dem Bruttoinlandprodukt entsprechen. Eine solche Mikrosteuer würde dazu beitragen, den Finanzsektor zu stabilisieren, und man könnte im Gegenzug gewisse Steuern wie die Mehrwertsteuern abschaffen.

«Die Regulierungen sind zu komplex. Die Grossbanken finden immer Schlupflöcher.»

Es macht den Eindruck, dass die Banken neue Regeln mit Finanztechniken und Derivaten leicht umgehen können.

Die Regulierungen sind zu komplex. Die Grossbanken finden immer Schlupflöcher. Was wir brauchen, sind nicht Tausende Seiten von Regulierungen, die eine Doktorarbeit erfordern, um sie eventuell zu verstehen. Es braucht einfache und allgemein verständliche Regulierungen.

Zum Beispiel?

Es braucht 30 bis 50 Seiten mit klaren Sätzen. Ein Beispiel: Wenn Sie Risiken tragen, dürfen Sie Absicherungsprodukte kaufen, also sogenannte Derivate. Wenn nicht, brauchen Sie keine Derivate.

Können Sie das genauer erklären?

Wir können den Unterschied zwischen einer echten Risikoabsicherung und Wetten am Vergleich mit Autoversicherungen deutlich machen. Man darf keine Versicherung auf das Auto des Nachbarn abschliessen. Gäbe es dieses Verbot nicht, hätte man einen gefährlichen Anreiz. Man würde vielleicht solche sogenannten Versicherungen kaufen, weil man weiss, dass der Nachbar schlecht fährt. Oder man würde ihn dazu animieren, betrunken Auto zu fahren. So käme es zu mehr Unfällen, Wetten auf Unfälle würden leider erfolgreicher.

Vor wenigen Wochen hatten wir die Auseinandersetzungen um Gamestop, als Kleinanleger über die Plattform Reddit grosse Hedgefonds in die Knie gezwungen haben. Wie beurteilen Sie diese Geschichte?

Die kleinen Investoren haben die Wetten der grossen Anleger ausgetrickst. Das funktioniert kurzfristig. Aber es zeigt eigentlich, dass die Finanzmärkte manipuliert sind. Dabei lernen die Studierenden in Finanzwesen, dass die Märkte perfekt und effizient sind – das sind sie sehr oft nicht.

Trotz der Corona-Krise haben die Börsen zugelegt. Gibt es eine Blase an den Finanzmärkten?

Ja, klar. Die Finanzmärkte sind am Tropf der Notenbanken. Die Gewinne der Grossfirmen steigen lange nicht so stark wie die Börse. Weshalb? Die quantitative Lockerung der Zentralbanken zielt darauf ab, dass die Banken der Realwirtschaft Kredite geben. Das ist aber nicht ausreichend der Fall. Dafür steigen die Finanzwerte immer weiter, denn diese sind zu oft von der realen Wirtschaft abgekoppelt.

Halten Sie die Geldpolitik der Notenbanken denn für falsch?

Kurzfristig, im Notfall, ergibt es Sinn, Geld in den Markt zu pumpen. Aber dass der Zins negativ ist, zeigt doch, dass es eine Dysfunktion der Wirtschaft gibt. Der Zins ist der Preis des Geldes. Wie kann es sein, dass dieser Preis für viele Staatsanleihen seit so langer Zeit negativ ist? Ausserdem erzeugt dies Anreize, weitere Schulden zu machen.

Was passiert, wenn die Zinsen steigen? Gibt es einen Knall?

Ja, ein Knall ist wahrscheinlich. Die Hauptsignale stehen auf Rot: Umwelt, Pandemien, Instabilität auf den Finanzmärkten, soziale Ungleichheit, Armut. Wir müssen jetzt nicht nur die Auswirkungen der Pandemie oder der Krise zu lösen versuchen, wir müssen die Gründe dahinter erkennen.

«Ich glaube, die steigende Ungleichheit ist ein grosses Problem. Sie wird durch die Finanzmärkte noch verstärkt.»

Wo sehen Sie aktuell die grössten Risiken?

Ich glaube, die steigende Ungleichheit ist ein grosses Problem. Sie wird durch die Finanzmärkte noch verstärkt. Ein Beispiel: Amazon-Gründer Jeff Bezos ist am 20. Juli 2020, also an einem Tag, um 13 Milliarden Dollar reicher geworden. Das ist das Doppelte von dem, was 1,3 Milliarden Afrikaner am selben Tag verdient haben, und es entspricht 10-mal dem Wert des Schlosses von Versailles, das in circa 50 Jahren gebaut wurde! Wenn es so weitergeht, explodiert es irgendwann.

Wie kann die Politik Ihrer Ansicht nach reagieren?

Wegen der Corona-Krise sind weltweit 100 Millionen Menschen in die extreme Armut abgerutscht. Sehr reiche Leute sollten etwas zurückgeben. Wenn das nicht geschieht, besteht die Gefahr, dass Demagogen und wenig demokratische Parteien die Lage ausnutzen. Wo das hinführen kann, verdeutlichen die ehemalige Trump-Regierung in den USA oder die aktuellen Regierungen in Brasilien oder in Ungarn.

119 Kommentare
    Lucas Wyrsch

    "Turbulent Times in Quant Land" wurde am 23. September 2017 von Barry Ritholtz veröffentlicht und enthielt eine klare Beschreibung dessen, was sich zehn Jahre zuvor bei Lehman Brothers abgespielt hat.

    Der Rapport stammt von Matthew Rothman, im Jahr 2017 war er Leiter der Global Quantitative Equity Research bei Credit Suisse und Senior Lecturer in Finance an der MIT Sloan School of Management.

    Vor Beginn der großen Finanzkrise wurde Matthew Rothman als globaler Leiter der quantitativen Forschung bei Lehman Brothers eingestellt.

    Mitten im Quant Crash 2007 veröffentlichte er einen Forschungsbericht mit dem Titel „Turbulent Times in Quant Land“.

    Es war die erste Wall Street-Forschungsnotiz, die den quantitativen Zusammenbruch der subprime Krise tatsächlich erklärte.

    Es wurde schließlich die am weitesten verbreitete Forschungsnotiz in der Geschichte von Lehman.

    Credit Suisse wusste somit, dank Matthew Rothman, seit drei ein halb Jahren mehr über den Subprime Crash als jede andere Bank der Welt!

    All dieses Wissen über die Entstehung der Weltwirtschaftskrise ab 2007 von Matthew Rothman schützte den Credit Suisse nicht vor einer Wiederholdung 14 Jahre später.