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200 Särge im Golfo ParadisoItalienischer Friedhof ist im Meer versunken

Der alte Friedhof von Camogli bei Genua ist ins Meer gestürzt. Die apokalyptische Szene war vorhersehbar gewesen, schuld ist unter anderem die Bauspekulation.

Unter den Grabstätten erodierte die Erde schon länger: Helikopter-Bilder und Videos der Absturzstelle in Camogli.
Video: Tamedia, Vigili del Fuoco

Plötzlich hoben die Möwen ab, die auf den Dächern des Westflügels sassen, hoch über dem Golfo Paradiso. Das war ein untrügliches Zeichen, eine makabre Ankündigung. Ein Arbeiter filmte mit seinem Handy, es ging ganz schnell, dann stürzte der vordere Teil des alten Friedhofs von Camogli mit seiner siebenstöckigen Urnenwand und vier Familienkapellen ins Meer. Mit einem lauten Knall.

200 Särge rutschten ins Wasser, manche schaukelten auf den Wellen. Im Geröll und im Schlamm endeten auch Grabsteine und Urnen. Eine apokalyptische Szene im schönen Golfo Paradiso an der ligurischen Küste, nicht weit von Genua.

Besucher waren keine auf dem Friedhof, als passierte, was irgendwann hatte passieren müssen. Montags ist dieser Teil geschlossen. Seit einiger Zeit wagten sich viele Menschen aber ohnehin nicht mehr hin, um Blumen niederzulegen für ihre Lieben. Man wusste um den fragilen Boden unter dem spektakulär gelegenen Friedhof, erbaut vor mehr als 150 Jahren, letzte Ruhestätte von Seefahrern, Schiffsbauern und Fischern – von Menschen des Meeres.

«Ein solcher Felssturz ist nicht vorhersehbar»:  Helikopter-Bild der Absturzstelle in Camogli.
«Ein solcher Felssturz ist nicht vorhersehbar»: Helikopter-Bild der Absturzstelle in Camogli.
Foto: Vigili del Fuoco

Unter den Grabstätten erodierte die Erde schon länger. In den vergangenen Jahren peitschten oft Sturmfluten gegen die Felsen, wie man sie hier früher nicht erlebt hatte. Eine Folge des Klimawandels? Und dann regnete es in diesem Winter auch noch unablässig, zuweilen wochenlang. Der Bürgermeister von Camogli, Francesco Olivari, sagt dennoch: «Ein solcher Felssturz ist nicht vorhersehbar.»

Olivari, muss man dazu wissen, ist Geologe. Aber natürlich hatte auch er das Ereignis vorausgeahnt. Seit vergangenem Herbst wurde an der Festigung des Felsvorsprungs gearbeitet, der italienische Staat hatte eine Millionenhilfe gesprochen. Es ist ja nicht nur die Natur, die an der beliebten Küste nagt und zerrt. Jahrzehntelange Bauspekulation verheert die Gegend, die Bauten drücken mit Tonnenlast auf den brüchigen Boden, oft wurden auch Flussbetten zubetoniert, um mehr Platz für Immobilien zu schaffen.

Ölsperren für Särge

Camogli ist ein pittoresker, kleiner Ort mit bunten Häusern und einem alten Fischerhafen, der sich im Sommer jeweils mit Zweitwohnungsbesitzern aus Mailand und Turin und mit Touristen aus dem Ausland zu einer mittelgrossen Stadt aufpumpt.

Nun schwemmte es Särge in den hübschen Hafen, man stapelt sie auf dem Pier. Die Küstenpolizei legte sofort Ölsperren in den Golf, wie man sie jeweils nach Umweltkatastrophen für die Eingrenzung ausgelaufenen Öls einsetzt. Die Sperren sollen die Särge abfangen, die sonst aufs offene Meer treiben – mit den Gebeinen von Menschen, die ihr Leben auf See verbracht hatten.

25 Kommentare
    Leo Fritz

    Es ist schon sehr bemühend, wenn man sich als zahlender Tagi Abonnent erst ein 17 Sekunden langes Werbevideo anschauen muss, bevor man zum eigentlichen Info Video kommt.