Zum Hauptinhalt springen

Faktencheck zur SRF-«Arena»Ist der Vaterschaftsurlaub überfällig oder unnötig und teuer?

Die Befürworter wollen junge Familien unterstützen. Die Gegner sprechen von einer zusätzlichen Sozialversicherung, für die alle zahlen müssen. Wir haben 6 Aussagen überprüft.

Sah sich in der «Arena» mit kritischen Fragen konfrontiert: Bundesrat Alain Berset.
Sah sich in der «Arena» mit kritischen Fragen konfrontiert: Bundesrat Alain Berset.
Screenshot SRF

In der Schweiz besteht kein geregelter Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub. Einzelne Branchen oder Unternehmen sehen einen solchen vor, Dauer und Entschädigung dieser Urlaube variieren jedoch stark. Viele Väter erhalten bei der Geburt ihres Kindes ein bis zwei Tage frei.

Die Vorlage, über die wir am 27. September abstimmen, will das ändern. Sie fordert, dass alle Väter innerhalb von sechs Monaten ab Geburt ihres Kindes zwei Wochen bezahlten Urlaub beziehen können, bei Bedarf auch tageweise. Das erleichtert aus Sicht der Befürworter die Beteiligung des Vaters an der Betreuung des Kindes und entlastet die Mutter. Für die Gegner hingegen handelt es sich um eine teure neue Sozialversicherung, die kleine und mittlere Unternehmen belastet.

In der SRF-«Arena» diskutierten auf der Seite der Befürworter:

  • Alain Berset, Bundesrat und Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern
  • Andrea Gmür, CVP-Ständerätin
  • Adrian Wüthrich, Präsident der Gewerkschafts-Dachorganisation Travailsuisse

Gegen die Initiative stellten sich unter anderem:

  • Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes
  • Diana Gutjahr, SVP-Nationalrätin
  • Daniel Borner, Direktor des Arbeitgeberverbandes Gastrosuisse

«Die errechneten Kosten sind ein Plafond, kein Mittelwert. Sie könnten tiefer sein – höher aber nicht.»

Alain Berset, Bundesrat

Der Check:

Sie waren in der «Arena» immer wieder ein Thema: Die 230 Millionen Franken, welche bei zwei Wochen Vaterschaftsurlaub jährlich anfallen würden. Bei der Zahl handelt es sich um Berechnungen des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV). Allerdings ist die Zahl umstritten.

Das Bundesamt bezeichnete sie im Juli gegenüber der «Sonntagszeitung» als «eher vorsichtig». Der durchschnittliche EO-Tagessatz betrug im Jahr 2019 lediglich 124 Franken, viel weniger als die geschätzten 178,35 Franken. Ebenfalls grosszügig angesetzt sind die 91’000 neuen Väter pro Jahr, mit welchen das BSV rechnet. Im letzten Jahr kamen nämlich gemäss dem Bundesamt für Statistik nur rund 86’000 Kinder zur Welt. Zudem ist offen, wie viele der Väter den Vaterschaftsurlaub wirklich beziehen werden – und wieviele gleich 14 Tage am Stück. Demzufolge könnten die Kosten tiefer ausfallen als 230 Millionen Franken pro Jahr.

Es gibt aber auch ganz andere Rechnungen. Hans-Ulrich Bigler sprach in der Sendung von indirekten Folgekosten, die zusammen mit den effektiven Kosten bis zu 1,1 Milliarden Franken betragen könnten. Es gibt eine Regulierungsfolgenabschätzung, die der Bund im Rahmen einer anderen Vorlage erstellen liess für die indirekten Kosten zusätzlicher Urlaubstage. Diese Abschätzung, erstellt vom Büro BSS, geht von Folgekosten im Umfang vom Doppelten bis Vierfachen der direkten Kosten aus. Bigler stützte sich ausserdem auf eine Schätzung des KMU-Forums, einer ausserparlamentarischen Kommission des Staatssekretariats für Wirtschaft, die mit zusätzlichen, indirekten Kosten von 450 bis 900 Millionen Franken rechnet, verursacht etwa durch zusätzlichen Organisationsaufwand, eine Ersatzlösung für den Ausfall der Väter oder Überstunden anderer Mitarbeiter.

Demgegenüber müsste man aber auch die möglichen positiven Effekte eines Vaterschaftsurlaubs errechnen. In der Vorlage steht nichts von indirekten Kosten. Und welche Faktoren in der Praxis stärker sind, lässt sich aus heutiger Sicht schwer beurteilen.

Fazit:

Bundesrat Berset hat wahrscheinlich recht mit der Aussage, dass die Kosten höchstens 230 Millionen Franken pro Jahr betragen werden. Doch die Aussage kam sehr apodiktisch daher gerade vor dem Hintergrund der vielen Unbekannten.

«Bei 5000 Franken (Lohn) sind es immerhin 12.50 Franken, die ich im Monat für EO bezahle.»

Daniel Borner, Geschäftsführer Gastrosuisse

Der Check:

Betreffend der Kosten wurden in der «Arena» mehrere Zahlen genannt. So sprach Gastrosuisse-Direktor Borner von 12.50 Franken, die er als Arbeitgeber pro Monatslohn von 5000 Franken abliefern müsse. CVP-Ständerätin Andrea Gmür hingegen rechnete vor, der Vaterschaftsurlaub koste lediglich eine halbe Tasse Kaffee pro Monat, bei einem Medianlohn von 6500 Franken.

Was stimmt nun? Borner spricht von den EO-Abgaben insgesamt, während Gmür nur die Erhöhung beziffert, die durch den Vaterschaftsurlaub entsteht. Es stimmt also grundsätzlich beides.

Die gesamten EO-Abgaben betragen heute 0,45 Prozent, wovon Arbeitnehmer und Arbeitgeber je die Hälfte zahlen. In den nächsten Jahren wird der Satz voraussichtlich um 0,05 Prozent auf 0,5 Prozent erhöht. Über die Erhöhung entscheidet der Bundesrat, mit Blick auf die gesetzliche Regelung.

Die voraussichtliche Erhöhung um 0,05 Prozent wird allerdings nicht nur durch den Vaterschaftsurlaub, falls er an der Urne durchkommt, verursacht. 2021 tritt eine zweite sozialpolitische Vorlage in Kraft: das Bundesgesetz über die Verbesserung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenbetreuung.

Der EO-Abzug würde also künftig 0,5 Prozent betragen, das macht 5 Franken pro 1000 Franken Monatslohn und 25 Franken bei einem Lohn von 5000 Franken. Geteilt durch Arbeitgeber und -nehmer ergibt das die von Daniel Borner genannten 12.50 Franken.

Doch diese Angabe ist nicht vollständig. Fairerweise hätte Borner sagen müssen, dass nur der kleinste Teil dieser 12.50 Franken auf den Vaterschaftsurlaub entfallen würden, nämlich 2.50 Franken. Und auch dieser Betrag nicht vollständig, weil noch eine weitere Gesetzesvorlage die Erhöhung verursachen würde. Der grösste Teil der 12.50 Franken ist für Mutterschaftsurlaub, Militärdienst, Zivildienst und Zivilschutz.

«Wenn der Vater am Anfang zuhause ist, kümmert er sich auch später noch mehr um das Kind.»

Andrea Gmür, CVP-Ständerätin

Der Check:

Gmür hat recht. Verschiedene Untersuchungen in anderen Ländern zeigen, dass sich die Präsenzzeit gleich nach der Geburt langfristig positiv auf das väterliche Engagement auswirkt.

Etwa in Norwegen, wo es seit 20 Jahren eine vierwöchige für Väter reservierten Elternzeit gibt. Eine Studie der Universität Göteborg und des norwegischen Instituts für Sozialforschung kam zum Schluss: Eltern, die nach Einführung der Elternzeit ein Kind bekamen, stritten sich Jahre später deutlich weniger wegen der Haushaltspflichten und waren motivierter, die unbezahlte Arbeit egalitär aufzuteilen, als Eltern von Kindern, die noch vor der Elternzeit zur Welt kamen.

Eine umfassende Analyse zahlreicher Studien zum Thema gab 2016 die Eidgenössische Koordinationskommission für Familienfragen heraus. Das Fazit ist deutlich: Vaterschaftsurlaub oder Elternzeit führt zu einem grösseren familiären Engagement der Väter und zu einer stärkeren Vater-Kind-Beziehung. Je länger die Bezugsdauer des Urlaubs, desto wirksamer sind diese Effekte.

«Wir haben ganz andere Voraussetzungen (als andere Staaten). Wir sind ein Hochlohnland.»

Hans-Ulrich Bigler, Direktor Gewerbeverband

Der Check:

Bigler reagierte mit dieser Aussage auf den Vorwurf, die Schweiz stehe im internationalen Vergleich schlecht da. Klar ist: Wo Löhne und Preise hoch sind, da kostet auch ein Vaterschaftsurlaub mehr. Aber immer im Verhältnis. Die Unternehmen und Angestellten verdienen auch mehr.

Was Bigler meint: Wir müssten damit rechnen, Wettbewerbsvorteile zu verlieren, wenn wir unsere Produktionskosten verteuern, zu denen die Lohnnebenkosten dazugehören. Denn dadurch sinken entweder die Margen, also das, was für den Verkäufer übrig bleibt, oder aber die Preise steigen. Und damit verlieren wir, wie Bigler sagt, an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber internationalen Konkurrenten.

Auch wäre der Erwerbsersatz für den Vaterschaftsurlaub in der Schweiz mit 80 Prozent eher hoch. Andere Länder haben eine tiefere Vergütung, wie eine Übersicht auf der Basis der OECD-Daten ergibt, etwa Belgien, Frankreich und Grossbritannien.

Allerdings: Sozialwerke sind nicht bloss Kosten, sie haben immer einen gesamtgesellschaftlichen und indirekt auch einen wirtschaftlichen Nutzen. Mit einem Vaterschaftsurlaub würde der schweizerische Arbeitsmarkt attraktiver für Fachkräfte, und Familien könnten sich besser organisieren, was die Erwerbschancen der Mütter erhöhen und das inländische Fachkräftepotenzial mobilisieren könnte.

Ausserdem haben fast alle Länder ausser der Schweiz einen Vaterschaftsurlaub. Es ist also nicht so, dass die Schweiz sich mit einem Vaterschaftsurlaub international einen Nachteil verschaffen würde – eher ist sie heute ohne diese sozialpolitische Leistung - rein betriebsökonomisch betrachtet – im Nachteil.

Fazit:

Ja, wir sind ein Hochlohnland. Aber das spricht nicht gegen einen internationalen Vergleich, bei dem die Schweiz schlecht abschneidet. Das gab auch Bigler in der «Arena» zu.

«Nur 12 Prozent der Arbeitnehmenden, die einem GAV unterstehen, profitieren (heute) von einem Vaterschaftsurlaub.»

Adrian Wüthrich, Präsident Travailsuisse

Der Check:

Wüthrich bezog sich in der «Arena» auf Berechnungen des Gewerkschaftsverbands Travailsuisse, den er selbst präsidiert. Dieser untersuchte die Situation bei Arbeitnehmenden, die einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterstehen – das betrifft etwa die Hälfte aller Arbeitnehmenden in der Schweiz.

12 Prozent dieser Arbeitnehmenden haben einen GAV, der sechs Tage oder mehr Vaterschaftsurlaub garantiert. Auf diese Zahl bezieht sich Wüthrich wahrscheinlich. Hinzu kommen aber 30 Prozent, die immerhin fünf Tage beziehungsweise eine Woche frei haben und weitere 17 Prozent mit drei oder vier Tagen.

Die Frage ist, was Wüthrich unter dem Begriff Vaterschaftsurlaub versteht. Ist dieser wirklich erst gegeben, wenn er mindestens sechs Tage dauert? Das darf zumindest bezweifelt werden. Väter profitieren sicherlich von jedem Tag, den sie nach der Geburt ihre Kindes frei bekommen.

Ausserdem beziehen sich die Zahlen von Travailsuisse auf alle Arbeitnehmenden mit GAV, also auch die Frauen. Diese profitieren natürlich nicht vom Vaterschaftsurlaub, es sei denn, ihr Partner ist demselbem GAV unterstellt. Die von Wüthrich genannte Zahl ist also irreführend.

«Die Grossen, die Konzerne, können mit der Vorlage einen Teil ihrer Grosszügigkeit auf die Allgemeinheit abschieben.»

Diana Gutjahr, SVP-Nationalrätin

Der Check:

Die bekannten und sehr grosszügigen Beispiele betreffen die Grossen: Google bietet etwa 60 Tagen an, Novartis 90 Tage und Volvo sogar 120 Arbeitstage, was 24 Urlaubswochen entspricht.

Doch nicht nur Grosskonzerne bieten heute eine Papi-Zeit auf freiwilliger Basis an. Auch für viele KMU ist ein solcher heute selbstverständlich. Ihnen allen würde der Bund – und damit die Allgemeinheit – künftig einen Teil der Kosten abnehmen. Jene Unternehmen, welche heute keinen Vaterschaftsurlaub anbieten, hätten zwar keine Mehrkosten, aber einen unerwünschten Mehraufwand wegen der Organisation.

Fazit: Unternehmen, die heute schon grosszügig sind, würden künftig entlastet. Sie deshalb als Profiteure darzustellen, ist aber falsch. Denn sie sind es, die jahrelang freiwillig Leistungen erbringen zugunsten der Angestellten. Falsch oder zumindest unvollständig ist die Aussage, dass es «Grosskonzerne» sind, die ihre Kosten «abschieben» könnten. Es betrifft auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) – und diese sind das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft.