Zum Hauptinhalt springen

Porträt Marco ChiesaIst der neue SVP-Chef mehr als ein Klischee?

Nahe bei den Leuten wolle er sein, sagt Marco Chiesa, der designierte SVP-Präsident. Der Tessiner ist ein Parteisoldat, wie ihn sich Christoph Blocher nicht schöner ausmalen könnte.

Er will seinen Kindern eine «freie und selbstbestimmte» Schweiz hinterlassen. Marco Chiesa, der designierte Präsident der SVP.
Er will seinen Kindern eine «freie und selbstbestimmte» Schweiz hinterlassen. Marco Chiesa, der designierte Präsident der SVP.
Foto: Samuel Schalch

Seine Kinder spielen im Garten, zwei Tessiner Freunde trinken ein Glas Wein, seine Frau räumt den Tisch ab und serviert einen Espresso. Marco Chiesa fühlt sich wohl hier oben auf der Lenzerheide, wo er seine Ferien verbringt. Die Costini seine Lieblingsspeise liegen noch etwas schwer im Magen, der Wein beschert ihm eine leichte Rötung im Gesicht, die Stimmung ist aufgeräumt, unbeschwert. Die langen Abende im Rössli oder im Sternen im Zürcher Hinterland, all die Mühseligkeiten, die ein Amt als Parteipräsident mit sich bringt sie sind noch weit weg. La vita è bella.

Das Bild des entspannten Südländers Wein, Costini, Espresso –, es entspricht ziemlich genau den Vorstellungen (den Klischees) der Deutschschweizer Journalisten. Und jenen der Deutschschweizer Parteikollegen. Chiesa erinnere ihn etwas an die verstorbene Schlagersängerin Nella Martinetti, erzählte SVP-Nationalrat Christian Imark dem «Blick». «Mit seiner gutmütigen Art und dem Tessiner Akzent könnte er zum Sympathieträger avancieren.»

Zurückgegelte Haare, verspiegelte Sonnenbrille

Innerhalb der Partei hatte der Tessiner Ständerat bisher einen nationalen Auftritt und auch der war nicht frei von klischierten Vorstellungen. In der ersten Episode des aufwendig produzierten und etwas wirren SVP-Wahlkampffilms 2019 überlegt die Deutschschweizer Parteielite, wem man einen nicht näher definierten «Geheimplan» anvertrauen könnte. Einem Tessiner vielleicht?

Auftritt Chiesa. Zurückgegelte Haare, verspiegelte Sonnenbrille. «Ciao Marco!», ruft eine Blondine von einem Balkon herunter, «la tua Pizza!» Worauf Chiesa seinen Posten sofort verlässt. Einer Pizza kann ein Tessiner nicht widerstehen. Für einen vertrauensvollen Job in der Partei: völlig ungenügend.

Bis gerade eben. Noch im November, so schrieb es die «NZZ am Sonntag» auf, schwärmte Christoph Blocher von einem Tessiner Ständerat namens «Iniesta»; nun soll Iniesta/Chiesa ab Ende August die grösste Partei des Landes führen.

Raketenstart. Und wer ist dieser Tessiner Politiker nun? Abseits der Klischees und Namensverwechslungen?

Marco Chiesa quittiert die Frage mit einem Lachen. Es ist nicht das laute, joviale Gegluckse eines Toni Brunners es ist ein gelöstes, leicht verschmitztes Lächeln. Sympathisch, angenehm, nicht aufgesetzt und ja, auch ein wenig ansteckend. Er sei ein flotter Kamerad, sagt FDP-Ständerat Josef Dittli aus dem Nachbarkanton Uri. Mit dem Marco könne man nach einem langen Sessionstag gut ein Bier trinken, erzählt SVP-Nationalrat Lukas Reimann. Die Zusammenarbeit mit ihm sei gut, der Umgang korrekt und angenehm, sagt SP-Politikerin Marina Carobbio, die mit ihm den Kanton Tessin im Ständerat vertritt.

Familienvater, Tessiner

Und was sagt er selber?

«Ich bin Familienvater und Tessiner.» Das sei keine Marketingstrategie in eigener Sache. Er sei halt ein geselliger Typ, der gerne «nah bi de Lüt isch». Es bleibt sein einziger Mundartbrocken während des langen Gesprächs auf 1350 Metern über Meer begleitet von vielen Espressi und einigen Zigaretten.

Chiesa spricht ein leicht gebrochenes Hochdeutsch, gut verständlich, «Arena»-tauglich. Doch er müsse noch besser Deutsch lernen, sagt der 45-Jährige in Richtung seiner Frau, die er als seine «Miss Schweiz» bezeichnet und die aus Meiringen stammt. Er habe lange gezögert, die Herausforderung Parteipräsidium anzunehmen, auch weil er im Deutschen zu wenig zu Hause sei. Nun nehme er Unterricht und übe im persönlichen Umfeld.

Er kann auch anders

Chiesa hatte eigentlich schon abgesagt für das Präsidium, im Februar, nun hat ihn die Findungskommission überzeugen können. Er hat seinen Job als Altersheimleiter aufgegeben, hat jetzt mehr Zeit, ist topmotiviert. Das Präsidium möchte er, weil er seinen Kindern eine «freie, selbstbestimmte und unabhängige Schweiz hinterlassen» will. Es tönt wie ein Werbeslogan der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz, deren Vizepräsident er ist.

«Ich teile viele Meinungen und Positionen von Christoph Blocher.»
«Ich teile viele Meinungen und Positionen von Christoph Blocher.»
Foto: Samuel Schalch

Chiesa sieht diese «freie Schweiz» gefährdet durch die vielen Einwanderer, die den Leuten die Jobs wegnehmen würden. Der nette Tessiner er kann auch anders. Der Kampf gegen die Personenfreizügigkeit, das ist sein liebster politischer Inhalt. Im Ständeratswahlkampf vom vergangenen Herbst, bei dem er den langjährigen CVP-Ständerat Filippo Lombardi überraschend deutlich vom Thron kippte, war das sein Thema. «Die negativen Auswirkungen erleben wir hier im Tessin täglich, die Löhne sind unter Druck, der Anteil der Bevölkerung, der Armut riskiert, ist auf 30 Prozent gestiegen». Der gefährdete Arbeitsmarkt ist ihm dabei wichtiger als der Dichtestress, den sie in der Deutschschweiz oft beklagen.

Ist das eine leise Kritik an Christoph Blocher, der die Zubetonierung der Schweiz, die Staus und die vollen Züge oft als Argumente gegen die Personenfreizügigkeit ins Feld führt? Es seien halt nicht alle SVPler im Tessin «Blocherianer» sagt Chiesa, relativiert aber gleich wieder: «Ich teile viele Meinungen und Positionen von Christoph Blocher.» Ist er nun sein Sprachrohr oder nicht? Sicher nicht, sagt Chiesa. Seit er im Gespräch fürs Präsidium sei, habe er nicht einmal direkten Kontakt mit ihm gehabt. Dafür tausche er sich des Öfteren mit Magdalena Martullo-Blocher aus. Die Blocher-Tochter besitzt wie Chiesa ein Ferienhaus auf der Lenzerheide. La vita è bella.

Ein sozialer Touch?

Chiesa, das macht ein Blick auf seine bisherige politische Karriere deutlich, ist selten mit einer Meinung abseits des SVP-Mainstreams aufgefallen. «Er ist politisch auf Linie, manchmal hat er einen etwas ausgeprägteren sozialen Touch als die Mehrheit der SVP», sagt Lukas Reimann.

Fünfzehn Jahre lang leitete Chiesa, der einen Master in Gesundheitsökonomie hat, ein Alterszentrum mit über 80 Mitarbeitern. Seine Mitmenschen und deren Wohlergehen seien ihm sehr wichtig, sagt er, und sein Beruf habe ihn sicher geprägt. Doch von Kritik an der Parteilinie ist auch in diesem Bereich nichts zu hören. Viel lieber gibt er typische Parolen zum Besten: «Wir müssen jetzt die AHV retten, bevor wir schon wieder über neue Leistungen diskutieren können.»

Der perfekte Parteisoldat. Freundlich, immer lächelnd, immer auf Linie.
Der perfekte Parteisoldat. Freundlich, immer lächelnd, immer auf Linie.
Foto: Samuel Schalch

Chiesa ist der perfekte Parteisoldat. Freundlich, immer lächelnd, immer auf Linie. «Man kann tatsächlich mit ihm diskutieren, aber das bedeutet nicht, dass er nicht stramm rechts wäre», sagt die Grüne-Nationalrätin Greta Gysin, die Chiesa aus ihrer gemeinsamen Zeit im Tessiner Grossen Rat kennt. Hervorgetan hat sich Chiesa während dieser Zeit als guter Wahlkämpfer mit einem Gespür für Symbolpolitik. Dank ihm ist die Schweizer Hymne Pflichtstoff an Tessiner Primarschulen, dank ihm musste das nationale Parlament darüber befinden, ob Bundesräte zwei Nationalitäten haben dürfen (sie dürfen).

Viel Substanz ist da noch nicht. Während seiner Zeit als Nationalrat (von 2015 bis 2019) sass er in der Aussenpolitischen Kommission und meldete sich da höchsten zwei-, dreimal zu Wort. «Definitiv kein Schwergewicht», wie ein APK-Mitglied sagt.

Eine Projektion, mit Inhalt zu füllen

Sein dürftiger Leistungsausweis in Bern, seine relative Unbekanntheit in der Deutschschweiz muss nicht zu seinem Nachteil sein. Chiesa ist unverbraucht, eine Projektion, die man mit Inhalt füllen kann. Auch Toni Brunner oder Albert Rösti, seine Vorgänger, hatten als Nationalräte nicht die grossen Erfolge vorzuweisen. Dafür wurden alle auch Chiesa durch die politische Ochsentour in ihren Kantonen gestählt. Brunner wie auch Chiesa haben ihre regionale SVP stark geprägt und entscheidend zu deren Wachstum beigetragen.

«Hingabe ist wichtig», sagt Chiesa dazu, und als Parteipräsident stehe er ja nicht über den Leuten, sondern wolle gemeinsam mit ihnen etwas erreichen. Aber auf ein Alleinstellungsmerkmal, seinen «unique selling point», macht der Tessiner dann doch gerne noch einmal selber aufmerksam: «Ausser mir werden alle anderen Parteipräsidenten aus der Deutschschweiz kommen, das spricht doch für eine lateinische Kandidatur.»