Zum Hauptinhalt springen

Frische Luft gegen CoronaIns Offene

Zunächst erfolgte der Rückzug ins eigene Heim, jetzt gilt es, den öffentlichen Raum wieder zu erobern. Zwischen Drinnen und Draussen entstehen dabei gerade neue Übergänge. So sollte es weitergehen.

Mehr Tische draussen, flanieren, einkaufen – der öffentliche Raum wird wieder bevölkert.
Mehr Tische draussen, flanieren, einkaufen – der öffentliche Raum wird wieder bevölkert.
Foto: Urs Jaudas

Was ist besser: drinnen oder draussen? Nach Monaten der Bewältigung der Pandemie wird das Verhältnis beider Sphären gerade neu verhandelt. In der Phase des härteren Lockdown galt die Welt da draussen als Gefahr. Alles ging «home». Der öffentliche Raum war, soweit es ging, entleert, es wurde sogar sein Ende beschworen. Die Entvölkerung zuvor belebter Orte wurde zum Sinnbild der weltweiten Krise.

Doch je mehr vorsichtige Begegnungen es jetzt zwischen Menschen aus verschiedenen Haushalten gibt – und je mehr man über die unsichtbaren Übertragungswege des Virus weiss –, desto mehr verkehrt sich das: Nun lauert das Risiko im Inneren. Laut einer japanischen Studie soll die Ansteckungsgefahr dort 19-mal höher sein. Schutzräume werden zu Angsträumen.

Nun folgt die Welt dem Merkspruch des diesjährigen Hölderlin-Jahres: «Komm! ins Offene, Freund!» – womit sowohl die frische Luft gemeint ist als auch die ungewisse Zukunft. Ein Nachbar sucht sich mit immer längeren Fahrradtouren abzureagieren. Ein Kindergarten verlegt die Bastelstunde in den Garten. Eine Saxofonlehrerin unterrichtet auf ihrem Balkon. Ein Restaurant schafft einen erweiterten Aussenbereich mit Tischen auf der Strasse, wo vorher Parkplätze waren; das sieht wunderbar südländisch aus.

Die grelle Wirklichkeit

Ein ganz unbeschwertes Flanieren bietet der Gang aus der Wohnung bei vielen natürlich noch nicht, eher ein Herumtasten. Wir nähern uns dem städtischen Leben wie lange Gefesselte aus Platons «Höhlengleichnis», denen die Wirklichkeit ausserhalb des Gefängnisses noch zu grell und blendend erscheint. Manche eingeschlafenen Bedürfnisse müssen überhaupt erst neu geweckt werden. Trotzdem spürt man erneut, dass im Freien auch auf Abstand urbanes Dasein möglich ist, ja, die Distanznahme zwischen den Passanten war immer schon die Voraussetzung einer kollisionsfreien modernen Stadt. So entdecken wir nun wieder, was wir an Plätzen, Strassen und Parks haben, die nicht bloss zweckdienlich, sondern auch schön und grosszügig angelegt sind.

Auch der Innenraum verändert sich: Er wird durchlässiger. Je mehr es zieht im Café, Büro oder Versammlungslokal, desto besser, und lieber kriegt ein Opa mal einen steifen Nacken als die Lungenkrankheit. Der alte Streit zwischen Lüftern und Nichtlüftern ist entschieden. Fenster und Türen müssen möglichst viel offen stehen, damit sich Aerosole verflüchtigen. So vermengen sich Drinnen und Draussen auch akustisch, es entstehen neue Übergänge und Öffnungen in den Stadtraum hinein.

Wenn es vorübergehend lauter würde in den Städten, wäre das zu verschmerzen.

Diese Wege müssen wir nun noch mutiger beschreiten, damit die Seuche weiter eingedämmt und der öffentliche Raum weiter erobert werden kann. Behördliche Beschränkungen und übliche Regeln haben da zurückzustehen, und man könnte noch kreativer werden: Warum nicht allerlei Sitzungen, Messen, Konzerte an die freie Luft verlegen? Warum nicht mehr offene Pavillons und Partyzelte aufstellen? Wenn es vorübergehend lauter würde in den Städten, wäre das zu verschmerzen. Und wenn es wieder kälter wird, ziehen wir uns dicker an, wärmen uns zu Hause auf und hoffen, das Virus über den Winter vielleicht doch noch in den Griff zu kriegen.

3 Kommentare
    Rolf Helbling

    Wenn es vorübergehend lauter würde in den Städten, wäre das zu verschmerzen - abgesehen von den Leuten, die genau dort wohnen, die nervt es wahrscheinlich.