Unsere #MeToo-Maria

Hure? Heilige? «Mary Magdalene» erzählt die Geschichte von Jesus aus der Sicht seiner Begleiterin – verkommt allerdings zur Sonntagspredigt.

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War Maria Magdalena die Geliebte von Jesus, vielleicht gar seine Ehefrau? War sie eine Prostituierte, die zuvor viele andere Männer hatte und dann moralisch geläutert wurde? Alles Blödsinn, behauptet der Hollywoodfilm «Mary Magdalene», dabei handle es sich um eine Geschichtsklitterung, die bereits früh begann. Und präsentiert seine Titelfigur als weibliches Gewissen der Weltreligion.

Maria wächst in Magdala auf, wohlbehütet unter Fischern. Sie hat früh ihre Mutter verloren, ist eigenständig, stark und scheint auch heilende Gaben zu besitzen. Es sei endlich Zeit zum Heiraten, findet ihr Vater eines Tages, und präsentiert auch gleich einen Witwer, der eine neue Mutter für seine Kinder braucht. Sie aber hört diesen Prediger am See Genezareth. Und beschliesst, trotz heftigem Widerstand der Familie, ihm zu folgen. Als erste Frau.

Trailer zum neuen Maria-Film mit Rooney Mara.

Es ist sicher keine schlechte Idee, die Jesus-Geschichte aus weiblicher Sicht neu zu erzählen, in den Zeiten von #MeToo könnte es wirklich der richtige Film zur richtigen Zeit sein. Denn natürlich leidet Maria unter männlichen Machtmanipulationen, die den Aposteln nicht fremd sind – auch du, Petrus! Sie aber lässt sich nicht unterkriegen, stellt ihre Frau und spricht laut, wenn es Wahrheiten zu verkünden gibt. Wie diejenige, dass das neue Reich, von dem Jesus erzählte, nicht draussen im zu stürzenden Römerstaat zu finden ist. Sondern drinnen in uns allen.

Viel Wasser, viele Schleier und der Mond

Diese Botschaft umgesetzt hat der australische Regisseur Garth Davis, der mit seinem Erstling «Lion» (indischer Bub sucht seine Elternfamilie) Erfolge feierte. Seine Maria-Geschichte erzählt er unter Aufbietung vieler Mittel, die gern als weiblich gelten: Er setzt ständig Schleier und Weichzeichner ein. Die Wassersymbolik ist allgegenwärtig, der Film beginnt mit dem Gleichnis vom Senfkorn, das mit Maria als Taucherin erzählt wird. Später wird im See getauft und geweint. Der Mond kommt ebenfalls zum Einsatz: Wenn Maria neben Jesus liegt, ganz unschuldig selbstverständlich, gibt es eine Grossaufnahme ihres Gesichts, das in eine Kraterlandschaft auf dem Erdtrabanten übergeht.

Das Problem: Auch dieser Maria-Film kann die Bibel nicht neu erfinden. Und so hacken wir die bekannten Stationen ab: die Heilung des Lazarus, der Einzug in Jerusalem, der Verrat durch den – sonst überaus sympathischen – Judas. Das hat Martin Scorsese bereits vor drei Jahrzehnten mit mehr Verve in «The Last Temptation of Christ» erzählt. Und Mel Gibson 2004 in «The Passion of the Christ» mit mehr heiliger Durchschlagskraft.

Vielleicht liegt es auch an Jesus: Joaquin Phoenix spielt ihn mit dem gleichen Vollbart und der gleichen Mischung zwischen Zärtlichkeit und Wut wie in seinem vorangehenden Film als Killer in «You Were Never Really Here». Er wirkt zu alt für den 33-jährigen Jesus (in Wirklichkeit ist er 43), und der Funke zu Maria will nicht so richtig springen. Das ist etwas verwunderlich, denn sie wird von Rooney Mara gespielt, die beiden sind auch im richtigen Leben ein Paar.

Wegen Harvey Weinstein vorläufig kein US-Start

Die ehemalige Lisbeth Salander aus «The Girl With the Dragon Tattoo» macht ihre Sache ansonsten tadellos, und es finden sich mit Tahar Rami (bekannt aus «Un prophète»), Chiwetel Eijford («12 Years a Slave») und Ariane Labed interessante Gesichter aus dem Weltkino an ihrer Seite. Die Musik stammt aus Island von Hildur Guonadóttir und dem kürzlich verstorbenen Jóhann Jóhannsson. Alles wunderbar. Aber als Paket wird es, je länger die Predigt, Pardon, der Film dauert, immer langweiliger.

Apropos Weltkino: «Mary Magdalene» kommt auf der ganzen Welt zu Ostern ins Kino, in der Schweiz schon am 15. März. Auf der ganzen Welt? Nein, in den USA geriet ausgerechnet die #MeToo-Maria in den Skandal um Harvey Weinstein, der den Film im Verleih hatte. Jetzt ist er heimatlos, und niemand weiss, wann er dort zu sehen sein wird. Nun gut, keine Geschichte ist so zeitlos wie diese.

«Mary Magdalene»: ab Donnerstag 15. März im Kino (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 17:07 Uhr

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