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Nachruf auf Carlos Ruiz ZafónIn seinen Leselabyrinthen konnte man sich rettungslos verlieren

Der Spanier ist 55-jährig gestorben. Mit Romanen wie «Der Schatten des Windes» wurde er zum erfolgreichsten Autor seines Landes seit Cervantes.

Schwarze Brille, schwarzer Blick in die Zukunft: Carlos Ruiz Zafón, 2017 bei seinem Besuch in Zürich.
Schwarze Brille, schwarzer Blick in die Zukunft: Carlos Ruiz Zafón, 2017 bei seinem Besuch in Zürich.
Foto: Dominique Meienberg

Das St.-Ignatius-Kolleg in Barcelona ist ein imposantes Gebäude aus rotem Backstein. Hier ging Carlos Ruiz Zafón zur Schule, und auf den kleinen Carlos muss der Klotz aus dem späten 19. Jahrhundert wie ein gotisches Schloss mit Geheimgängen, Falltüren und finsteren Verliesen gewirkt haben. Denn die vier Bücher, die ihn berühmt und reich gemacht haben, die Tetralogie vom «Friedhof der vergessenen Bücher», leben von der Atmosphäre, die Erinnerung und Fantasie zu einer Mischung ganz eigener Art zusammengerührt haben.

Vor allem der erste der vier Romane, «Der Schatten des Windes», setzte den Ton: Da wird der zehnjährige Daniel von seinem Vater, einem Buchhändler, in eine labyrinthische Bibliothek im Herzen Barcelonas geführt, eines Barcelona der Gaslaternen, das zwischen historischem «barrio gótico» und «gothic novel» oszilliert, und erhält ein geheimnisvolles Buch in die Hand gedrückt, das sein Leben prägen wird.

In der Folge entwickelt sich eine atemberaubende, aber auch haarsträubende Story um Fantastisches und Reales, ätherische Frauen und finstere Schurken, Entzifferungsanstrengungen und Verfolgungsjagden – alles unter dem bleiernen Dach der Franco-Diktatur, deren Terror jeglichen Gothic-Grusel übertrifft. «Der Schatten des Windes», 2001 erschienen und in über 40 Sprachen übersetzt, versetzte Millionen Menschen auf aller Welt in einen veritablen Leserausch, das Buch war das erfolgreichste in spanischer Sprache seit Cervantes’ «Don Quijote» (wenn auch nicht das beste).

Ausschlachtung des Erfolgsrezeptes

Zafón, der als Werbetexter begonnen hatte, 1993 von seiner Geburtsstadt Barcelona nach Los Angeles übersiedelte und dort vor allem Filmdrehbücher (und eine Jugendroman-Trilogie) schrieb, war fortan ein Bestsellergarant, um den sich die Verlage rissen (in Deutschland zahlte S. Fischer für den Nachfolger «Spiel des Engels» drei Millionen Euro Vorschuss). Die folgenden Bände, alle übrigens übersetzt vom Zürcher Peter Schwaar, wurden immer länger und quetschten das Erfolgsrezept «Schauder+Fantasy+Literaturkult+Franco+Barcelona» immer ungenierter aus.

Zafón plünderte die Hochliteratur von Dante bis Lewis Carroll ebenso wie Trivialquellen, kopierte García Márquez und Umberto Eco und banalisierte Jorge Luis Borges, den eigentlichen Erfinder der labyrinthischen Bibliothek. Aber der Mann, der auch komponierte, war ein so raffinierter Plotbauer, dass es auch dem kritischsten Kopf schwerfiel, eines seiner Bücher, einmal darin gefangen, aus der Hand zu legen. In Zafóns Leselabyrinthen konnte man sich rettungslos verlieren.

2017 stellte er im Zürcher Kaufleuten den Schlussband seiner Tetralogie vor, «Das Labyrinth der Lichter», noch einmal fast 1000 Seiten. In einem Interview mit dieser Redaktion äusserte er sich skeptisch über seine Wahlheimat USA und prophezeite der Menschheit Fürchterliches: «Der Homo sapiens neigt zur Faktenallergie, deshalb droht uns die Hölle.» Jetzt ist Carlos Ruiz Zafón im Alter von 55 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.