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Der PollerIn diplomatischen Nöten

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann bekommt immer wieder Beschwerdeschreiben aus der Türkei. Wie er in diese missliche Lage geraten ist.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist auf den Namen Martin Erdmann nicht gut zu sprechen.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist auf den Namen Martin Erdmann nicht gut zu sprechen.
Foto: Keystone

Aus diplomatischen Überlegungen äussere ich mich nur selten dazu. Ich bin Teil eines internationalen Konflikts. Um zu erklären, wie es dazu kam, muss ich etwas ausholen. Alles begann in einem kalten Dezember Mitte der 80er-Jahre. Es war ein Monat, in dem sich die Ereignisse überschlugen. Flavio Cotti und Arnold Koller wurden in den Bundesrat gewählt, das Schweizer Stimmvolk lehnte die Erhöhung der Gebühren für den Schwerverkehr ab, und in einem Zentralschweizer Spital erblickte ich das Licht der Welt. Um mir künftig Haushaltsarbeiten unmissverständlich übertragen zu können, hielten es meine Eltern für das Beste, mir einen Namen zu geben. Bald darauf putzte ich als Martin Erdmann einmal wöchentlich das heimische Treppenhaus, ohne zu ahnen, dass mich dieser Name Jahre später mitten in das aufgeladene Spannungsfeld zweier Staaten stossen wird.

Mein Nachname ist eher im norddeutschen Raum gebräuchlich und kommt in der Schweiz selten vor. Über lange Zeit war ich sogar der einzige Martin Erdmann des Landes. Kein Wunder glaubte ich deshalb, ein exzeptionelles menschliches Wesen zu sein. Doch plötzlich wurde dieses Gefühl erhabener Einzigartigkeit zerschmettert. Es geschah 2015 im vorderasiatischen Anatolien. Die deutsche Regierung entsandte ihren neuen Botschafter für die Türkei nach Ankara. Sein Name: Martin Erdmann. Mein Leben sollte sich schlagartig ändern.

Um die deutsch-türkische Freundschaft stand es nicht immer zum Besten. So wurde mein Namensvetter am Bosporus in seiner Amtszeit während mehreren Monaten nicht mehr zu türkischen Regierungsstellen vorgelassen und über zwanzigmal vom Aussenministerium einbestellt. Auch wütende Meinungen aus der Bevölkerung musste Botschafter Erdmann entgegennehmen. Unglücklicherweise landeten die aus Unachtsamkeit der Absender gelegentlich bei mir. Während den letzten fünf Jahren wurde mir auf der beliebten Beleidigungsplattform Twitter immer wieder mitgeteilt, dass ich nichts gegen die Macht von Präsident Erdogan ausrichten könne.

So wurde ich also zum unfreiwilligen Player in einem zwischenstaatlichen Zwist. Aus Liebe zum Weltfrieden, aber auch aus zeitlichen Gründen, habe ich es stets unterlassen, mich aktiv in die diplomatischen Beziehungen der beiden Länder einzumischen. Nun hat sich die Situation aber drastisch verändert. Seit Juli ist Botschafter Erdmann nicht mehr im Amt und hat dadurch seine diplomatische Immunität verloren. Was also, wenn der türkische Staat plant, an Ex-Botschafter Erdmann ein Exempel zu statuieren und ihn in einer Zelle verschwinden lassen will? Was, wenn es dabei aus Unachtsamkeit erneut zu einer Verwechslung kommt und ich stattdessen eingekerkert werde?

Ich suchte also nach Lösungen, um mich von den Tiefen des türkischen Justizsystems schützen zu können. Beim kantonalen Zivilstands- und Bürgerrechtsdiensts wurde ich fündig. Dort ist nämlich die Abteilung Namensänderungen angesiedelt. Zwar habe ich mich an meine Bennenung über die Jahre gewöhnt, doch um einer ungewissen Zukunft in Gefangenschaft des Erdogan-Regimes zu entgehen, würde ich sie wechseln. Das ist jedoch eine kostspielige Angelegenheit. Ein komplett neuer Name kostet 900 Franken. Ich könnte mir aber vorstellen, dass mein Arbeitgeber den Betrag übernehmen wird. Schliesslich würde es bestimmt die Auflage steigern, wenn an dieser Stelle künftig beispielsweise ein Barack Obama oder ein Robert De Niro schreibt.

Der «Bund»-Redaktor hofft, durch einen Namenswechsel künftig keine Treppenhäuser mehr putzen zu müssen.

1 Kommentar
    Heinz Heiniger

    Herrlich. Der Text erinnert an die Unbeschwerdheit der Tragik von „mein Name ist Eugen“. Eigentlich wollte ich „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ nennen, aber dann doch lieber die Namensänderung beantragen.