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Weinmarkt Schweiz und die Covid-KriseIn die Weingläser kommen vermehrt einheimische Tropfen

Die Schweizer Winzer befürchteten einen Absatzeinbruch wegen der Corona-Krise. Doch vor allem die Produzenten in der Deutschschweiz können aufatmen. Weine aus der Region erleben ein Hoch.

Die Weinlager füllen sich: Holzfässer am  Coop-Produktionsstandort in Pratteln.
Die Weinlager füllen sich: Holzfässer am Coop-Produktionsstandort in Pratteln.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

«Eine kuriose Lage» nennt es Roland Müller. Hätte man den Winzer aus dem Zürcher Weinland noch im Frühsommer gefragt, wie sich sein Geschäft entwickeln werde, hätte er ein Klagelied angestimmt. Wegen Corona landauf, landab alle Grossanlässe abgesagt, die Gastrobranche im Schleichgang: Wer sollte denn die roten und weissen Tropfen trinken, die in diesem Frühsommer noch in ihrem Naturzustand an den Weinstöcken hingen, während in den Weinkellern noch immer die Ernten der zwei vorausgegangenen Jahre lagerten?

Verschiedene Weinkellereien, unter ihnen die grosse Weinkellerei Rutishauser im Thurgau, orientierten die Winzer, dass sie die Ernte 2020 nur in reduziertem Masse einkaufen würden.

Kleinere Ernte wegen des heissen Sommers

Für Roland Müller wie auch seine Winzerkollegen und -kolleginnen in der Deutschschweiz ist die Sache glimpflich abgelaufen. Das hat mehrere Gründe: Die diesjährige Ernte ist wegen des heissen Sommers kleiner als erwartet ausgefallen. Und Grossverteiler wie Coop mit eigenen Weinkellereien sind in die Bresche gesprungen. Das führte zwischen Bodensee und Schaffhausen bei einzelnen Winzern sogar dazu, dass sie mehr Trauben hätten liefern können, weil die Nachfrage nach der qualitativ guten Ernte grösser als das Angebot war. Rund ein Drittel des Weinangebots bei Coop stamme aus der Schweiz, erklärt ein Sprecher. Bei den verkauften Weissweinen sind es zwei Drittel.

Christoph Schwegler, Geschäftsführer der Zürcher Staatskellerei, die zur Mövenpick-Gruppe gehört, spricht gar von einem «sehr erfolgreichen Jahr für Mövenpick». Der Umsatz liege deutlich über den Vorjahreszahlen.

Beat Kamm, Präsident des Branchenverbands Zürcher Wein, konstatiert eine deutliche Fokussierung auf regionale Produkte sowohl im Detailhandel wie auch im Gastrobereich. Auch die Umsätze im Privatgeschäft hätten sich sehr gut entwickelt – eine Beobachtung, die auch von Winzern in anderen Landesgegenden bestätigt wird. «Wir haben von der plötzlichen Vorliebe der Kunden für regionale Produkte stark profitiert», tönt es auch bei Schwegler.

10 Prozent mehr Schweizer Wein abgesetzt

Michael Balmer, Mitglied der Geschäftsleitung der Weinkellerei Rutishauser, spricht davon, dass die Absätze von Schweizer Weinen im Vergleich zum Vorjahr um 10 Prozent zugenommen hätten. Dies, so Balmer, sei möglich geworden dank der Zusammenarbeit der Grossverteiler und der Swiss Wine Promotion, die im Auftrag der Branche das Marketing betreibt.

Entspannung in der Deutschschweiz, weiterhin Anspannung dagegen in der West- und der Südschweiz, wo der allergrösste Teil des Schweizer Weinanbaus stattfindet. Der Ruf nach staatlicher Hilfe ertönt seit dem Lockdown. Westschweizer Winzer drängen darauf, dass ausländischer Wein mit Zöllen belegt werden. Ausländische Weinproduzenten, die gleichfalls unter der Corona-Krise litten, erhielten offene und versteckte Subventionen, um im Ausland Absatzmärkte zu erobern.

«Es reicht nicht mehr, lediglich einen ausgezeichneten Tropfen zu keltern, um den Absatz zu sichern.»

Alexandre Mondoux, Ökonom

Alexandre Mondoux, Ökonom an der Westschweizer Fachhochschule und an der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Changins in Nyon, hat das Trinkverhalten der Konsumenten in diesem Frühjahr untersucht. Danach haben 65 bis 70 Prozent der Westschweizer und Tessiner angegeben, dass die vermehrte Konsumation von lokalen Weinen begrüssenswert sei. In der Deutschschweiz waren es übrigens nur 26 Prozent. Empfehlung des Ökonomen und Önologen Mondoux an die Winzer am Genfersee und im Wallis: Mehr auf die Konsumenten zugehen mit personalisierten Angeboten und Veranstaltungen. «Es reicht nicht mehr, lediglich einen ausgezeichneten Tropfen zu keltern, um den Absatz zu sichern.»

Waadtländer Weinkeller bieten Onlinereservationen an

Bei den Waadtländern ist das auf offene Ohren gestossen. Seit dieser Woche gibt es während eines halben Jahres die Aktion «Offener Weinkeller à la carte». Weininteressierte aus der ganzen Schweiz können sich einen Termin in einem Weinkeller reservieren lassen. Auch gibt es Ermässigungen beim Weinkauf. Unterstützt wird die nach Meinung von Weinkennern aussergewöhnliche Aktion von den Waadtländer Tourismusbehörden.

Einen Sonderweg haben die Kellermeister der Stadt Lausanne eingeschlagen: Im September boten sie den Gastronomiebetrieben auf Stadtboden ihre Flaschen zum halben Preis an. Was Wirte und ihre Gäste freute, sorgte bei einem Teil der Waadtländer Weinbauern für lautstarken Ärger. Lausanne betreibe einen unfairen Wettbewerb. Die Stadt wies die Vorwürfe kategorisch zurück. Man habe nur gemacht, was auch private Anbieter in der Covid-Krise gemacht hätten.

Ob die Rückbesinnung auf einheimisches Schaffen aus Westschweizer Kellern auch in der Deutschschweiz, dem bedeutendsten Absatzgebiet des Landes, vermehrt gehört wird, ist offen. Der Zürcher Winzer Beat Kamm erklärt, dass die Waadtländer, Genfer und Walliser Hersteller in der deutschsprachigen Region nicht mehr als lokale Produzenten gesehen werden. «Man kann dies schon seit längerem beobachten», so Kamm.

2 Kommentare
    Reto Schreiber

    Seit sogar vereinzelt Tempanillo Trauben in der Schweiz gekeltert werden, besteht wohl kein Zweifel mehr, dass wir inzwischen ein geeignetes Klima für Weinbau haben. Weine um die halbe Welt verschiffen? Wozu?