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Analyse zum Georgia-TelefonatIn den Abgrund mit Donald Trump

Der jüngste Druckversuch des Präsidenten ist ebenso korrupt wie bizarr. Befremdlich ist, wie viele Republikaner ihm in seinem Wahn immer noch folgen.

Keine Grenzen: Donald Trump muss das Weisse Haus am 20. Januar räumen – aber er wehrt sich weiterhin gegen seine Niederlage.
Keine Grenzen: Donald Trump muss das Weisse Haus am 20. Januar räumen – aber er wehrt sich weiterhin gegen seine Niederlage.
Foto: Keystone

Kann das noch jemanden überraschen? Donald Trump hat sein halbes Leben damit verbracht, Politiker und Geschäftspartner einzuschüchtern und zu gängeln. Er hat die Präsidentschaft dazu missbraucht, sich persönliche Vorteile zu verschaffen. Sein Versuch, eine ausländische Regierung für die Sabotage seines Gegners Joe Biden einzuspannen, brachte ihm ein Impeachment ein.

Und nicht erst, aber besonders seit seiner Abwahl hat Trump mit jeder Wortmeldung gezeigt, dass er für die Demokratie seines Landes nur eines empfindet: ätzende Verachtung.

Einschüchterung und Erpressung

Nun also die nächste Grenzüberschreitung. Trump hat vor wenigen Tagen versucht, den Innenminister von Georgia dazu zu bringen, das Wahlresultat in dessen Bundesstaat noch zu drehen. Ein Mitschnitt des Telefongesprächs, vom Innenminister an die Medien weitergegeben, belegt, wie Trump dabei vorging: mit Einschüchterung und Erpressung.

Dieses Verhalten ist ebenso korrupt wie bizarr. Selbst wenn der Innenminister gewollt hätte, hätte er das Resultat nicht mehr nachträglich ändern können.

Der Präsident hat sich in seinen letzten Tagen im Weissen Haus eingebunkert und mit Leuten umgeben, die seine Paranoia unentwegt füttern.

Dass Trump sich trotzdem darum bemühte, zeigt, dass er wohl tatsächlich glaubt, Opfer eines gigantischen Wahlbetrugs geworden zu sein. Der Präsident hat sich im Weissen Haus eingebunkert und mit Leuten umgeben, die seine Paranoia unentwegt füttern. Anwälte und Weggefährten, die für ihn in der rechten Medienwelt auftreten, faseln von Kriegsrecht.

Trump selbst hetzt seine Anhänger auf und wiederholt in den auf Band festgehaltenen, phasenweise wahnhaften Ausführungen längst widerlegte Verschwörungstheorien. Es ist keiner ein Hysteriker, der sich Sorgen darüber macht, was in den letzten Tagen seiner Amtszeit noch passieren könnte.

Von wegen «Integrität»

Überraschend ist auch das nicht: Dass Trump sich mit jeder antidemokratischen Faser gegen seine Niederlage wehren würde, war absehbar. Befremdlich ist dagegen, wie viele Republikaner bei all dem immer noch mitmachen. Zwei Drittel der republikanischen Fraktion im Repräsentantenhaus und mindestens ein Dutzend Senatoren werden sich am Mittwoch hinter ein Manöver stellen, das zum Ziel hat, die formelle Bestätigung von Bidens Wahlsieg im Kongress noch zu verhindern.

Trumps Parteifreunde werden so sein Verhalten gutheissen und dies damit rechtfertigen, dass es doch nur darum gehe, die «Integrität der Wahlen» sicherzustellen – eine Integrität, um die sich Trump nachweislich nicht kümmert, wenn er den Innenminister von Georgia auffordert, für ihn zusätzliche Stimmen zu «finden».

Das Manöver im Kongress ist aussichtslos. Aber es zeigt, wohin viele Republikaner Trump zu begleiten bereit sind: in den demokratischen Abgrund.

79 Kommentare
    Max Meier

    Herr Cassidi, ich habe dieses Telefonat von Trump im Beisein von weiteren 12 Mitarbeitern irgendwie anders wahrgenommen. Aber wahrscheinlich ist mein Englisch einfach nicht gut genug.