Im Luxuszug durch exotische Landschaften

Draussen ziehen Reisfelder, Flüsse und winkende Menschen vorbei, drinnen herrscht grösster Luxus: Es gibt keine edlere Möglichkeit, von Singapur nach Bangkok zu gelangen, als mit dem Eastern & Oriental Express.

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Am Ende wird man es vermissen. Das hölzerne Knirschen und leise Vibrieren der Kabine, das freundlich bestimmte Klopfen morgens an der Kabinentür, mit dem der Steward das Frühstück ankündigt und sogleich serviert. Das Klirren und Klimpern des Silberbestecks auf dem Porzellanservice, nur leicht gedämpft vom dicken Teppich und den gepolsterten Möbeln, unterlegt vom steten Klackern der Schienen, das Knacken im Lautsprecher, das den Ansagen des Zugführers oder Train Managers vorausgeht. «Es tut uns sehr leid, dass wir in der Nacht zweimal hart bremsen mussten. Der Grund dafür waren Tiere auf den Schienen.» So klingt Luxus.

Über Croissants und Tee, die Augen auf die vorbeiziehende südostasiatische Landschaft gerichtet, vergisst man bald die ruckelige Nacht und hängt in Gedanken lieber noch einmal dem Abend zuvor im Salonwagen nach. Dort spielen sich die gelassensten Momente der Fahrt ab, die uns von Singapur quer durch Malaysia und Thailand bis nach Bangkok führt. Untermalt vom Pianisten Peter, den man schlicht als menschliche Jukebox bezeichnen darf, spielt er doch auf Zuruf jeden erdenklichen Song, kommen die Gäste hier beim abendlichen Gin Tonic ins Gespräch. Bernice aus Australien erzählt, dass sie sich auf der Fahrt von ihrer mehrwöchigen Reise durch Indien erholen möchte.

Sie war schon im Vorjahr dabei, als die Tour aber nur halb so lang dauerte. Nun, da der Veranstalter die Fahrtzeit auf sieben Tage verdoppelt und mit zusätzlichen Ausflügen aufgewertet hat, musste sie gleich nochmals dabei sein. Sie erzählt von indischen Tigern und sinniert darüber, ob sie wohl ihre pinkneongelben Turnschuhe auf die Ausflüge anziehen dürfe.Schliesslich gelten in dem Luxuszug tendenziell formelle Kleiderregeln, vor allem beim Nachtessen werden Anzug und Krawatte für die Herren und Abendkleid für die Damen erwartet. Was etwas steif tönt, passt aber bestens ins auf Zwanzigerjahre getrimmte Ambiente und wertet das Gesamterlebnis auf. Alles andere wäre stillos.

Kuala Lumpur auf die Schnelle

Nach dem Frühstück bleibt nur wenig Zeit für eine Dusche im eigenen Bad, das zwar eng ist, aber alles bietet, was man braucht. Bald schon fahren wir in Kuala Lumpur ein, wo unser erster Ausflug ansteht. Auf den bisherigen, dreitägigen Fahrten des Eastern Orient Express ist der Zug hier einfach durchgefahren, was viele Gäste bedauerten. Wir bekommen nun immerhin so etwas wie eine Schnellbleiche der malaysischen Hauptstadt, deren Reiz in der Mischung aus Asien und Arabien mit einem Schuss britischem Kolonialismus besteht.

Zwischen Moschee- und Marktbesuch kehren wir in einem Café ein, wo wir den lokalen Kaffee kosten: sirupdick und zuckersüss, dazu wird Toast mit Eier-Marmelade gereicht. Geschäftsleute und Damen geniessen ihn gleichermassen im weiss gekachelten, in Neonlicht getauchten Saal, dessen einziger Wandschmuck ein altes Foto der Beatles ist. Näher werden wir dem malaysischen Alltag nicht kommen. Und an Bernices Turnschuhen stört sich hier keiner.

Schon geht die Fahrt weiter, als Nächstes folgt mit dem Car ein Abstecher in die Cameron Highlands. Durch den Dschungel und vorbei an pittoresken Teeplantagen erreichen wir ein altes Landhaus. In diesem wurde der Seidenkönig Jim Thompson zum allerletzten Mal gesehen, bevor er 1967 für immer spurlos verschwand. Um den reichen amerikanischen Geschäftsmann, der in den Fünfzigern und Sechzigern die thailändische Seidenindustrie wiederbelebt hat, ranken sich seither zahlreiche Legenden, die besonders den britischen, amerikanischen und australischen Gästen bestens vertraut sind. Wir sind die Allerersten, die im frisch renovierten Haus für einen Apéro empfangen werden, ein nahe gelegenes Hotel hat das Anwesen erworben und nutzt es nun für exklusive Anlässe.

Pompöser Empfang im Sultanat

Der Eastern & Orient Express und seine Gäste werden auch andernorts bevorzugt behandelt. Den pompösesten Empfang bereitet man uns in der Provinzhauptstadt Kuala Kangsar. Der Sultan persönlich – neun der dreizehn Provinzen Malaysias sind bis heute Sultanate – hat sich um unser Programm gekümmert. Zur Ankunft am Bahnhof marschieren Tänzer und Musiker auf, ein riesiges Transparent heisst uns willkommen, und unsere Ausflugsbusse werden von einem guten Dutzend Polizeifahrzeugen eskortiert. Die lokale Presse ist vollzählig vertreten, und für einmal werden die Touristen öfter fotografiert, als sie selber Bilder schiessen.

Wir besuchen eine im mongolischen Stil erbaute Moschee von seltsamer, aber einzigartiger Schönheit, den provisorischen hölzernen Palast des Sultans, in dem er während der Bauzeit des heutigen Palasts gewohnt hat, sowie ein ihm gewidmetes Museum. Wir bestaunen des Sultans Thron, seine Garderobe, seine Schwerter, seine Sammlung von Rolls-Royce sowie seine zahlreichen Staatsgeschenke aus aller Welt. Am folgenden Tag ist unser Besuch auf den Frontseiten der Lokalpresse dokumentiert.

Uns hat der Zug längst weitergebracht. Gezogen wird er von zwei Dieselloks, hartgesottene Eisenbahnfans kommen also nur teilweise auf ihre Kosten. Der Nostalgiezug stammt aus den Siebzigern, wurde in Japan von Mitsubishi gebaut und fuhr eine Zeit lang in Neuseeland. Anfang der Neunziger hat ihn dann Eastern Oriental erworben und komplett umgebaut. Seither ist er mit maximal 130 Gästen an Bord in Südostasien unterwegs. Das professionelle Personal besteht mehrheitlich aus Thais, über 60 Stewards, Kellner und Köche sorgen für einen tadellosen Service. Der neuste Angestellte fährt seit vier Jahren mit, die meisten schon zehn und mehr.

So etwas wie ein zweites Zuhause ist der Zug für die Schweizerin Evelyn Kocsis, die seit einem Jahrzehnt Train-Managerin und somit oberste Gastgeberin an Bord ist. Sie verbringt phasenweise mehr Zeit im Zug als zu Hause in Bangkok. Doch sie geniesst ihre Arbeit und wird längst als Chefin akzeptiert; anfängliche Bedenken, dass eine Frau sich nicht durchsetzen könnte, haben sich zerstreut.

Brücken, Elefanten und Affen

Nachdem wir in der Nacht die Grenze zu Thailand passiert haben, steht nochmals Geschichte auf dem Programm. Wir statten der legendären Brücke am River Kwai, im Westen Thailands gelegen, einen lehrreichen Besuch ab (Hollywood hat mal wieder ganze Arbeit geleistet, in echt sieht alles ganz anders aus) und fahren über das nahe Tham-Kasae-Viadukt (pflichtbewusst von allen Gästen fotografisch festgehalten). Eindrücklich auch der Besuch eines alten, von Bäumen überwucherten Khmer-Tempels im Muang Sing Historical Parc.

Die lebendigsten Erinnerungen bei den Besuchern hinterlassen aber Elefanten und Affen, die beide in Thailand als Arbeitstiere gehalten werden. Dass Elefanten auch als Reittiere für Touristen herhalten müssen, überrascht nicht. Was hingegen die kleinen Affen im Monkey College von Surat Thani alles draufhaben, das ist bemerkenswert. Thailändische Bauern haben die putzigen Tiere seit je für das Pflücken von Kokosnüssen verwendet respektive dazu geprügelt. Bis Somporn Saekhow fand, das müsse auch ohne Gewalt möglich sein, und Ende der Fünfziger seine buddhistisch orientierte Affenschule gründete. Hier bildet mittlerweile seine Enkelin Affen aus.

Die Tiere müssen zwar immer noch mit eisernem Halsband und angebunden leben, lernen aber mit etwa zwei Jahren für ein halbes Jahr spielerisch und mittels Belohnungen, dem Menschen zur Hand zu gehen. Sie holen Kokosnüsse aus dem Fluss, öffnen die dicksten Seemannsknöpfe, tauchen nach Gegenständen oder lernen, wie man auf dem Mofa fährt – als Beifahrer versteht sich. So ein Affe kann bis zu tausend Kokosnüsse am Tag pflücken, Menschen schaffen maximal ein Drittel. Die Affen arbeiten rund 15 Jahre lang voll, später gibt man ihnen nur noch leichtere Aufgaben; sie werden bis 25 Jahre alt.

Trotz des ausgebauten Angebots an Ausflügen, die leider zeitlich immer knapp bemessen sind und kaum Freiraum für eigene Erkundungen lassen, bleibt der Zug das eigentliche Highlight der Reise. In knapp fünf Minuten hat man ihn übrigens von ganz vorne bis ganz hinten durchschritten, wie ein kleines Wettrennen unter Gästen ergibt. Je näher Bangkok rückt, desto lockerer wird die Stimmung und mit ihr übrigens auch die Kleiderordnung.

Konstant formidabel ist und bleibt, was der französische Chefkoch und seine Crew aus den winzigen Zugküchen auf den Tisch zaubern. Zweimal täglich in mindestens vier Gängen verwöhnen sie uns mit Leckereien auf höchstem Niveau. Zum Schluss wird es allerdings auch dem grössten Feinschmecker etwas zu viel, und man wird die Völlerei, anders als die nach sieben Tagen so vertraute Geräuschkulisse, nicht so arg vermissen.

Diese Reportage kam auf Einladung des Eastern & Oriental Express zustande.

Tages-Anzeiger

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