Im kolonialen Indien

DerBund.ch/Newsnet-Journalisten präsentieren täglich einen Sehnsuchtsort. Heute: Das Indien von damals.

Der Baumwolleinkäufer lässt sich bedienen: Guntur, ca. 1912 (Bild:  Privatarchiv)

Der Baumwolleinkäufer lässt sich bedienen: Guntur, ca. 1912 (Bild: Privatarchiv)

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Mein Sehnsuchtsort hat mit dieser vor über hundert Jahren entstandenen Fotografie zu tun, die seit Jahrzehnten in einem ausgeleierten Holzrahmen auf meinem Pult steht. Entstanden ist sie in Guntur, nördlich von Chennai (damals Madras). Der noch nicht dreissigjährige Weisse darauf schaut keck in die Welt, eine Spur von Arroganz ist nicht abzustreiten. Ein Diener serviert ihm ein Getränk, Wasser wohl, vielleicht auch Gin Tonic, das man damals als Mittel gegen Malaria einnahm, aber der Bediente war nicht als Trinker bekannt. Es ist mein Grossvater.

Sieben Jahre lebte Arnold R. in Indien, als Baumwolleinkäufer für die Firma Volkart. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwang ihn 1914, in die Schweiz zurückzukehren. Er fand eine Anstellung als englischer Korrespondent bei der Textilmaschinenfirma Dubied im Val de Travers. Gezwungen, die Kriegszeit im – wie er schrieb – «tödlich langweiligen Juranest» als «einfacher Schreiberling» zu verbringen, hoffte er auf «schönere, freiere Zeiten, Friede und Völkerfrühling» … und auf seine baldige Rückkehr nach Indien.

Auf dem Bahnsteig in Ins traf er eine flüchtige Bekannte aus Murten. Zwei Tage später schrieb er ihr einen ersten Brief, in dem er sie um ein Rendez-vous im Bahnhofbuffet 2. Klasse in Neuenburg bat. «Dass Sie das letzte Mal meine langweilige Gesellschaft geduldet haben, gibt mir den Mut zu fragen, ob Sie mir nochmals einen Nachmittag widmen wollen», stand dann im nächsten Schreiben, dem 148 weitere folgen sollten. Die Anrede darin wechselte schon bald, aus dem «werten Fräulein» wurde «mein liebes Greti» und nach der Verlobung im Juni 1918 schickte er ihr «Viele Grüsse an alle und tausend Müntschi Dir».

Arnolds Briefe hatte ich als junger Mann auf dem Estrich gefunden, sie begleiten mich seither, sein Traum von Indien wurde meiner. Natürlich will ich darin nicht als Kolonialist Gin trinken. Sondern diese längst vergangene Welt rekonstruieren, in einem Buch, vielleicht einem Film, die Sehnsüchte konfrontieren mit der Wirklichkeit, in der mein Grossvater die zögernde Grossmutter in schönsten Worten zu einem gemeinsamen Aufenthalt im «fernen Sonnenlande» überreden wollte, diese Reise schliesslich gar zur «conditio sine qua non» ihrer Beziehung machte.

Diese Fotografie steht also weniger für einen konkreten Ort. Sondern für das Gefühl, auch als «einfacher Schreiberling» die grossen Träume im Auge zu behalten. Hartnäckig zu bleiben, selbst wenn es anders herauskommt: Mein Grossvater ist schliesslich, nach dem Weltkrieg, ohne seine Verlobte auf eine fast zweijährige Weltreise Richtung Indien, Japan und Australien aufgebrochen, um die nach dem Krieg verschütteten Geschäftsbeziehungen der Firma Dubied wieder aufzubauen. Nach der Rückkehr hat er Greti geheiratet, die beiden haben die Schweiz kaum mehr verlassen.

Und ich war noch nie in Indien. Aber das Foto bleibt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.07.2018, 10:32 Uhr

Collection

Sehnsuchtsort

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