Gut betuchte Prominenz

Wenn Starfotograf Mario Testino ruft, wickeln sich alle ein und lassen sich in Frottee ablichten.

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Fotograf Mario Testino mag das perfekt inszenierte Bild, glamouröse Zeitgenossen und grosse Gesten. Es erstaunt also nicht, dass Prinz William und Herzogin Kate – wie auch Diana vor ihnen – stets den Peruaner als persönlichen Fotografen für offizielle Familienbilder engagieren. Testinos Bilder der royalen Familie sind wie alles, was er tut: irgendwie lieb, gerne glamourös, oft ausgelassen und meistens «ohne Dreck».

Vor fast zwei Jahren – es geschah während eines Modeshootings mit Kate Moss – beobachtete Testino, wie das Model mit einem um den Kopf gewickelten, weissen Frotteetuch aus der Dusche schlenderte. Testino mochte, was er sah, und beschloss, die Szene festzuhalten. Er stellte das Bild auf Instagram. Darauf zu sehen: Kate Moss’ ungeschminktes Gesicht, just in jenem Moment festgehalten, in dem das Make-up weggewaschen und wirklich gar nichts mit perfekt geföhnten Haaren rauszuholen ist, weil die ja unter Frottee verborgen waren. Testino fing einen Moment ein, der an Natürlichkeit nicht zu überbieten war. Er verströmte nicht nur Authentizität, sondern auch Verletzlichkeit.

Untypisch unperfekt

Die Resonanz war riesengross. Testinos untypisch unperfektes Bild traf einen Nerv und wurde aber zu einem Zeitpunkt veröffentlicht, der es erlaubte, sich ohne Farbe im Gesicht der Öffentlichkeit zu präsentieren. Promis fotografierten sich so, wie man morgens aussieht, nämlich nicht zurechtgemacht, und liessen ihre Follower damit wissen, dass ihnen mehr Normalität anhafte, als man annehmen würde.

Duschen tut nicht nur das verschwitzte Fussvolk, sondern auch Kate Moss.

Hinzu kam, dass Menschen wie Kate Moss, die in Modestrecken immer bis auf die kleinste Strähne perfekt zurechtgerückt sind, ihre Modeljobs endlich einmal richtig erklärten und nicht beschönigten: Selbst wenn man so berühmt ist, dass Mario Testino einen fotografieren möchte, ist man kein Übermensch. Duschen, das tut also offenbar nicht nur das arme, verschwitzte Fussvolk, sondern auch Kate Moss.

Eine ätherischen Leichtigkeit

Testino beschloss, die Sache mit den Frotteetüechli unter dem Titel «Towel ­Series», Handtuch-Serie, weiterzuführen. Mittlerweile ist daraus ein Grossprojekt mit Eigendynamik geworden: Wer auch immer vom Starfotografen porträtiert wird, hält zudem gleich noch bereitwillig den betuchten Kopf oder Lendenbereich für ein Backstage-Foto der besonderen Art hin. Auch Miley ­Cyrus, Cara Delevingne, Justin Bieber oder Cristiano Ronaldo wurden bisher auf schwarzweissen Instagram-Bildern verewigt. Ihnen allen ist es freigestellt, auf welche Weise sie sich mit dem weissen Handtuch inszenieren möchten.

Natürlich sind die meisten Bilder nicht mehr so spontan und unvorbereitet, wie das anfangs mit Kate Moss war. Testinos Sinn für die perfekte Inszenierung hat sich eingeschlichen. Nichtsdestotrotz: Die Serie besticht noch immer durch eine ätherischen Leichtigkeit. Und das gilt sogar für das neueste Bild, das Mario Testino geschossen hat: von Anna Wintour nämlich, der doch so strengen Chefin der US-«Vogue».

Tages-Anzeiger

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