Schuss aus der Hüfte

Wieder einmal wird Terry Richardson von einem Model der sexuellen Belästigung bezichtigt. Nun tobt die Debatte: Nutzt der Starfotograf seine Position aus – oder unterbreitet er den Frauen einen fairen Deal?

  • loading indicator
Philippe Zweifel@delabass

Fällt das unter «Déformation professionnelle»? Für Starfotograf Terry Richardson haben sich schon Tausende Menschen ausgezogen. Nun steht der Amerikaner im Verdacht, ein Model sexuell bedrängt zu haben. Die Engländerin Emma Appleton hat eine Nachricht von Richardson online gestellt: «Wenn ich dich vögeln darf, buche ich dich für ein ‹Vogue›-Shooting in New York».

Richardson bestreitet dies. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass er wegen angeblicher sexueller Belästigung für Schlagzeilen sorgt. Vor einem Monat berichtete die Kunststudentin Charlotte Waters, der Fotograf habe ihr während eines Shootings den nackten Hintern abgeleckt und unflätige Handlungen vor ihr vollzogen. Ähnliche Erlebnisse mit Richardson hatten offenbar auch andere Nachwuchsmodels. Eine erzählte, wie Richardson ihren Tampon zum Teebeutel umfunktionieren wollte.

Videoclip für Miley Cyrus

Der 48-Jährige ist der Sohn des berühmten Modefotografen und Warhol-Kollegen Bob Richardson. Richardson junior gilt als bestbezahlter Fotograf der Welt, sein Jahresverdienst beträgt knapp 100 Millionen Dollar. Zu seinen Kunden zählen die Modefirmen Gucci und Armani. Vor seiner Linse hatte er Kate Moss, Karl Lagerfeld und Barack Obama. Richardson hat schon den «Vogue»-Kalender gestaltet sowie den Pirelli-Kalender. Unlängst inszenierte er das Musikvideo «Wrecking Ball» von Miley Cyrus. Darin turnt die Sängerin halbnackt auf einer Abrissbirne rum.

Diese Ironisierung der Porno-Ästhetik ist zum Markenzeichen des Fotografen geworden, seit er 2001 für die Modemarke Sisley ein Model auf einem Bauernhof mit einer milchigen Flüssigkeit hantieren liess. Richardson ist der Mann, der der Modeindustrie bewiesen hat, wie schick es sein kann, unanständig zu sein. Er selbst beurteilt seine Arbeit als «Kunst, die Grenzen überschreiten soll».

Wo diese Grenzen genau verlaufen, wird seit den jüngsten Vorwürfen hitzig diskutiert. Handelt es sich bei Richardsons Übergriffen um einen Strafbestand? Oder um eine moralische Verfehlung? Laut US-Gesetz ist die Rechtslage am Arbeitsplatz eindeutig. Alle unerwünschten Annäherungen sind strafbar, die sexueller Natur sind und sich an eine bestimmte Person richten. Bloss: Die Models, mit denen Richardson zusammenarbeitet, sind Freelancer – für sie gelten diese Richtlinien nicht, weil kein Arbeitsverhältnis besteht. Gefallen ihnen seine Arbeitsmethoden und Avancen nicht, können sie theoretisch anderswo anheuern. Liberale Gemüter sehen in Richardsons Sex-Angebot an Appleton denn auch nichts Verwerfliches, sondern einen fairen Deal: Sex gegen Berühmtheit.

Wenig Widerstand in den Chefetagen

Auf diesen Standpunkt stellt sich auch Richardson, der nun zum ersten Mal öffentlich auf einen Missbrauchsvorwurf reagiert hat: «Ich habe nie einen Arbeitsauftrag missbraucht, um jemanden zu etwas zu zwingen, das nicht gewollt war.» Gerade hier sehen einige Kommentatoren das Problem. Zum einen sind Newcomermodels auf jegliche Jobs angewiesen, andererseits ist es für Richardson ein Leichtes, eine Karriere zu zerstören. Als Fotograf liefert er der Industrie den Sexappeal, und seine Arbeitsmethoden stossen in den Chefetagen der Magazine und Modefirmen auf entsprechend wenig Widerstand.

«Du bist in der Modeindustrie und erstaunt über Terrys Nachricht? Dann hast du den falschen Beruf», soll ein bekannter Designer Appleton geschrieben haben. Das ist noch höflich formuliert. Auf Richardsons Visitenkarte stand lange das Motto: Snap the best, rape the rest - fotografier die Besten, vergewaltige die Anderen.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt